Brand in Altlußheim: Der Schock über den Tod des Feuerwehrmanns sitzt tief
Von Sebastian Blum
Altlußheim. Etwa 50 Wehrleute sind in Altlußheim vor Ort, als am frühen Samstagabend in der Rheinhäuser Straße eine Wohnung in Flammen steht. Peter Bierlein, Kommandant der Altlußheimer Feuerwehr, fährt mit seiner Truppe zum dritten Einsatz an diesem Samstag. Die Männer kommen schnell an, die Rheinhäuser Straße ist nicht weit vom Gerätehaus entfernt. Bierlein kennt sogar die genaue Adresse. Dort wohnt ein 20-jähriger Kamerad, den er den ganzen Tag über nur auf der Mailbox erreicht hat. Schon auf dem Weg zum Einsatzort ahnt er Schlimmes.
Personenrettung geht bei Einsätzen immer über Brandbekämpfung. "Aber so schnell wie am Samstag war noch nie ein Rettungstrupp in einer Wohnung", berichtet Bierlein. Binnen fünf Minuten hat die Feuerwehr den 20-Jährigen aus der Wohnung geholt und umgehend mit der Reanimierung begonnen. Bürgermeister Hartmut Beck steht auf der Straße und sieht, wie der junge Mann kurze Zeit später mit dem Rettungswagen weggefahren wird. Beck ist bei größeren Feuerwehreinsätzen in der Regel vor Ort, um Hilfe anzubieten. Etwa, wenn jemand nach einem Brand obdachlos wird.
Doch dann wird die Altlußheimer Truppe aus dem Einsatz "herausgelöst", wie es im Fachjargon heißt. Über die Integrierte Leitstelle in Ladenburg werden beim Alarmstichwort "Wohnungsbrand" sofort mehrere Feuerwehren kontaktiert. "Wir haben das Feuer gelöscht, das ging flott", sagt Bierlein. Aber nachdem der Krankenwagen weggefahren ist, stellt er fest: "Die Kameraden funktionieren nicht mehr." Als Einsatzleiter übergibt er den Einsatz an die anderen beiden Wehren aus Neulußheim und Hockenheim.
Die Altlußheimer Kameraden kehren ins Gerätehaus zurück. "Wir haben in der Ecke gesessen und in die Luft gestarrt", erzählt Bierlein. Ein Feuerwehr-Seelsorge-Team mit zehn Personen um Leiter Thomas Eisermann ist bereits angerückt, auch die Kreisführung ist im Gerätehaus, um die Kameraden in ihrer Trauer zu betreuen. "Wir haben zusammen gebetet", sagt Bierlein.
Am späten Abend erreicht die Kollegen dann die Nachricht aus dem Krankenhaus. Der 20-jährige Feuerwehrmann ist seinen Verletzungen erlegen. Schlafen kann er in jener Nacht nicht, erzählt Bierlein. Am Sonntag kehrt er aber mit Kameraden zurück ins Gerätehaus, auch Angehörige und Freunde sind anwesend, um den Verlust irgendwie zu begreifen. "Er war ein netter Kamerad, Schriftführer, seit der Jugendfeuerwehr dabei." Bierlein kann es aber auch am Dienstag noch nicht begreifen. Er weiß, es gibt glimpfliche Einsätze, Wehrleute begeben sich häufig in tödliche Gefahr, wenn sie anderen Menschen das Leben retten. Am Montag muss er direkt nach der Arbeit wieder raus, eine Person ist in den Rhein gefallen. "In meinen 49 Jahren bei der Feuerwehr hab’ ich Elend gesehen, das man sich nicht ausmalen kann", sagt er. Am Samstag hat er aber einen Kameraden verloren, der nicht im Einsatz war. "Und das übersteigt alles."
"Es ist ein Unterschied, ob ein Kamerad im Einsatz oder als Privatperson stirbt", sagt Kreisbrandmeister Udo Dentz. Auch er ist seit über 30 Jahren bei der Feuerwehr aktiv, kennt die tägliche Arbeit. "Aber so etwas habe auch ich noch nie erlebt." Über die schnelle Reaktion der Feuerwehr-Seelsorge ist er heilfroh. "Das ist ein Team aus Psychologen, Kirchenleuten, ehemaligen Feuerwehrkameraden, die verstehen, was einem an so einem Tag durch den Kopf geht." Das Seelsorge-Team wird laut Dentz fast jeden zweiten Tag gerufen - immer, um den Wehrleuten bei schwierigen Einsätzen beizustehen.
"Irgendwie muss es jetzt aber weitergehen", sagt Bierlein. Auch wenn er nachts immer wieder aufwacht - er hat weiter Einsatzbereitschaft, und weil der verstorbene Kamerad Schriftführer war, muss er schnell Ersatz finden. Den 47 Altlußheimer Wehrleuten steht das Seelsorge-Team weiterhin bei, am Freitag kommen sie zu einer Nachbesprechung ins Gerätehaus. Aber ob er den Einsatz vom Samstag jemals aus dem Kopf bekommt? "Wahrscheinlich niemals".
Unterdessen hat die Polizei mitgeteilt, dass die Brandursache nach wie vor unklar sei. Die Ermittlungen würden andauern.