Die „Erste Datscha“ im Schriftstellerstädtchen Peredelkino
Peredelkino spielt eine besondere Rolle für die Geschichte Moskaus und die sowjetische Literatur. Hier lebten zu verschiedenen Zeiten die bedeutendsten Vertreter des literarischen Wortes – Boris Pasternak, Kornej Tschukowskij, Andrej Wosnessenskij, Arseni Tarkowskij, Bella Achmadulina und mehrere Dutzende weiterer bekannter Namen. Einzelne Ferienhäuser sind zu Gedenkmuseen geworden, die man im Rahmen einer Führung besichtigen kann. Das Museum „Erste Datscha“ befindet sich auf dem Gelände des gleichnamigen Künstlerhauses. In den letzten Jahren erlebte Peredelkino einen umfassenden Umbau: Hier ist alles modern und schön, aber gleichzeitig bleibt der Geist der sowjetischen Geschichte erhalten, wenn auch in einem etwas hipsterhaften Format. Das neue Museum „Erste Datscha“ setzt diesen Trend fort.
Das Haus wurde 1935 erbaut. Es ist ein für die damaligen Verhältnisse geräumiges Gebäude mit einer halbrunden Terrasse. Sein erster Bewohner war der polnische und sowjetische Schriftsteller Bruno Jasieński, Autor des Buches „Ich brenne Paris nieder“, das in der UdSSR eine Auflage von mehreren Millionen Exemplaren erreichte. 1930 war er aus Paris nach Moskau gezogen, übernahm die Leitung der Zeitschrift „Kultur der Massen“ und der Literaturabteilung der polnischsprachigen Zeitung „Sowjetische Tribüne“. Er gehörte dem Vorstand des Schriftstellerverbandes der UdSSR an. 1937 wurde er in seiner Datscha in Peredelkino verhaftet und zum Tode verurteilt.
Nach der Verhaftung des Schriftstellers stand sein Haus lange Zeit leer, und später wurde darin ein Pionierlager eingerichtet. Danach befanden sich hier ein Wohnheimklub und Zimmer für Schriftsteller. Die Wände der „Ersten Datscha“ sahen und hörten Maria Tarkowskaja (die Mutter des Regisseurs Andrei Tarkowski), die Schriftsteller Juri Olescha, Wassili Axjonow und den Dichter Rasul Gamsatow, den Drehbuchautor Gennadij Spalikow. Eben diese Wände erzählen die Geschichte des Hauses.
Der Rhythmus der Datscha
„Die ‚Erste Datscha‘ ist ein musealer, funktionaler Raum, und der wichtigste museumswürdige Wert sind darin die Wände selbst. Sie sind mit Rahmen versehen“, erzählte Darja Beglowa, die Leiterin des Künstlerhauses, in einem Interview mit der Zeitschrift The Art Newspaper. „Wir wollten, dass der Gast zum Forscher wird. Wir schaffen eine Ausstellung, in die man wirklich eintauchen muss. Es wird nicht möglich sein, einfach herein- und wieder hinauszugehen, nachdem man sich ein paar Dinge angesehen hat. Wenn man zu Besuch in eine Datscha kommt, wird man in ihren Rhythmus hineingezogen, nimmt am Leben der Gastgeber teil, erlebt etwas mit. So wird es auch in der ‚Ersten Datscha‘ sein. Wir nennen unser Haus ein ‚Museum der Gespräche‘, denn das ist das Wichtigste, was in Peredelkino geschah und geschieht.“
Von der Küche bis zur Terrasse
Das neue Museum kann man im Rahmen von Führungen in kleinen Gruppen besuchen. Als Erstes wird man gebeten, spezielle Hausschuhe überzuziehen – damit kein Frühjahrschmutz auf das Parkett getragen wird. Das Erdgeschoss des Museums ist vollständig Wiktor Schklowski gewidmet – dem Schriftsteller und einem der Begründer des russischen Formalismus. Er lebte ein sehr langes und interessantes Leben und war natürlich auch ein Bewohner Peredelkinos. Die Ausstellungsfläche umfasst das gesamte Haus: eine Speisekammer (hier sind Gegenstände versammelt, die mit den Bewohnern Peredelkinos verbunden sind – Hüte, Kinderspielzeug, Alltagsgegenstände), dann eine Küche mit einem riesigen Tisch, an dem man Platz nehmen kann. In der Küche sind Erinnerungen Wiktor Schklowskis an seine Kindheit, den Beginn seiner literarischen Tätigkeit und die Emigration nach Deutschland zu hören.
Im Zimmer mit dem Ofen (es handelt sich um einen echten Ofen aus dem frühen 20. Jahrhundert) kann man sich in Sessel setzen, die (durch einen in die Rückenlehne eingebauten Audioguide) vom Briefwechsel Schklowskis mit seinen Literaturwissenschaftler-Kollegen Boris Eichenbaum und Juri Tynjanow erzählen. Im Schlafzimmer kann man etwas über Schklowskis Träume erfahren, und im Arbeitszimmer, das unglaublich gemütlich ist, kann man sich selbst als Schriftsteller fühlen. Bemerkenswert ist, dass die Gegenstände auf dem Schreibtisch nicht hinter Glas stehen; man kann alles gut betrachten und sogar anfassen.
Im zweiten Obergeschoss des Museums befindet sich die Bibliothek Schklowskis, die dem Museum von den Nachkommen des Schriftstellers geschenkt wurde. Außerdem gibt es hier einen Raum für das Peredelkino-Archiv, ein Zimmer, in dem Drehbuchautoren arbeiten können (in Gedenken an Gennadij Schpalikow), und auf der Terrasse kann man die Stimmen von Schriftstellern hören, die in Peredelkino lebten – sie werden von einer intelligenten Lautsprecherbox wiedergegeben. Das neue Museum ist nicht mit Exponaten überladen, es gibt viel Platz, der die Möglichkeit zum Umherschweifen bietet. Die Ausstellung über Schklowski ist temporär. Es ist geplant, dass sich das Museum einmal pro Saison einem neuen Literaten widmet.
Ljubawa Winokurowa
Запись Die „Erste Datscha“ im Schriftstellerstädtchen Peredelkino впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.