In der "Traumschiff"-Osterfolge küsst Saskia Vester ihre Kollegin Michaela May. Mit t-online spricht sie über Kussszenen, queere Liebe im Alter – und pragmatische Lösungen. Am Ostersonntag läuft im ZDF eine ungewöhnliche Episode von "Das Traumschiff": Evelyn Küpper (gespielt von Saskia Vester) reist nach Island – und trifft dort ihre Jugendliebe Antonia (Michaela May) wieder. Es folgt eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, die jahrzehntelang verdrängt haben, wem ihr Herz wirklich gehört. Für Vester war die Rolle ein Glücksfall. "Das ist eine schöne Geschichte", sagt die 66-Jährige im Gespräch mit t-online. "Das ist natürlich immer schön für einen Schauspieler, etwas zu erzählen, wo eine innere Zerrissenheit oder ein inneres Geheimnis ist." Ihre Figur Evelyn habe die eigene Homosexualität nie wirklich ausgelebt: "Das war nicht in ihrer Lebensvorstellung: Da wird geheiratet und Kinder gekriegt." Genau das machte die Arbeit an der Rolle für sie besonders. "So eine Figur zu spielen, bei der plötzlich ganz tief drin der Gedanke reift, dass das eigentlich ihre Liebe ist und sie dazu stehen will, das war für mich ganz spannend im Drehbuch zu lesen. Und das dann auch vor der Kamera zu erzählen, hat mir sehr viel bedeutet", sagt Vester. "Ich fand das sowohl beim Lesen als auch beim Erzählen sehr stark." Kussszenen ohne Berührungsängste Solche Rolle bringt auch ganz praktische Fragen mit sich – allen voran: Wie bereitet man sich auf einen Kuss mit der Kollegin vor? Vester hat darauf eine entspannte Antwort. "Michaela und ich haben keine Absprachen getroffen", sagt sie. "Ich achte bei so etwas automatisch darauf, dass ich am Abend vorher keine Knoblauch-Orgie feiere. Es soll für mein Gegenüber ja nicht unangenehm werden. Das ist für mich selbstverständlich." Bei einem anderen Dreh, der kürzlich stattfand, hatte sie mit ihrem Co-Star eine eigene Methode entwickelt. "Mit meinem Schauspielpartner auf Kreta haben wir gesagt, dass wir vorher zusammen eine rauchen. Dann stört es niemanden. Er ist nämlich Raucher. So findet man dann pragmatische Lösungen." Das Geschlecht des Gegenübers sei ihr beim Küssen nicht wichtig – mit einem Vorbehalt. "Für mich ist es vollkommen egal, ob das nun ein Kollege oder eine Kollegin ist. Der Vorgang ist derselbe", so Vester. "Wobei ich schon sagen muss, es ist ein bisschen angenehmer, eine Frau zu küssen. Das piekst dann nicht so." Einen Intimitätskoordinator braucht sie nicht. "Ich habe schon so viele Kolleginnen oder Kollegen für eine Szene küssen müssen. Intim ist eigentlich alles, egal, was man spielt. Das gehört einfach zum Beruf dazu", sagt Vester. Bei dem Projekt auf Kreta habe man ihr den Service dennoch angeboten – sie lehnte ab. "Wir sind, glaube ich, aus dem Alter raus, wo uns intime Szenen vor der Kamera peinlich wären." "Vollkommen egal, wen man liebt" Vester betritt mit ihrer queeren Rolle bei "Das Traumschiff" kein Neuland. In "KDD – Kriminaldauerdienst" spielte sie bereits eine lesbische Kommissarin – eine Erfahrung, die ihr bis heute viel bedeutet. "Dafür habe ich auch den Bayerischen Fernsehpreis bekommen, worauf ich sehr stolz bin. Also ich habe schon mit einigen Kolleginnen geknutscht", sagt sie. Auch ihre aktuelle lesbische Rolle bei "Das Traumschiff" sieht sie positiv – trotz eher konservativer "Traumschiff"-Zuschauerschaft. "Ich hatte keine Bedenken, dass die Geschichte Teile des Publikums verschrecken könnte. Ich könnte mir eher vorstellen, dass die Leute das spannend finden. Ich glaube, Neugier überwiegt da", betont Vester. Die Botschaft der Beziehung zwischen Evelyn und Antonia war ihr von Anfang an wichtig. "Wo die Liebe hinfällt. Es ist doch vollkommen egal, wen man liebt", so Vester. "Es ist schön, dass das 'Traumschiff' eine solche Geschichte erzählt." Schon beim Lesen des Drehbuchs sei ihr klar gewesen, dass das ein ungewöhnliches Thema für das Format sei. "Und ich finde es ganz toll, dass solche Geschichten jetzt aufgenommen werden. Das zeigt auch eine Entwicklung im Erzählen." Besonders freut sie, dass das Liebespaar aus zwei älteren Frauen besteht. Vester ist 66, May bereits 74 Jahre alt. "Ich finde toll, dass wir eine queere Liebesgeschichte nicht zwischen zwei jungen, sondern zwischen zwei reiferen Frauen erzählen", erklärt die Schauspielerin. Bei dieser Generation sei Homosexualität schlicht nicht selbstverständlich gewesen. Evelyns Weg – verdrängen, "normal" heiraten, Kinder bekommen – mache die Geschichte vielschichtiger. Und Vester wünscht sich mehr davon: "Es gibt allgemein viel weniger Liebesgeschichten in Filmen oder im Fernsehen mit Menschen, die über 60 oder 70 sind. Das finde ich sehr schade, weil auch diese Menschen lieben." "Älterwerden ist der einzige Weg, um nicht zu sterben" Für Vester steckt in der Rolle auch ein gesellschaftlicher Kommentar. "Ich glaube, unsere Gesellschaft denkt allgemein sehr merkwürdig über das Älterwerden. Als hätten ältere Menschen eine Krankheit", sagt sie. "Da ist noch ziemlich viel Luft nach oben." Dass sich da überhaupt etwas ändert, weiß sie aus eigener Erfahrung. "Als ich als Schauspielerin angefangen habe, hat man mit 40 nur noch Mütter gespielt und fertig. Das hat sich zum Glück verändert", sagt Vester. Zudem betont sie: "Älterwerden ist nichts Hässliches oder Unnatürliches." Der Schönheitswahn belege das. Ihre eigene Haltung ist klar: "Ich sage immer: Älterwerden ist der einzige Weg, um nicht zu sterben. Das bringt es eigentlich ganz gut auf den Punkt." Botox oder ähnliche Eingriffe seien für sie nie ein Thema gewesen. "Ich glaube, ich habe als Schauspielerin eine Nische gefunden. Ich war nie die Hübsche und habe schon am Theater immer Charakterrollen gespielt." Viele Kolleginnen seien aufgrund ihrer Schönheit besetzt worden und hätten es später schwer gehabt, ins Charakterfach zu wechseln. "Das bleibt mir erspart." Nun steht für sie erst einmal eine Auszeit an. "Ich freue mich total darauf, in absehbarer Zeit vor Pfingsten mit meinem Mann alleine loszufahren. Ohne die vielen Enkelkinder und Kinder wollen wir mit dem Wohnmobil einfach Richtung Süden fahren. Ganz ohne Plan. Das ist für mich pure Freiheit", sagt Vester. Die größte Aufgabe des Tages werde dann sein, sich zu überlegen, was man abends kocht. "Mehr nicht. Nichts stemmen, nicht funktionieren müssen. Einfach nur sein."