Angelbachtal: Berufserfahrung eines Jugendschöffen
Von Günther Keller
Angelbachtal. Bernd Brecht hat schon vielen in die Augen gesehen: Noch-Kindern, die von Familienclans auf Beutezüge geschickt wurden, junge Frauen, die mit Drogen handelten, Burschen, die sich wegen eines Handys blutig schlugen. Aber in einem Fall verstand er die Welt nicht mehr: Was geht in Halbwüchsigen vor, die in einer Straßenbahn ohne ersichtlichen Grund erst eine alte Frau anpöbeln und dann den Mann, der der Frau beistehen will, mit Fäusten und Tritten krankenhausreif prügeln? "Was soll aus diesen jungen Leuten werden?", fragt sich Bernd Brecht. Er entscheidet mit, was aus ihnen wird. Der 64-Jährige ist Jugendschöffe - einer, der viel Verständnis für die Jugend mitbringt; aber auch einer, der weiß, wann Grenzen zu ziehen sind: "Manchmal sind drei Jahre Adelsheim besser als ein Anti-Agressionstraining." In Adelsheim steht der Jugendknast.
In rund 100 Strafverfahren gegen Heranwachsende saß der Angelbachtaler mit am Richtertisch, hat zusammen mit einer Schöffen-Kollegin und der Richterin Anklagen angehört, Beweise gewichtet, Entlastendes gesucht und schließlich Recht gesprochen. "Das verschafft Einblicke in eine Welt, die wir sonst nicht kennen", beschreibt Bernd Brecht seine Erfahrungen. 33 Jahre hat der Kfz-Meister bei Audi gearbeitet, ist verheiratet, hat Kinder, inzwischen Enkel, gehörte 15 Jahre lang dem Gemeinderat an und war Vorstand im Michelfelder TSV. Diese Biografie ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Brecht als Schöffe im Heidelberger Amtsgericht erlebt: Dort sitzen meist Gestrauchelte auf der Anklagebank, die aus zerrütteten Familien kommen, die schon in jungen Jahren an der Flasche hängen, nichts gelernt haben und kaum Zukunftsperspektiven entwickeln. Kriminell werden sie oft, weil ihnen das Smartphones des Kumpels gefällt, weil die neuen Markenklamotten teurer sind als erwartet, oder weil die Bank allzu schnell einen Leasingvertrag gebilligt hat. "Es ist ein schwieriges Milieu", umschreibt Bernd Brecht seine Klientel.
"Menschlich bleiben" will der Angelbachtaler, auch wenn angesichts der Dummheit, mit der sich manche ins Unglück stürzen, nur Kopfschütteln bleibt. Es gehe nicht darum, mal eben jemanden "schnell zu verknacken", sondern darum, das richtig Maß zu finden, um jemanden von der schiefen Bahn abzubringen und in ein halbwegs geordnetes Leben zurückzuführen. Die Jugendkammer, so definiert Brecht auch seine Aufgabe, verfolge einen "Erziehungszweck" und habe dafür mit dem Jugendstrafrecht auch das passende Instrument. Der Maßnahmenkatalog lasse Spielraum bei der Strafzumessung, berücksichtige stärker das soziale Umfeld des Angeklagten und wolle ihm eine neue Chance eröffnen. Vergeltung oder gar Rache dürften dabei keine Rolle spielen.
Zum Schöffenamt ist Bernd Brecht gekommen, weil auf der Namensliste, die im Jahre 2008 dem Gemeinderat vorlag, noch eine Lücke klaffte. Brecht machte den Lückenfüller - und fand eine Aufgabe, die ihn beseelt. "Ich mach’s richtig oder gar nicht." Nach dieser Devise hat er schon immer gehandelt, und so handhabte er es auch als Schöffe. Steht ein Gerichtstermin in Heidelberg an, dann geht er am Abend zuvor früher ins Bett als sonst. "Körperlich und geistig topfit" will er sein, sich aber auch mental auf die Aufgabe vorbereiten: "Ich will den Kopf frei haben und mich auf die Verhandlung konzentrieren können." Manchmal wird bis zum Spätnachmittag getagt, manchmal ist schon nach einer Stunden Schluss. Der Schöffe Brecht versucht, die Vorgeschichte eines jeden Falls zu verstehen, hat ein waches Auge auf den Angeklagten und seine Reaktionen bei Zeugenaussagen. Im Richter-Team um die Vorsitzende Nicole Bargatzky ist sein Rat, sein Augenmaß und seine Erfahrung gefragt. Und wahrscheinlich wird man ihn im Gerichtssaal vermissen, wenn er im nächsten Jahr den Job turnusgemäß abgibt. "Ich hab’s gerne gemacht", sagt Brecht. Und: "Es macht Spaß."