Meinung: Mit 63 Jahren Verspätung: Der Männer-Fußball bricht eines seiner letzten Tabus
Marie-Louise Eta wird Cheftrainerin des Bundesligisten Union Berlin – und beendet damit die Ausgrenzung von Frauen im maskulin dominierten Profifußball. Endlich.
Vor bald 63 Jahren nahm die Fußball-Bundesliga ihren Spielbetrieb auf. Der 1. FC Köln wurde Meister, Uwe Seeler Torschützenkönig, und Bundeskanzler Ludwig Erhard gratulierte. So fern diese Zeiten heute scheinen, so rasant, wie sich das Spiel seitdem verändert hat, eines ist über all die Jahrzehnte gleichgeblieben: das Stadion als Ort männlicher Selbstvergewisserung.
Frauen sind dort zwar prinzipiell willkommen, insbesondere wenn sie die Bier-und-Bratwurst-Rituale der Männer teilen, ansonsten geht es in den Kurven und auf den Tribünen maskulin-herb zu. Gender- und Identitätsdebatten schaffen es selten durch die Einlasskontrolle, und ebenso streng haben die Vereine bislang ihre Führungskräfte gescoutet. Männerfußball kann nur von Männern verantwortet werden, so lautete das Glaubensbekenntnis der Branche.
Bis zum zurückliegenden Wochenende. Da geschah geradezu Historisches, ein Paradigmenwechsel gar. Der 1. FC Union Berlin gab bekannt, dass er Trainer Steffen Baumgart beurlaubt hat und Marie-Louise Eta sein Erstligateam anvertrauen wird. Das war eine Breaking News: Die 34 Jahre alte gebürtige Dresdnerin ist die erste Frau der Bundesligageschichte, die eine Männermannschaft als Cheftrainerin betreut.
Marie Louise Eta: Kompetenz statt Kabinengeruch
Auch wenn Marie-Louise Eta dieses Amt nur bis Saisonende innehaben wird, darf dies nicht als Showpersonalie missverstanden werden. Im Gegenteil. Union Berlin kämpft um den Klassenerhalt. Am Samstag verlor man gegen den Tabellenletzten Heidenheim; für den Klub aus Köpenick geht es in den verbleibenden fünf Spielen um alles. In dieser prekären Situation hat Union-Geschäftsführer Horst Heldt die Mannschaft in die Hände von Marie-Louise Eta gegeben, bislang Trainerin im Jugendbereich. Nicht etwa, weil die Berufung einer Frau gut in den Zeitgeist passt, sondern weil Heldt überzeugt ist, dass Eta die sportliche Wende mit den Männern gelingen wird.
Bislang haben die Bundesligavereine nur sehr gezielt Macht Frauen überantwortet – auf Managementebene nämlich. Bei RB Leipzig ist die Schweizerin Tatjana Haenni Vorsitzende der Geschäftsführung, in Bremen leitet Anne-Kathrin Laufmann als Vorständin das Ressort Sport und Nachhaltigkeit, und eine Liga tiefer, beim einstmals großen FC Schalke 04, kümmert sich Christina Rühl-Hamers um die Finanzen.
Verantwortungsvolle Jobs sind dies, doch vom wahren Heiligtum des Männerfußballs, der Trainerbank, hatten die Klubs Frauen stets ferngehalten. Das war dann doch Männersache. Auf der Bank sollte jemand sitzen, der zuvor als Spieler selbst durch tausend Feuer gegangen ist und weiß, wie es in einer Männerkabine riecht und was dort gesprochen wird.
Marie-Louise Eta wird also Neuland betreten, wenn sie an diesem Montag als Cheftrainerin der Männer bei Union Berlin beginnt. Einen Erfahrungsschatz wie ihr Vorgänger Steffen Baumgart, der 225 Bundesligaspiele für Rostock, Wolfsburg und Cottbus bestritten hat, kann Eta nicht vorweisen. Wohl aber eine sehr gute Ausbildung zur Fußball-Lehrerin und ein großes taktisches Verständnis. Das wird bei Union schon länger geschätzt. Bereits im November 2023, nach der Trennung vom damaligen Coach Urs Fischer, half Eta beim Männerteam als Assistenztrainerin aus.
Eta schreibt Geschichte – europaweit
Nun kehrt Eta als Chefin zurück. Sie schreibt damit Geschichte, auch europaweit. In den Spitzenligen Englands, Spaniens, Frankreichs und Italiens arbeiten ausschließlich Männer auf der Position des Cheftrainers. Lediglich in der zweiten französischen Liga gab es mal eine Frau in der Verantwortung. Von 2014 bis 2017 trainierte Corinne Diacre den Klub Clermont Foot. In Deutschland coacht Sabrina Wittmann den FC Ingolstadt, der allerdings nur in der dritten Liga spielt.
Wie groß die Geschichte der Marie-Louise Eta werden wird, lässt sich derzeit noch nicht ermessen. Wenn Eta Erfolg hat, kann sie als leuchtendes Beispiel dienen, als Türöffnerin, die anderen Frauen den Weg in den Männerfußball ebnet. Womöglich fällt das Kapitel Marie-Louise Eta aber auch kleiner aus, und ihr Fall schrumpft zu einer Fußnote in der 63-jährigen Bundesligageschichte. Denn unglücklicherweise entscheiden immer noch Männer darüber, wie viel Macht Frauen im Fußball bekommen.