Baden-Württemberg: 42.000 junge Menschen finden nicht direkt in den Beruf
Von Axel Habermehl, RNZ Stuttgart
Stuttgart. Manchmal geht es um einen morgendlichen Anruf: Sind Sie schon wach? Schaffen Sie es auch pünktlich zu Ihrer Praktikumsstelle? Mit diesem Beispiel für die Arbeit eines regionalen "AV-Dual-Begleiters" deutete Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) am Donnerstag bei einem Kongress in Stuttgart an, um welche Art von Unterstützung es in diesem Feld staatlicher Fürsorge für Jugendliche geht.
Es ist nicht die einfachste Klientel, an die sich die Konzepte für den Übergang von der Schule in den Beruf richten. Oft gehe es erst einmal um Fragen wie: Wie strukturiere ich überhaupt meinen Tag? Und erst dann um: Was will ich arbeiten? Welche Berufe kommen überhaupt in Frage? Wie bewerbe ich mich?
Jedes Jahr verlassen tausende Schüler in Baden-Württemberg die Schule ohne Abschluss. Auch viele Hauptschulabsolventen tun sich schwer bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Etliche haben in der Schule nicht die nötige Grundlage mitgenommen. Vielen fehlen Basis-Fertigkeiten, manche können sich für gar nichts motivieren. "Es geht bei diesen Jugendlichen um eine ganz individuelle, enge Begleitung", sagte Eisenmann. Gemeinsam mit Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) berichtete sie von verstärkten Anstrengungen, die das Land deshalb unternimmt.
Worum geht es genau? Um den Übergang zwischen Schule und Beruf für Jugendliche, die den Sprung nicht aus eigener Kraft schaffen. Knapp 42.000 junge Menschen im Land stecken in diesem Übergangsbereich. Ihre Pflicht-Schulzeit ist vorbei, doch sie besuchen spezielle Bildungsgänge an beruflichen Schulen oder Berufsvorbereitungs-Angebote der Agentur für Arbeit. 9800 Personen sind in Vollzeit in verschiedenen berufsvorbereitenden Bildungsgängen.
Schon 2013 hat das "Ausbildungsbündnis Baden-Württemberg", ein Zusammenschluss von Politik, Wirtschaftsverbänden und Verwaltung beschlossen, diese Maßnahmen und Programme neu aufzusetzen und vieles zu bündeln. Inzwischen haben sich einige bewährt und sollen deshalb bis 2025 immer weiter in die Fläche ausgerollt werden.
Was sind die Ziele? Es sollen mehr Jugendliche direkt nach der Schule in Ausbildung kommen. Jugendliche mit Förderbedarf will man so vorbereiten, dass sie wenigstens möglichst "ausbildungsreif" werden. Davon profitieren natürlich sie selbst, aber auch die Wirtschaft. Derzeit gibt es rund 9000 unbesetzte Ausbildungsplätze im Land. Und auch die Allgemeinheit hat ein großes Interesse: Jeder Bürger, der seinen Lebensunterhalt selbst decken kann, fällt nicht dem Sozialsystem zur Last.
Welche Programme werden ausgebaut? Vor allem das "Regionale Übergangsmanagement" auf Kreisebene und der Bildungsgang "Ausbildungsvorbereitung dual" (AV-Dual) an beruflichen Schulen. Bisher gibt es den an 53 Schulen und in etwa der Hälfte der Kreise. Bei AV-Dual versuchen Lehrer, Jugendliche, die es allein nicht schaffen, möglichst individuell auf das Berufsleben vorzubereiten. Es geht vor allem um Grundfertigkeiten, etwa in Deutsch oder Mathematik. Zugleich werden die Teilnehmer in Praktika vermittelt und bei deren Absolvieren eng begleitet. Hier hofft man auf den "Klebeeffekt" – dass sich also Praktikanten in Betrieben bewähren und so den Übergang in Ausbildungen oder reguläre Jobs schaffen.
Funktioniert das? Die Programme wurden unabhängig evaluiert. Ergebnis: 36 Prozent der Absolventen von AV-Dual schafften es zuletzt in eine Ausbildung. "Angesichts der Tatsache, dass über 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler bei Eintritt in den Bildungsgang keinen Schulabschluss haben, ist dies ein beachtlicher Erfolg", findet Hoffmeister-Kraut. Besonders gut laufen aus Sicht der Landesregierung die Praktika. 70 Prozent der Übergänge in Ausbildung erfolgten in Betriebe, in denen die Schüler zuvor ein Praktikum machten. Auch aus Sicht des Landkreistags, des Handwerkkammertags und der Regionaldirektion der Agentur für Arbeit haben sich die Programme bewährt.