Sibirienweite Schlachterei
„Macht euch bereit zu sterben“
„Na also, Jungs, schaut ihr alle auf mich? Macht euch bereit zu sterben. Ihr seid erkrank, an einer unbekannten Krankheit.“ Ein Video mit dem Monolog eines Landwirts aus dem Dorf Tschernokurje in der Region Nowosibirsk, in dem er sich direkt an seine zum Schlachten bestimmten Kühe wendet, ging in den sozialen Netzwerken viral. Solche Monologe, Hilfeschreie, Appelle an die Öffentlichkeit und Bitten an die Behörden wurden seit Beginn der massenhaften Viehbeschlagnahmungen in der Region zahlreich aufgezeichnet. Die Wirkung dieser Appelle verpuffte.
Weder Hinweise auf äußerste Verzweiflungsakte noch Erklärungen der Landwirte, sie würden bis zum Letzten kämpfen, halfen. Der Bewohnerin des Dorfes Nowokljutschi, Swetlana Panina, wurde das gesamte Vieh beschlagnahmt, während sie nicht zu Hause war. Sie verlor 150 Schafe, 40 Kühe, sieben Ziegen, drei Kamele und zwei Ferkel. Bekannt wurde sie, nachdem sie versucht hatte, dem regionalen Landwirtschaftsminister Andrej Schindelow Fragen zu stellen – dieser rannte buchstäblich vor der Besucherin und ihren unbequemen Fragen davon. Das Video des Ministers, der vor Panina flüchtet, spendete den Landwirten, die sich ihrer Aussage nach beraubt fühlen, keinen Optimismus.
Unklare Gründe
Der Höhepunkt der Appelle der Landwirte an die Öffentlichkeit und die Behörden fiel auf die zweite Märzwoche. Zu jener Zeit eskalierte der Konflikt um die Viehbeschlagnahmen maximal. In Gesprächen mit Landwirten begründeten Tierärzte die Beschlagnahmen mit einer Anordnung des Regionalgouverneurs. Doch in den Dokumenten, die – wie Augenzeugen berichteten – den Vermerk „nur für den Dienstgebrauch“ trugen, wurde der Grund für diese drastische Maßnahme nicht genannt. Die Tierärzte begnügten sich mit der Erklärung, der Ort, den sie aufsuchten, sei ein „Herd einer besonders gefährlichen Krankheit“. Bei solchen Einsätzen wurden die Veterinäre von der Polizei begleitet, die mit denen, die übermäßiges Interesse am Geschehen zeigten, nicht eben zimperlich umging. Journalisten, die über solche Razzien berichteten, wurden von der Polizei festgenommen. Die Strafverfolgungsbehörden sperrten zudem die Zufahrten zu Ortschaften, in denen Vieh beschlagnahmt wurde.
Nur nicht lügen!
Der Protest der Landwirte wurde weit über die Grenzen der Region Nowosibirsk und anderer Gebiete hinaus wahrgenommen, bis hin zur Wolgaregion, wo ähnliche Szenen zu beobachten waren. Selbstverständlich sahen die Protestierenden das Hauptproblem in der Viehbeschlagnahme, die nicht nur vielen landwirtschaftlichen Betrieben wirtschaftlichen Schaden zufügte, sondern ganze Familien faktisch ihrer Existenzgrundlage beraubte. So schilderten die Betroffenen die Situation in Interviews mit verschiedenen Onlinemedien. Doch der wirtschaftliche Schaden ist nicht der einzige Kritikpunkt.
Die Menschen empörten sich über die Methoden der großangelegten Veterinäraktion und über die Menge an Lügen und Verschweigen, die diese Aktionen begleitete. Die gefährliche Krankheit, deren Namen die Tierärzte bei ihren Razzien auf landwirtschaftlichen Betrieben lange nicht aussprechen wollten, nannte Minister Schindelow schließlich: Pasteurellose. Dies löste umgehend eine Welle der Empörung aus. Pasteurellose ist eine behandelbare Krankheit. Warum werden die Tiere nicht behandelt, sondern getötet und „fachgerecht beseitigt“ – also verbrannt? Darauf antworteten die Veterinärbehörden der Region, es handele sich in diesem Fall um eine neue Variante der Pasteurellose. Bisweilen werden sogar die Landwirte selbst für die entstandene Situation verantwortlich gemacht, da sie ihr Vieh angeblich nicht rechtzeitig impfen. Diese Anschuldigung empörte die Protestierenden noch mehr. Die Antwort einer Bewohnerin des Dorfes Nowopitschugowo: „Alle Kühe sind gechippt, jede Kuh ist beim Veterinärdienst registriert. Wie sollen wir sie dann nicht impfen und keine Tests machen?“
Deutsche Saboteure?
Die Landwirte glauben nicht an die Pasteurellose-Variante – insbesondere ohne vorherige Tests an den Tieren. Doch dort, wo begründete Zweifel aufkommen, entstehen stets alternative Theorien. Eine davon betrifft das angebliche Interesse großer Produzenten daran, Konkurrenten – selbst auf diesem Weg – zu beseitigen. Einige Kommentatoren nennen dabei konkret ein Unternehmen: den größten Fleischproduzenten Russlands, die Firma „Miratorg“. Doch die Produktionskapazitäten dieses agroindustriellen Konzerns befinden sich in anderen Regionen, und es ist unwahrscheinlich, dass die Landwirte aus Nowosibirsk dem Unternehmen irgendwie im Wege stehen könnten.
Laut Angaben von „Ostoroschno Media“, eines Medienkonzerns, der der bekannten Bloggerin und Moderatorin Xenija Sobtschak gehört, könnte jedoch eine andere Krankheit der Grund für die Vernichtung des Viehs sein. In ihrem Telegram-Kanal „Krowawaja barynja“ schreibt Sobtschak, bei einer geschlossenen Veranstaltung Milchproduzenten und Vertretern von Handelsketten habe der Gouverneur der Region Swerdlowsk, Denis Pasler, vermutet, die Infektion könne „im Rahmen einer Sabotage“ nach Russland gelangt sein. Als Urheber der Sabotage nannte der Regionalchef einen deutschen Futtermittelhersteller.
Mehrere Branchenexperten bezeichneten diese Version umgehend als unrealistisch und fantastisch. Insbesondere Professor Alexej Agranowski vom Lehrstuhl für Virologie der Biologischen Fakultät der Lomonossow-Universität Moskau vertritt diese Meinung. „Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios ist aufgrund der strengen Hygienevorschriften in Europa äußerst gering. Zwar werden vereinzelt Einschleppungen von Maul- und Klauenseuche registriert, doch die Quelle liegt in diesem Fall kaum in Deutschland. Zudem sind unter den gegenwärtigen Bedingungen die früheren Logistikketten und vergleichbare Importmengen an Futtermitteln aus der Bundesrepublik für uns praktisch nicht mehr zugänglich“, erklärte der Experte im Gespräch mit URA.RU.
Die Seuche
Maul- und Klauenseuche: Genau dieses Wort fällt am häufigsten, wenn von der Situation rund um die Viehschlachtungen in der Region Nowosibirsk und anderen Gebieten Russlands die Rede ist. Davon sprach Gouverneur Pasler in der von Хenija Sobtschak erwähnten Sitzung. Diese Diagnose ist weitaus schwerwiegender als Pasteurellose. Im Gegensatz zu letzterer ist sie nicht behandelbar. Während Pasteurellose mit Antibiotika bekämpft werden kann, ist bei einer Maul- und Klauenseuche-Epidemie die Tötung des Viehs gängige Praxis.
Sollte dies zutreffen, wären die Folgen nicht nur für einzelne Landwirte, sondern für die gesamte russische Tierzucht gravierend. Am 29. Mai 2025 beschloss die Weltorganisation für Tiergesundheit auf ihrer Generalversammlung, der Zone „Westsibirien – Ural“ den offiziellen Status eines von Maul- und Klauenseuche freien Gebiets mit Impfpflicht zuzuerkennen. Insgesamt ist Russland in lediglich sechs Zonen unterteilt, von denen fünf bereits diesen Status besaßen. Damit wurde im vergangenen Jahr das gesamte Territorium Russlands als frei von Maul- und Klauenseuche anerkannt.
Diese Anerkennung hat wirtschaftliche Konsequenzen: Russisches Fleisch wurde von den Nachbarländern ohne Bedenken und gerne gekauft. Nach Berechnungen des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) exportierte Russland im Jahr 2025 lebende Rinder im Wert von 87 Millionen US-Dollar, wovon rund 7 Millionen US-Dollar auf Länder der Eurasischen Wirtschaftsunion entfielen. Im Februar dieses Jahres verhängte Kasachstan vor dem Hintergrund beunruhigender Nachrichten aus Russland ein vorübergehendes Einfuhrverbot für lebende Tiere, Fleisch, Milchprodukte, Futtermittel und Getreide aus Russland.
Das Nachspiel
Der Protest der Landwirte ist verebbt. Das ist logisch. Das gesamte Vieh ist beschlagnahmt, es gibt nichts mehr zu verteidigen. Nun beginnt für die Betriebsinhaber die Zeit des Gangs durch die Behörden und des Einforderns von Entschädigungen. Diese sind vorgesehen. Die Behörden zahlen 171 Rubel pro Kilogramm Lebendgewicht des getöteten Tieres. Doch der Marktpreis liegt üblicherweise höher. Er variiert je nach Tierkategorie und Region. Im Durchschnitt sind es 300 Rubel. Zudem haben die Behörden in der Region Nowosibirsk monatliche Sozialleistungen in Höhe von 18 560 Rubel pro Familienmitglied eines Landwirts für die Dauer von neun Monaten eingeführt. Entscheidet sich ein Landwirt zum Wiederaufbau seines Betriebs, sagen ihm die Regionalbehörden eine Erstattung von bis zu 50 Prozent der Kosten für neue Färsen und Zuchtbullen zu, jedoch maximal 200 000 Rubel pro Person.
Die Geschädigten freuen sich nicht über diese Entschädigungen. Sie halten sie nicht für einen gerechten Preis. Doch selbst jene, deren Entschädigungen ausreichen, um über Wasser zu bleiben, werden lange kein unbeschwertes Leben führen. Die Menschen haben am eigenen Leib erfahren, was der bekannte russische Ausdruck beschreibt: „skotskoje otnoschenije“ – wie Vieh behandelt wird. Den zuständigen Behörden gelang es nicht, einen Dialog mit den Geschädigten aufzunehmen. Obwohl man sich daran längst gewöhnt haben sollte.
Goscha Haimow
Запись Sibirienweite Schlachterei впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.