Schockvideo zum "Monat der Fahrradsicherheit": Millisekunden, die alles entscheiden (plus Video)
Von Holger Buchwald
Heidelberg. Die Ampel für die Autofahrer springt auf Grün, da rauscht noch schnell ein Radler von rechts nach links durchs Bild. Kurz darauf ist der Wagen mit der eingebauten "Dashcam" schon an der Kreuzung kurz vor dem Stadtgarten. Die Kamera nimmt auf, wie eine junge Radlerin, ohne auch nur einmal nach links zu schauen, direkt vor dem Auto auf die Straße fährt und frontal erfasst wird. Die Frau und ihr Damenrad fliegen in hohem Bogen durch die Luft.
Die Radlerin, die an diesem 13. Juli 2016 gefilmt wurde, hatte Glück, dass sie frontal erfasst wurde und daher nicht unglücklich auf der Windschutzscheibe aufschlug. Sie erlitt lediglich eine Hüftprellung. Sehr viel gravierendere Folgen hatte ein Unfall, der sich mehr als zwei Jahre später an derselben Stelle ereignete.
Ein 51-jähriger Mann fuhr am 11. Oktober gegen 6.30 Uhr mit seinem Mountainbike bei Rot von der Gaisbergstraße in Richtung Adenauerplatz. Der Aufprall mit dem herannahenden Auto war so stark, dass die Windschutzscheibe des Kia, der nach Ansicht des Sachverständigen höchstens die erlaubten 50 Stundenkilometer fuhr, zerbarst. Der Radler, der keinen Helm trug, erlitt schwerste Kopfverletzungen. Bleibende Schäden sind nicht auszuschließen.
Es war dieser Unfall, der für Dieter Schäfer, Leiter der Verkehrspolizei am Präsidium Mannheim, den Ausschlag gab, das Thema Fahrradsicherheit wieder verstärkt in den Fokus zu nehmen. Alle Verkehrspolizisten in Heidelberg und in Mannheim sind über den gesamten November hinweg angewiesen, mindestens eine halbe Stunde pro Tag Radler zu kontrollieren. "Die Leute sollen wahrnehmen, dass wir etwas tun", sagt Schäfer. Die Beamten hätten es besonders auf die unfallträchtigsten Regelverstöße abgesehen: Geisterradeln entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung, Rotlichtverstöße und Radfahren bei Dunkelheit ohne Licht.
"Ich will keinen Alarmismus betreiben", sagt Schäfer. Bei geschätzten elf Millionen Fahrradkilometern in Heidelberg registrierte die Polizei im gesamten Jahr 2017 lediglich 326 Radunfälle. Aber: Immerhin 33 Radler wurden schwer und 240 leicht verletzt, einer sogar getötet. Mit den nun angeordneten Kontrollen geht es dem Polizisten darum, weitere Unfälle zu verhüten. Schäfer nennt das "Prävention mit Nadelstichen". Diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten, lediglich zu ermahnen, bringe nichts. Schäfer weist in diesem Zusammenhang auf die "Aktion Plus 5" hin: Die Radler sollen sich auf ihrem Weg fünf Minuten mehr Zeit nehmen, um regelkonform und vor allem sicher ans Ziel zu kommen. Zugleich sollen Autofahrer beim Abbiegen auch immer auf den Schulterblick achten.
Schäfer wirbt auch dafür, dass die Radler einen Helm tragen. Laut einer Studie des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, die Hunderte Radunfälle auswertete, wurde nicht ein Radler, der einen Helm trug, getötet. Die schlimmste Kopfverletzung war in diesen Fällen eine Gehirnerschütterung.
Die Ampel vor dem Gaisbergtunnel wird im Übrigen sehr häufig missachtet, dies können die Verkehrspolizisten sogar von ihrem Lehrsaal in der Rohrbacher Straße aus beobachten. Die Stelle sei zwar gefährlich, aber kein Unfallschwerpunkt, so Schäfer. Nach dem Unfall vom Oktober wurde auch die Ampelschaltung überprüft. Laut Schäfer ist sie vollkommend ausreichend: Erst drei Sekunden, nachdem die Radler Rot erhalten haben, springt die Ampel der Autofahrer auf Grün. Auch an dieser Stelle wird es im November Kontrollen geben.