Heidelberg: Singen als Ausgleich zum stressigen Studium
Von Daniela Biehl
Heidelberg. "Purify", englisch für "reinigen", ist kein einfaches Wort, wenn man es singt. Erst recht nicht, wenn es swingen soll, um Händels "And he shall purify" in eine Rocknummer zu verwandeln. Brav soll es nicht klingen, "dann hätte das Lied keine Seele", meint Xavier Detzel und legt den Songtext zur Seite. "Die Noten vergesst ihr", sagt der Dirigent. Zumindest für diesen Moment. Denn jetzt soll der Chor der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) lernen, mit Emotionen zu singen. Detzel hebt seinen Taktstock - und erhält prompt ein rhythmisches, wildes "and he shall purif-y-y-y". Der Chor mit seinen rund 100 Studenten stampft, wie zu Queens "We will rock you". Detzel ist zufrieden.
Es ist Montagabend, und wie jede Woche probt der ESG-Chor in der Peterskirche. Einzelne Sänger erhalten zeitgleich stimmbildenden Unterricht im benachbarten Karl-Jaspers-Haus. David Kirschen, Vorsänger unter den Bässen, teilt die nächsten Liedzettel aus. Händels "Messiah", erzählt er, sei ein Oratorium in drei Teilen. "Es gibt die Prophezeiungen aus dem Alten Testament, Jesus Geburt sowie das Thema Tod und Auferstehung, das am Ende aufgegriffen wird."
Dass man im Winter ein Oratorium auf die Beine stelle, habe Tradition, sagt Viktor Braun. Seit drei Jahren ist der Medizinstudent im Chor und schätzt die Abwechslung. "Wir machen es ganz konventionell im Winter, aber im Sommer singen wir a cappella." Das seien dann oft Popsongs, Musicallieder oder auch Filmmusik. "Alles, was Spaß macht", sagt Braun. Schließlich wählen die Studenten ihr Programm selbst aus - wenn auch nach Rücksprache mit Detzel. Und es sind auch die Studenten, die Chorfahrten und Proben organisieren, die ein zweieinhalbstündiges Oratorium in nur knapp zehn Wochen lernen - und das bis zu den letzten Proben ganz ohne Orchester.
Es ist ein zeitaufwendiges Hobby, bei dem sich die Frage aufdrängt: Was treibt junge Menschen dazu, neben einem meist durchgetakteten Studium musikalisch so aktiv zu sein? Patrick Schygulla, Physikstudent im vierten Mastersemester, hat darauf einfache Antworten: "Gerade in der Klausurenphase muss man ausbrechen, um sich nicht völlig zu überarbeiten", sagt er. Oder: "Manchmal bin ich nach den Proben so tiefenentspannt, dass man meinen könnte, ich hätte einen Wellnesstag gehabt."
Die Notenblätter sind verteilt. Am Klavier nimmt Pia Michel ihren Platz ein - sie muss für die Probe das Orchester ersetzten. Ihr Blick schweift über die Tasten, dann beginnt sie zu spielen. Erst zaghaft, dann immer lauter setzt der Chor ein, dann blitzt Dynamik auf. "Solche Stücke sind toll", meint Hannah Wacker später. "Wenn sich die Stimmung schlagartig ändert, und man von der Musik selbst überrascht wird." Für die 28-jährige Rechtsreferendarin ist das ein "Gänsehaut-Moment". Sie ist, wie einige wenige, dem Chor nach ihrem Studium treu geblieben und sagt: "Es ist schön, dass man hier immer willkommen ist."
"Pause", ruft Detzel. Manche gehen die Lieder noch einmal durch, andere erzählen vom Glücksgefühl, das sie überkommt, wenn sie singen - etwa Carmen Streibel. Die Medizinstudentin kam vor vier Jahren zum Chor, um Anschluss zu finden, nachdem sie nach Heidelberg gezogen war. "Musik hat mich durch die ersten Semester begleitet", sagt sie. "Und sie fehlte mir, wenn ich nicht zu den Proben konnte."
Der Dirigent lächelt, als Streibel das erzählt. Auch er will vermitteln, "dass Musik etwas ist, das einen trägt". Deshalb gibt es bei ihm, anders als bei den meisten Studentenchören, am Anfang des Semesters kein Vorsingen. "Damit sollen gute Sänger herausgefiltert werden. Aber ich glaube, es schreckt auch ab", meint Detzel - er scheut sich nicht davor, ungeübte Sänger erst noch zu formen.
Info: Der ESG-Chor führt Händels "Messiah" am Sonntag, 4. Februar, um 19 Uhr in der Peterskirche auf. Karten zu 11 und 16 Euro gibt es unter anderem beim RNZ-Ticketservice, Neugasse 4-6, Telefon: 06221 / 5191210.