Brühlerin in Irland: Hausaufgaben ohne Zauberstab (plus Video)
Von Sebastian Blum
Brühl. Die schwarzen Umhänge der beiden Schüler flattern um ihre Knöchel, als sie zügig einen steinernen Korridor entlang eilen. Sie kommen gerade aus der Astronomiestunde und haben sich mal wieder verlaufen - wie so viele Räume ist auch das Klassenzimmer von Miss Hennessy gut versteckt. Sie müssen flink in den Gemeinschaftsraum, um ihre Hausaufgaben zu erledigen, denn es ist "Exodus Weekend" - alle Schüler dürfen am Wochenende das Schloss verlassen.
Dass Hogwarts Realität wird, hat sich mindestens eine ganze Generation Elfjähriger gewünscht, lange noch, bevor die preisgekrönten Verfilmungen der Bücher über die Abenteuer von Harry Potter herauskamen. Und es gab viele enttäuschte Gesichter, als der Wildhüter Rubeus Hagrid auch am zwölften Geburtstag nicht die Tür eingeschlagen hatte. Nicht so bei Charlotte Klingmann: Für sie ist der Traum zumindest beinahe wahr geworden.
Auch wenn die 15-jährige Brühlerin für die Hausaufgaben keine komplizierten Trankformeln oder Zaubersprüche lernen muss und am "Exodus Weekend" auch nicht nach Hogsmead geht, um Butterbier zu trinken, sondern zu ihrer Gastmutter Afric. Charlotte ist seit September aber eine Schülerin, die durch lange Korridore hastet und Unterrichtsräume sucht. "Man kann manche Klassenzimmer von Lehrern gar nicht pünktlich finden", sagt sie lächelnd. Charlotte ist seit September für ein Jahr am St. Columba’s College, einer Eliteschule im Süden von Dublin.
Dass in den Gemäuern des Internats die silbrigen Geister fehlen, die bei Harry Potter durch die Korridore von Hogwarts schweben, stört sie nicht im Mindesten. "Wir wurden aber am Anfang auch in Häuser eingeteilt", sagt sie, "es gibt insgesamt sieben Stück." Sie selbst lebte erst im Hollypark-Haus, musste nach den Weihnachtsferien aber umziehen.
Für den Kontakt zur Außenwelt braucht sie weder Pergament noch Eule. Gegen Heimweh helfen Skype und Face-Time, und deshalb ist das auch nicht so schlimm: "Es gibt so viele Eindrücke, dass man gar nicht über daheim nachdenken kann." Charlotte ist in Brühl groß geworden und geht in Mannheim aufs Gymnasium. Schon vor mehr als zwei Jahren äußerte sie gegenüber ihren Eltern den Wunsch, ein Jahr an einer englischsprachigen Schule verbringen zu wollen.
Hogwarts kam natürlich nicht in Frage, und England musste sie sowieso ausschließen, weil sie das Schuljahr dort nicht anerkannt bekommen hätte. Und: "Die USA sind zu weit weg, wenn bei meiner Familie etwas passiert", erklärt Charlotte, wieso ihre Wahl letztlich auf Irland gefallen ist. Ihre Freunde hatten auch genügend Zeit, sich von ihr zu verabschieden. "Ich wusste schon im November 2016, dass ich gehe." Am besagten "Exodus-Wochenende" dürfte sie sogar alle paar Wochen nach Brühl kommen. Das macht Charlotte aber selten, viel lieber verbringt sie die Zeit bei Afric. "Da funktioniert wenigstens Netflix", lächelt sie. Der Streamingdienst wird vom Internats-W-Lan blockiert. "Genau wie ausschlafen", fügt sie hinzu. Aber auch das kann sie bei Afric nachholen. Nachdem sie jeden Morgen - auch samstags - um 7.35 Uhr am Frühstückstisch in der Großen Halle Platz nehmen muss, anschließend von der Aufsichtslehrerin in den Gottesdienst eskortiert wird und dann um 8.45 Uhr die erste Schulstunde beginnt - mit ausgefallenen Fächern wie Astronomie, Drama oder Grafikdesign. Da bleibt sowieso kaum Zeit für Heimweh: "Vielleicht häng ich ja noch ein Jahr dran, wer weiß."