"Faszination Modelltech": Sinsheimer Traditionsmesse abgesagt
Von Tim Kegel
Sinsheim. Die "Faszination Modelltech" in der Halle 6, einst eine der großen Verkaufsmessen für Flug-, Fahr- und Schiffsmodellbau und für März geplant, wird es schon in diesem Jahr nicht mehr geben. Andreas Wittur, Prokurist der Messe Sinsheim, habe die Notbremse ziehen müssen, sagte er auf Nachfrage der RNZ. Das Interesse der gewerblichen Aussteller an Standbuchungen habe bereits im vergangenen Winter "deutlich hinter den Erwartungen für ein erfolgreiches Messe-Event" gelegen. Die "Faszination Modellbahn", erster Teil des ursprünglichen Messe-Duos, findet vom 9. bis 11. März regulär statt.
Das Aus kam für die Szene nicht unerwartet: "Die Branche, wie sie vor zehn Jahren war, gibt es nicht mehr", sagte Alfred Kirst, früher Chefredakteur der Fachzeitschrift "FMT", bei der Modellbaubörse des hiesigen Modellflugsportvereins. Die "FMT" des Baden-Badener Verlags für Technik und Handwerk war über Jahre Ausrichter einer Neuheiten-Flugshow im Rahmen der Messe. Die Show im Wiesental hatte bereits im vergangenen Jahr nicht mehr stattgefunden - unter Modellbauern ein Indiz, dass die "Faszination Modelltech" vor dem Aus steht. Auch der Sinsheimer Ulrich Neuberger kennt die Branche, war lange Jahre Flugleiter und hobbymäßig am Messeablauf beteiligt.
Neuberger, Kirst und Messe-Prokurist Wittur schildern durchweg die gleichen Ursachen, warum es der Sektor nicht leicht hat: Einst große Hersteller wie "Robbe Modellbau" seien insolvent oder von asiatischen Investorengruppen geschluckt worden. Der Markt teile sich auf in preisgünstige Fertigmodelle und Komplettangebote aus Fernost einer- sowie hochwertiger Nischenprodukte andererseits. Neuheiten, schildert Neuberger, erschienen in hoher Schlagzahl über das Jahr verteilt; das spüre auch die einst als Stichtag viel beachtete Spielwarenmesse in Nürnberg: "Ein Dilemma: Den letzten Neuheiten-Flugshows fehlten die Neuheiten", weiß Ulrich Neuberger. Hinzu komme Preisdumping im Internet unter Messepreis. "Das Internet", sagt Prokurist Andreas Wittur, "betrifft alle Consumer-Messen."
Eine Entwicklung, die zur Etablierung kleinerer Fachevents geführt habe, "Heli-Treffen für Hubschrauber, Jet-Events für Jetpiloten, Veranstaltungen wie ,Pro Wing’ und Segelflugtage". Dass auch die Reduzierung von einst fünf Hallen auf die wenn auch große Halle 6 der "Faszination Modelltech" langfristig geschadet hat, glaubt Neuberger.
Dabei hatten Modellbaumessen in Sinsheim Tradition; es gab sie als "Faszination Modellbau" seit 1994, mit Flugshow seit 1996. Mit dem Abzug eines Teils der Sinsheimer Messen der Schall-Betreibergesellschaft an die Neue Messe Stuttgart im Jahr 2004 und dem Wegfall der Hallen 1 bis 5 zog der Modellbau-Bereich im Jahr 2010 erstmals nach Karlsruhe. Er kehrte 2014 mit neuem Konzept als zweiwöchig versetzte Doppel-Messe zurück in den Kraichgau. Tatsache ist auch, dass die Macher der "Faszination Modelltech" stets versucht hatten, neue Trends und Strömungen innerhalb des Hobbys aufzugreifen. So wurden bei den Auflagen der vergangenen Jahre "In"-Sparten wie Quadcopter-Rennen und Drohnen thematisiert, Exoten wie Pistenraupen-Modellbau und Truck-Trial gezeigt. Dabei wurde stets betont, man lege auf Nachwuchsförderung Wert. Trotzdem sickerte im November vergangenen Jahres auf einschlägigen Foren die Nachricht vom Aus der Messe durch: Nachdem man sich mit relevanten Markenproduzenten besprochen habe, hieß es damals, bleibe der Messe Sinsheim "keine andere Wahl, als auf die Durchführung der Faszination Modelltech zu verzichten" und sich stattdessen "voll auf das Thema Modellbahn in Sinsheim zu konzentrieren".
In den Foren wird das Aus der Veranstaltung weithin bedauert. Schlussendlich könne man, sagt Andreas Wittur, jedoch "nur einen möglichst attraktiven Marktplatz anbieten", sei aber nicht imstande, "dauerhaft eine Messe zu subventionieren, um einen Markt zu retten, auf den wir keinen Einfluss haben." Als privater Messeveranstalter lebe man nicht allein von den - in Sinsheim bis zuletzt guten - Besucherzahlen, sondern im Wesentlichen von den verkauften Flächen.
Der Eisenbahnmodellbau, auf den man sich künftig konzentrieren will, habe es, findet Wittur, im Gegensatz zum Rest der Branche "besser geschafft, Nachwuchs zu generieren". Modellflieger Neuberger wiederum denkt, "dass dort die Krise, die wir gerade durchleben, schon durchgestanden ist."
Eine Messe für technischen Modellbau bleibt aber im Portfolio der Messe Sinsheim GmbH: die Faszination Modellbau in Friedrichshafen. Mit 60.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche kann sie sich rühmen, zu den flächenmäßig größten Modellbaumessen weltweit zu gehören. Allerdings, ist Andreas Wittur ehrlich, spüre man auch am Bodensee die Veränderungen. Um Besucher anzulocken, müsse man immer stärker auf Eventcharakter setzen.