Öltanks brennen im Nahen Osten, US-Militärbasen werden vom Iran angegriffen. Doch Attacken auf Wasseranlagen könnten noch größeren Schaden anrichten. Im Iran-Krieg ist durch Angriffe auf Ölanlagen bereits großer wirtschaftlicher Schaden entstanden. Aber es droht ein noch schlimmeres Szenario, vor allem für die Region. Experten warnen vor Angriffen auf die Wasserinfrastruktur. "Rund 100 Millionen Menschen in der Golfregion sind für ihre Wasserversorgung auf Entsalzungsanlagen angewiesen", schrieb der amerikanische Professor für Nahost-Geschichte, Chris Low, von der Universität in Utah. "Ohne sie könnte fast niemand in Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten leben – oder in weiten Teilen Saudi-Arabiens, einschließlich der Hauptstadt Riad." Auf der gesamten Arabischen Halbinsel fließt kein einziger ganzjährig wasserführender Fluss. Lediglich Oman und Jemen verfügen über eine Handvoll kleiner, oft brackiger Naturseen. In Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien stammt der Großteil der Süßwasserversorgung aus einer Vielzahl von Grundwasserleitern. Krieg im Nahen Osten: Alle aktuellen Meldungen Krieg gegen Iran : Drohnenschwärme legten offenbar US-Basis lahm Viele davon sind jedoch stark übernutzt und werden in einem Tempo erschöpft, das weit über das hinausgeht, was die Natur wieder auffüllen kann. Die gesamten erneuerbaren Oberflächen- und Grundwasserressourcen der sechs GCC-Länder Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait, Katar, Bahrain und Oman belaufen sich zusammen auf 7,21 Milliarden Kubikmeter pro Jahr – etwa ein Drittel des deutschen Wasserverbrauchs. In den ersten Tagen des Kriegs wurden bereits zwei Entsalzungsanlagen im Iran und in Bahrain attackiert. Der Iran verurteilte den Angriff, drohte aber selbst mit Attacken auf Anlagen von Golfstaaten. Experte: Einige Golfstaaten hätten nur wenige Tage Wasser Professor Kaveh Madani, Direktor an der United Nations University Institute for Water, Environment and Health erklärte gegenüber der australischen ABC-Sendung "The World", dass Wasser im Konflikt im Nahen Osten zu einer Frage der "nationalen Sicherheit" geworden sei. Die "Strategie der Vergeltungsmaßnahmen" würde vor allem Zivilisten schaden, die keinen Einfluss darauf haben. "Bislang sehen wir, dass die Zivilbevölkerung den Preis dafür zahlt", so Madani. "Wir haben noch nie Bedrohungen dieses Ausmaßes erlebt." Er sagte, einige Golfstaaten hätten nur noch wenige Tage – oder höchstens ein paar Wochen – Wasser zur Verfügung, falls eine große Entsalzungsanlage angegriffen würde. "Wasser ist das neue Öl am Golf", schrieb das amerikanische "Time Magazine" im Januar. Das sehen auch Autoren des Middle East Council on Global Affairs so. "Sollten Entsalzungsanlagen im regionalen Konflikt zur Zielscheibe werden, hätte dies weitreichende Folgen. Die Wasserinfrastruktur ist für das tägliche Leben unverzichtbar. Eine Unterbrechung – selbst wenn sie nur von kurzer Dauer ist – könnte innerhalb weniger Tage humanitäre Krisen in der gesamten Golfregion auslösen", schreiben Mohammad Abu Hawash und Nader S. Kabbani in einem Blogbeitrag. Manche Golfstaaten bekommen bis zu 90 Prozent ihres Trinkwassers aus Entsalzungsanlagen. "Sollte der Iran eine koordinierte Strategie verfolgen, Dutzende dieser Mega-Anlagen am Golf anzugreifen, wäre das weitaus schlimmer als ein Angriff auf die Ölanlagen", beschreibt Professor Chris Low die Lage. Angriffe auf Entsalzungsanlage ein Tabu? Er fordert, dass Entsalzungsanlagen im Krieg ein Tabu sein sollen. Das sei wie der Einsatz von Nuklearwaffen. "Das sind Dinge, an die wir nicht denken sollten, denn sie sind zu gefährlich und desaströs." Solche Angriffe wären auch ein Verbrechen und ein Verstoß gegen Menschenrechte. Artikel 54 des Ersten Zusatzprotokolls zu den Genfer Abkommen von 1949 verbietet ausdrücklich Angriffe auf Objekte, die für das Überleben der Zivilbevölkerung unverzichtbar sind, darunter Trinkwasseranlagen und -vorräte. 175 Staaten haben das Protokoll unterschrieben, allerdings nicht die USA , der Iran und Israel . Entsalzungsanlagen sind in der Region kein neues Ziel. Im Januar 2025 zerstörte Israel die Entsalzungsanlage im Norden des Gazastreifens, berichtet das Middle East Council on Global Affairs. Anfang März 2026 hätten die israelischen Behörden die Entsalzungsanlage im Süden des Gazastreifens vom israelischen Stromnetz getrennt. Bereits 2019 und 2022 gab es Angriffe der Huthi auf Entsalzungsanlagen in Saudi-Arabien. Während des Golfkriegs 1990 bis 1991 litt Kuwait unter Wassermangel, weil Anlagen zerstört wurden. Golfstaaten bereiten sich auf Krisen vor Viele Golfstaaten haben sich auf den Krisenfall vorbereitet. In Saudi-Arabien kann Grundwasser zutage gefördert werden. In den Vereinigten Arabischen Emiraten wird Trinkwasser in riesigen unterirdischen Anlagen gelagert, um eine Reserve für den Notfall zu haben. Auch Katar will Wasser speichern und hat mit einem Gesetz 2025 verboten, Frischwasser ohne Sondergenehmigung in der Landwirtschaft zu benutzen. Saudi-Arabien setzt neben dem Grundwasser auf kleine, dezentrale und von Unternehmen betriebene Anlagen. Sie sorgen bereits für 37 Prozent des entsalzten Wassers im Land. Der Vorteil: "Der Verlust einiger dieser Einrichtungen wäre zwar störend, aber nicht katastrophal. Zudem machen ihre geringe Größe und ihre geografische Streuung sie zu weniger attraktiven militärischen Zielen", schreiben Mohammad Abu Hawash und Nader S. Kabbani. Dennoch ist die Wasserinfrastruktur im Nahen Osten ein mögliches Ziel, gerade für den Iran. Sie zu schützen, ist nicht einfach. "Das ist wirklich unmöglich. Solche Infrastrukturen sind von enormem Ausmaß. Alle diese Regime am Golf sind sich bewusst, dass sie sich so positionieren müssen, dass sie diese abfangen und schützen können, aber das ist eine wirklich schwierige Aufgabe", meint Nahost-Experte Chris Low. Zwar gebe es Raketenabwehrsysteme, diese seien aber nicht absolut sicher, wie Treffen auf Ölanlagen bereits zeigen. "Das schlimmste Szenario wäre die Verfolgung einer abgestimmten Strategie durch ein iranisches Regime, das sich in seiner letzten Phase befindet", warnte Chris Low.