Petition : 25.000 Unterschriften nach Wal-Drama: „Damit aus Mitgefühl Konsequenzen werden“
Die Rettungsversuche von Buckelwal Timmy verliefen bisher ohne Erfolg. Jetzt fordert eine Petition klare Einsatzstrukturen für Wildtiere in Not. Bereits 25.000 Menschen unterstützen das Vorhaben.
Einsatzkräfte sollen inzwischen sogar Morddrohungen erhalten haben – nur weil sie die Rettungsversuche für den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal eingestellt haben. Der Meeressäuger beschäftigt bundesweit Experten, Politiker und Redaktionen. Auch der stern berichtet mit einem Liveblog.
Das Schicksal des Wals, der sich derzeit in der Wismarer Bucht befindet und wohl nicht mehr lange leben wird, lässt auch viele Privatpersonen nicht kalt: Manche trauern, anderen stößt der Umgang der Politik mit der Rettung böse auf. Inzwischen gibt es mehrere Online-Petitionen, die einen anderen Umgang fordern – mit dem Wal in der Ostsee und mit künftigen ähnlichen Lagen.
Petition für klarere Einsatzstrukturen bei Walstrandungen
Am 31. März bedankt sich Initiator Alessandro Schulze bei den ersten 37 Menschen, die seine Petition „Walstrandungen: Klare Einsatzstrukturen für Wale in Not!“ unterschrieben haben. Zehn Tage später sind es mehr als 25.000. Im Minutentakt schließen sich Unterstützer digital den Anliegen Schulzes an. Der 31-Jährige fordert: „Aus dem Fall Timmy soll für die Zukunft gelernt werden.“ Die „Bild“-Zeitung hatte das gestrandete Tier kurzerhand auf den Namen „Timmy“ getauft.
Für seine Petition hat der Wildtierfotograf und Notfallsanitäter eine Liste geschrieben, die präzise aufschlüsselt, was sich seiner Meinung nach bessern muss. Schulze betont: „Ich bin kein Wildtier-Experte!“ Er habe sich allerdings – ausgelöst durch den Fall – intensiv in das Thema eingelesen. Allerhand Medienberichte, Studien und Informationen habe er studiert, die ihn zu seiner Petition bewegt haben, erzählt Schulze dem stern.
„Es braucht für die Zukunft einen Notfallplan“, meint Schulze. Dazu gehörten für ihn unter anderem eine klare Einsatzleitung durch Non-Profit-Organisationen, schnellere Entscheidungsstrukturen, die Einbindung nationaler und internationaler Experten sowie der Aufbau spezialisierter Rettungsteams. „Der Wal hat es sich nicht ausgesucht, aber er ist nun mal gestrandet. Deswegen kann man das Fass aufmachen“, sagt Schulze.
Gleichzeitig weist der Initiator darauf hin, dass durch die Erderwärmung künftig vermehrt Walstrandungen auftreten könnten. Seine Einschätzung stützt er unter anderem auf Meldungen aus Ländern, die deutlich mehr Erfahrung mit solchen Ereignissen haben, zum Beispiel Neuseeland und Australien. Veränderungen von Wasserströmungen und Wassertemperaturen könnten das Vorkommen von Krill und kleinen Schwarmfischen – der Hauptnahrung vieler Bartenwale – beeinflussen. Dadurch könnten die Meeressäuger häufiger in die Ost- oder Nordsee gelangen. Dieses Wissen habe er sich aus Gesprächen mit Meeresbiologen sowie aus öffentlich zugänglichen Studien angeeignet, erklärt Schulze.
Der Umweltminister als Adressat
An seiner Petition habe er viel gefeilt, denn: „Ich möchte es fundamental korrekt machen, damit Politiker das ernst nehmen können.“ Als Adressat der Unterschriften sieht Schulze Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD). Damit seinen Forderungen der nötige Druck verliehen werde, hofft Schulze auf das Doppelte an Unterstützern. „Bei 50.000 liegt es vielleicht auf seinem Schreibtisch, aber Herr Schneider wird wahrscheinlich mehr zu tun haben als ich – daher braucht es vermutlich sogar noch mehr Unterstützung“, sagt der 31-Jährige.
Gleichzeitig betont er, dass er den Verantwortlichen vor Ort keinen persönlichen Vorwurf mache, da solche Fälle in Deutschland (noch) selten auftreten und praktische Erfahrung entsprechend begrenzt sei. Deutschland arbeite mit vielen Abstimmungs- und Entscheidungsstrukturen, was grundsätzlich sinnvoll sei. In akuten Notfällen müsse es jedoch möglich sein, schneller und auch bundesweit koordiniert zu handeln, so sein Eindruck.
Bürokratie als Krücke
Die wechselnden Verantwortlichkeiten sind ein Punkt, der dem Wildfotografen aufstößt. „Die Strandungssituation sollte nicht die Zuständigkeit wechseln.“ Es müsse möglich sein, dass Fachkräfte an allen Küsten arbeiten und Einsätze auch über Bundesländergrenzen hinweg koordiniert werden können. „Wenn das Tier sich entscheidet, 250 Meter weiterzuschwimmen, ist es auf einmal das Problem eines anderen Bundeslandes – und Zuständigkeiten sowie Organisation werden stark ausgebremst.“
Er habe sich bei seiner Petition nicht von Emotionen durch den Zustand des Wals leiten lassen wollen, erklärt Schulze, sondern wolle nachhaltig etwas ändern. „Es hat mich schon betroffen gemacht, aber die Situation des Tieres sollte nicht umsonst gewesen sein.“
Oder wie es in der Petition steht, die bereits 25.662 Menschen unterschrieben haben: „Diese Petition ist ein Appell für einen würdigen Umgang mit großen Wildtieren in akuten Notlagen. Damit aus Mitgefühl Konsequenzen werden. Damit beim nächsten Mal nicht Chaos entscheidet, sondern Vorbereitung.“