Studierendenwerk Heidelberg: Arbeiten "Tagelöhner" in der Mensa?
Von Denis Schnur
Heidelberg. Die Heidelberger Mensen genießen einen hervorragenden Ruf: Die Kantine im Zeughaus wird regelmäßig zu Deutschlands "Mensa des Jahres" gewählt, die Preise liegen deutlich unter dem Landesschnitt. Glaubt man jedoch dem Studierendenrat (Stura) der Uni sowie der Gewerkschaft Verdi, werden diese Erfolge durch systematische Ausbeutung der studentischen Aushilfen erkauft. Die Vorwürfe gegen das Studierendenwerk als Betreiberin der Mensen sind nicht neu, haben es jedoch in sich: Verdi-Sprecher Christoph Miemietz spricht von "prekärsten Arbeitsbedingungen", Stura-Sozialreferent Mahmud Abu-Odeh unterstellt, das Studierendwerk habe sich "von seiner Gemeinnützigkeit verabschiedet". Das dort gängige Arbeitsmodell basiere auf "Tagelöhnerei und Angst".
Konkret geht es um 269 studentische Aushilfen, die nicht direkt beim Studierendenwerk angestellt sind, sondern bei dessen Tochtergesellschaft "Hochschul-Service-GmbH Heidelberg" (HSH). Diese wurde 2007 gegründet, um Aushilfen an die Mensen zu vermitteln. Sie helfen in der Küche, an der Spülmaschine oder an der Theke. Aber auch bei der HSH haben die Studenten kein festes Arbeitsverhältnis, sondern unterzeichnen bei jedem Einsatz einen neuen Tagesvertrag - selbst wenn sie über Jahre die gleichen Schichten an ein und demselben Arbeitsplatz übernehmen.
In einer Rahmenvereinbarung, die der RNZ vorliegt, muss zudem jede Aushilfe unterschreiben, dass es sich nicht um ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis handelt: "Aus dieser Rahmenvereinbarung kann kein Recht auf Beschäftigung abgeleitet werden. Ein Einsatz erfolgt einzig nach den Bedürfnissen der HSH", heißt es dort. Der HSH wird zudem das Recht eingeräumt, Studenten fristlos zu kündigen, "falls Anzeichen dafür vorliegen, dass das Studium nicht mehr ernsthaft betrieben wird".
Für Verdi und den Stura ist das ein Skandal - schließlich haben die Aushilfen so keinen Anspruch auf Urlaub oder Lohnfortzahlung, falls sie krank sind. "Prekärer kann man Menschen kaum beschäftigen", poltert Miemietz. Die Löhne glichen die Nachteile nicht aus: Seit Anfang des Jahres bekommt eine reguläre Aushilfe 9,30 Euro pro Stunde, davor waren es 8,90 Euro. Wer mehr Verantwortung hat, erhält 10,60 Euro. Der Maximallohn von 14,10 Euro ist laut Beschäftigten nur Wenigen vorbehalten. "Das sind Löhne, von denen man in Heidelberg nicht leben kann", so Miemietz. Der Tarifvertrag der Länder werde mit der HSH einfach umgangen - das sei "Tarifflucht".
Hinzu komme, dass die Studenten keinerlei Sicherheit hätten: "Daher sitzt die Angst bei den Betroffenen tief, weil jeder kleine Fehltritt, jede Beschwerde schon morgen die Arbeitslosigkeit bedeuten kann", betont Miemietz. Das bestätigen auch drei langjährige HSH-Mitarbeiter, mit denen die RNZ sprechen konnte. Sie alle berichten von einer "Atmosphäre der Angst": "Die Studierenden sind unzufrieden, aber sie sagen nichts", ist ein Mitarbeiter überzeugt. Schließlich könne der Schichtleiter sie einfach nicht mehr eintragen - "dann wird man langsam rausgeekelt".
Alle drei stören sich massiv daran, dass sie im Krankheitsfall keinen Lohn bekommen. "Ich war Gott sei Dank nie wirklich krank in meiner Zeit hier", berichtet ein Mitarbeiter, "sonst hätte ich ein Riesenproblem. Wenn ich nicht arbeiten könnte, würde ich keinen Lohn bekommen - aber meine Miete muss ich trotzdem zahlen." Deshalb habe er auch schon Kollegen gesehen, die wochenlang mit Gipsarm gearbeitet hätten.
Das Studierendenwerk kann die Vorwürfe dagegen nicht nachvollziehen: "Der Impuls, eine Rahmenvereinbarung mit Tagesverträgen einzuführen, kam 2007 von Verdi", erklärt eine Sprecherin gegenüber der RNZ. Ziel sei gewesen, den Studenten eine größere Flexibilität zu ermöglichen: "Tagesverträge haben den Vorteil, dass man kein festes Stundensoll im Monat hat. Wenn es im Studium mal zeitlich eng wird oder wichtige persönliche Dinge anstehen, bleibt man flexibel." Diese Selbstbestimmung sei bei regulärer Beschäftigung nicht möglich. Seit Jahren dementiert Verdi jedoch, das Modell initiiert zu haben: "Wir haben die Geschäftsleitung des Studierendenwerks darum gebeten, diese Behauptung zu unterlassen. Als Gewerkschaft würden wir solche prekären Arbeitsmodelle niemals gutheißen."
Und auch das Argument der Flexibilität wollen die Beschäftigten nicht gelten lassen, bezeichnen es als "Schwachsinn" und "Augenwischerei". "Ich wurde nie gefragt. Wie hätte ich mir das wünschen können?", fragt eine Aushilfe. Die Beschäftigten hätten natürlich die Möglichkeit, Schichten nicht zu übernehmen, wenn sie angefragt werden. "Aber wenn ich das zu oft mache, werde ich irgendwann nicht mehr angerufen", so die Aushilfe. "Die flexible Arbeitseinteilung der studentischen Aushilfen ist auch in tariflichen und sozial abgesicherten Arbeitsverhältnissen ohne tägliche Befristung möglich", hält auch Sozialreferent Abu-Odeh dagegen: "Wer behauptet, die Studierenden würden sich wünschen, prekär beschäftigt zu bleiben, hat den Schuss nicht gehört."