Mosbacher Scheithauer-Brunnen: Und plötzlich ist das Kunstwerk weg
Von Peter Lahr
Mosbach. Wer kennt das nicht: Die Suche nach dem Autoschlüssel, der eben noch auf dem Tisch lag? Gerne verschwindet im Alltag auch mal der Geldbeutel oder das Maxx-Ticket der Kinder. Aber dass gleich ein ganzer Brunnen aus Metall so mir nichts dir nichts "verschwindet", das kommt eigentlich nicht so häufig vor. Doch genau davon berichtete ein erstaunter Mitbürger der RNZ: Der Brunnen vor dem ehemaligen Mosbacher Fernmeldeamt, geschaffen vom Dallauer Künstler Rainer Scheithauer (1931-1992), ist nicht mehr da!
Wie kann das sein? Es begann eine Spurensuche, die die Erfahrung zahlreicher Historiker und Juristen schnell bestätigte: Von ein und demselben Vorgang kann es recht unterschiedliche Auffassungen geben. Zunächst ging es um die Frage: Wie sah der verschwundene Brunnen eigentlich aus? Vor Ort befand sich ja nur noch eine Baustelle. Nach einigen vergeblichen Anfragen bei Mosbacher Fotografen und dem ebenso vergeblichen Durchblättern von Scheithauers großem Werkkatalog - entstanden 1991 anlässlich seines 60. Geburtstags - konnte die in Heidelberg lebende Tochter Nora Walls von der Erbengemeinschaft Scheithauer mit einer Schwarzweiß-Fotografie aus dem persönlichen Nachlass des Künstlers aushelfen.
Zuvor hatte schon Manfred Biedert die Historie des Fernmeldedienstgebäudes abgeklärt. Bereits am 1. August 1978 wurde der Spatenstich der 2,9 Millionen D-Mark teuren Außenstelle des Heidelberger Fernmeldeamts gefeiert. Im April 1981 eröffnete man den zweiten Bauabschnitt. Da der Brunnen genau an der Schnittstelle der beiden Gebäudeteile lag, ist davon auszugehen, dass damals der Scheithauer-Brunnen im Rahmen der "Kunst am Bau" installiert wurde. "Kunst am Bau" ist eine Verpflichtung insbesondere des Staates als Bauherr, aus seinem baukulturellen Anspruch heraus einen Anteil - meist um die ein Prozent - der Baukosten öffentlicher Bauten für Kunstwerke zu verwenden.
"Urwüchsige Kreativität, eine lebenszugewandte Ästhetik und einen vielfältigen Ausdruck" bescheinigte zehn Jahre später Regierungspräsident Dr. Karl Miltner dem Werk Rainer Scheithauers. Scheithauer war aktives Gründungsmitglied des Kunstvereins Neckar-Odenwald und fertigte im Laufe seiner gut 30 Jahre in Dallau über 40 Brunnen und zahlreiche Betonreliefs; von der Zentralgewerbeschule Buchen bis zum Adenauerplatz in Heidelberg reicht die Verbreitung seiner vital sprudelnden Brunnen.
Heute befindet sich das Gebäude des ehemaligen Fernmeldeamts im Besitz des Planungsbüros IFK. Dessen Stadtplaner Jürgen Glaser konnte das Rätsel des verschwundenen Brunnens lösen: Im Rahmen aktueller Umbauten würden neue Autostellplätze benötigt - da sei der Brunnen im Weg gewesen. Man habe der Stadt die gesamte Maßnahme im Bauantrag vorgelegt und eine Genehmigung erhalten, betont der Planer. Der Abbruch des Brunnens sei ordnungsgemäß erfolgt, alle öffentlichen, rechtlichen Belange seien seitens der Stadt geprüft worden.
Dass es eine Trennlinie zwischen "Kunst am Bau" und Denkmalschutz gibt, bestätigt Mathias Burkhard, Leiter des Referats für Raumordnung, Baurecht und Denkmalschutz am Regierungspräsidium Karlsruhe. Wenn etwas nicht unter Denkmalschutz stehe, könne der Besitzer mehr oder weniger damit machen, was er wolle. Anders als etwa für die meist gut dokumentierten Kleindenkmäler, gebe es nicht einmal ein Verzeichnis der "Kunst am Bau". "Bereits gekaufte Brunnen gehen in das Eigentumsverhältnis des neuen Besitzers über", weiß auch Nora Walls um die juristische Seite der Medaille. Nicht unbedingt geklärt ist damit allerdings die Frage, inwieweit die Allgemeinheit ein Recht an einem Kunstwerk hat.
Gelungene Alternativen zum Brunnenentsorgen gibt es durchaus: So ließ die Stadt Mosbach einen nicht mehr benötigten Scheithauer-Brunnen nach einiger Wartezeit im Depot in Diedesheim an einem neu geschaffenen Platz (ehemals Hengstenberg) wieder installieren.
"Es ist nicht leicht, geeignete Plätze und Lagerstätten zu finden", bestätigt Nora Walls. Auch sie sei bereits in zwei Fällen in der misslichen Lage gewesen, Brunnen nach Androhung von Zwangsräumung "entsorgen" zu müssen. Deshalb freut sie das Beispiel von Mannheim-Rheinau besonders. Da konnte der alte Scheithauer-Brunnen nach der kompletten Platzneugestaltung durch ein Berliner Planungsbüro erhalten werden - wofür sich Bürger explizit ausgesprochen hatten. Allerdings sei er jetzt senkrecht aufgestellt worden, als Plastik. Manchmal hilft es eben, um die Ecke zu denken.