Donald Trump droht mit Angriffen auf überlebenswichtige Anlagen im Iran. Die Antwort des Mullah-Regimes könnte die gesamte Region ins Chaos stürzen. Im Iran-Krieg sendet US-Präsident Donald Trump widersprüchliche Signale. Einerseits stellt er ein baldiges Ende der Kampfhandlungen in Aussicht, andererseits droht er dem Regime in Teheran mit maximaler Eskalation. Anfang der Woche erwog er neben der Vernichtung iranischer Kraftwerke und Ölfelder offen auch Angriffe auf eine der Lebensadern des Nahen Ostens. Gemeint sind Entsalzungsanlagen, die in dieser sehr trockenen Region zuhauf zu finden sind. Für die Menschen in diesem Teil der Welt sind sie überlebensnotwendig: Dort wird Meerwasser mittels sogenannter Umkehrosmose durch Membranen vom Salz befreit. Rund 100 Millionen Menschen im gesamten Nahen Osten beziehen ihr Trinkwasser aus diesen Anlagen. Angriffe auf solche zivilen Einrichtungen gelten als Kriegsverbrechen. Und dennoch droht Trump damit, womöglich alle Entsalzungsanlagen des Iran "in die Luft zu jagen und vollständig zu vernichten", wie er Anfang der Woche auf seiner Plattform Truth Social schrieb. Paradoxerweise ist es ausgerechnet der Iran, der in der Region von entsalztem Wasser am wenigsten abhängig ist. Dennoch könnten Angriffe auf die Anlagen am Persischen Golf eine massive Krise auslösen. Newsblog: Alle aktuellen Entwicklungen im Iran-Krieg Kiew und der Iran-Krieg: Selenskyj macht einen "historischen" Deal Bereits erste Angriffe auf Entsalzungsanlagen Denn die Abhängigkeit ist groß. In Kuwait und Bahrain macht entsalztes Trinkwasser rund 90 Prozent der Versorgung aus, im Oman sind es etwa 86 Prozent, in Israel 80 Prozent, in Saudi-Arabien etwa 70 Prozent und in den Vereinigten Arabischen Emiraten 42 Prozent. In Katar liegt der Anteil bei fast 99 Prozent. Im Verlauf des mittlerweile mehr als vier Wochen andauernden Kriegs der USA und Israels gegen den Iran wurden bereits mehrfach Entsalzungsanlagen zum Ziel von Angriffen. Schon am 7. März bezichtigte der Iran die USA, eine solche Anlage auf der Insel Keschm angegriffen zu haben. Am vergangenen Dienstag meldeten iranische Staatsmedien, dass die Anlage seitdem außer Betrieb sei. Eine kurzfristige Reparatur sei nicht möglich. Am 8. März wiederum wurde eine Entsalzungsanlage in Bahrain getroffen und beschädigt. Der Inselstaat machte den Iran dafür verantwortlich. Am vergangenen Montag meldete Kuwait einen weiteren Angriff auf eine solche Anlage. Ein Mensch kam dabei ums Leben. Kuwait, Saudi-Arabien und Katar verurteilten diesen und weitere Angriffe auf Kuwait als "abscheuliche Attacken" des Iran. Die Abhängigkeit ist groß Experten warnen angesichts solcher Attacken vor einer Eskalation des Konflikts im Nahen Osten. Die Wasserökonomin Esther Crauser-Delbourg erklärte der Nachrichtenagentur AFP, dass gezielte Angriffe auf das Wasser einen Krieg auslösen könnten, "der weitaus verheerender ist als der heutige". Dabei ist die Furcht weniger, wie sehr mögliche Angriffe der US-Armee iranische Entsalzungsanlagen beschädigen könnten, sondern sie betrifft eher eine potenzielle Vergeltung des iranischen Regimes gegen seine Nachbarn. Denn durch die hohe Abhängigkeit der Golfstaaten von entsalztem Trinkwasser ergibt sich auch eine hohe Verwundbarkeit. Im gesamten Nahen Osten gibt es etwa 5.000 Entsalzungsanlagen. Rund um den Persischen Golf liegen etwa 400 von ihnen. Doch allein 56 dieser Anlagen produzieren etwa 90 Prozent des in der Region genutzten Süßwassers. Viele Anlagen in Reichweite des Iran Dabei wären die Entsalzungsanlagen der Golfstaaten ein leichtes Ziel für das iranische Militär. Sie befinden sich größtenteils entlang der Küste der Golfstaaten und damit in durchschnittlich nur etwa 350 Kilometern Entfernung vom iranischen Territorium. Außerdem sind die Anlagen sensibel. Darauf verweist auch David Michel, Experte für globale Lebensmittel- und Wassersicherheit bei der Denkfabrik Centre for Strategic and International Studies (CSIS): "Schäden an sensiblen Teilen des Systems wie Hochdruckpumpen oder Membrangebäuden könnten die Produktion vollständig lahmlegen, wobei die Reparatur möglicherweise Wochen dauern würde." Sollten diese Anlagen über einen längeren Zeitraum ausfallen, sind die Folgen potenziell verheerend. Dabei geht es nicht nur um direkte Angriffe auf die Entsalzungsanlagen, sondern auch um Cyberattacken, Stromausfälle oder eventuelle Verunreinigungen des Meerwassers, etwa durch eine Ölkatastrophe. Auch solche externen Einflüsse stellen Risiken für den Betrieb dar. Der Iran könnte etwa versuchen, die Wasserversorgungssysteme der Golfstaaten "lahmzulegen, indem er deren Salzwassereinläufe im Persischen Golf blockiert oder verschmutzt", schreibt Experte Michel. Die Folgen von Angriffen können schwerwiegend sein Ein 2008 auf der Webseite Wikileaks veröffentlichtes diplomatisches Dokument der USA zeigt mögliche Konsequenzen für die Hauptstadt Saudi-Arabiens. Demzufolge müsste Riad "innerhalb einer Woche evakuiert werden", falls die für die Stadt zuständige Entsalzungsanlage von Dschubail "schwer beschädigt oder zerstört" würde. Im Jahr 2010 hieß es in einer Analyse des US-Auslandsgeheimdienstes CIA , dass die "Störung der Entsalzungseinrichtungen in der Mehrheit der arabischen Länder schwerwiegendere Folgen haben könnte als der Verlust jeder anderen Industrie oder jedes anderen Rohstoffs". Die möglichen Auswirkungen reichen je nach Schwere der Angriffe von kurzen Störungen bis zu schwereren Folgen. Es könne zu einem Exodus aus den großen Städten kommen und Rationierungen geben, sagte Esther Crauser-Delbourg der AFP. Wassermangel könnte auch zu einer wirtschaftlichen Kettenreaktion mit Auswirkungen auf Tourismus , Industrie und Datenzentren mit ihrem hohen Bedarf an Kühlwasser führen. Nach Angaben des französischen Konzerns Veolia haben die meisten Entsalzungsanlagen Reserven, die den Wasserkonsum von zwei bis sieben Tagen deckten. Der Iran scheint bereit, diese Folgen in Kauf zu nehmen, auch wenn Angriffe auf solche überlebenswichtigen Anlagen als Kriegsverbrechen gelten. Am 22. März kündigte das Regime an, wichtige Infrastruktur im gesamten Nahen Osten, darunter lebenswichtige Wasserversorgungssysteme, "unwiderruflich zu zerstören", sollten die USA Donald Trumps Drohung wahr machen, iranische Kraftwerke "auszulöschen", sofern die Straße von Hormus nicht vollständig freigegeben wird. Im Golfkrieg gerieten die Anlagen bereits in den Fokus Präzedenzfälle für eine solche Lage gibt es bislang wenige. In den vergangenen Jahren griffen etwa der Jemen und Saudi-Arabien jeweils im anderen Land derartige Anlagen an, außerdem Israel im Gazastreifen , wie die Denkfabrik Pacific Institute erklärt, die ein Register für Konflikte in Zusammenhang mit Wasser führt. Auch im Golfkrieg 1991 wurde Wasserinfrastruktur ins Visier genommen. Zumindest damals waren die Folgen schlimm, wie CSIS-Experte Michel schreibt. Irakische Streitkräfte zerstörten gezielt Entsalzungsanlagen Kuwaits und ließen Millionen Barrel Öl in den nördlichen Persischen Golf laufen. Dadurch wurden die Wasserzuläufe der Anlagen in Kuwait und Saudi-Arabien beeinträchtigt. Wasserknappheit habe die kuwaitischen Behörden dazu gezwungen, "die Wasserversorgung für Haushalte auf vier Tage pro Woche zu reduzieren", so Michel. Zudem mussten sie ihre Bevölkerung mit Tankschiffen und -wagen mit Wasser versorgen. Moderne Anlagen könnten noch anfälliger für Verstopfungen der Wasserzuläufe oder der sensiblen Filtermembranen für die Umkehrosmose sein, befürchtet der Experte: "Bezeichnenderweise führte 2008–2009 eine massive Algenblüte ('rote Flut') dazu, dass mehrere Anlagen in Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten aufgrund dieses Risikos für bis zu zwei Monate stillgelegt wurden."