Nur wenige Monate vor der WM stehen hinter der Leistungsfähigkeit des DFB-Teams massive Fragezeichen. Vor allem eines macht Julian Nagelsmann Kopfschmerzen. In gut zweieinhalb Monaten beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada. Mit den Testspielen am Freitag gegen die Schweiz (20.45 Uhr im Liveticker bei t-online) und am kommenden Montag gegen Ghana startet für das DFB-Team um Bundestrainer Julian Nagelsmann die finale Vorbereitung auf das Turnier. Wie wird der Kader aussehen? Wie die erste Elf? Nagelsmann würde die verbleibenden Tests wohl gerne nutzen, um genau diese Fragen zu beantworten. Den Plan war, "Rollengespräche schon rund um die Länderspiele im März gegen die Schweiz und Ghana" zu führen. Das hatte er schon vor einigen Wochen im "Kicker" gesagt. Das sei notwendig, "damit ein Spieler auch eine gewisse Zeit hat, sich mit seiner Rolle zu identifizieren." Das Problem: Mit Aleksandar Pavlović und Felix Nmecha mussten zwei Kandidaten für die erste Elf für die Länderspiele verletzt absagen. Seine vollständige Startaufstellung wird der Bundestrainer also in den anstehenden Länderspielen kaum testen können – zumal er mit Jamal Musiala einen weiteren wesentlichen Bestandteil dieser Aufstellung aufgrund einer Verletzung gar nicht erst nominieren konnte. Seit dem vergangenen großen Turnier, der Heim-EM vor zwei Jahren, ist es für Nagelsmann bereits eine bittere Gewohnheit. Der Bundestrainer ist vom Pech verfolgt. Ter Stegen wartet lange – und fällt dann aus Das Nagelsmann-Dilemma begann bereits kurz nach der EM. Mit dem Rücktritt von Manuel Neuer endete für den DFB und seinen Bundestrainer eine Ära. Sorgenfalten angesichts des Rücktritts des Weltmeisters bekam dennoch niemand, hatte man mit Marc-André ter Stegen doch einen Torhüter von Weltklasse-Format in der Hinterhand, der schon seit Jahren auf seine Chance wartete. In zahlreichen anderen Nationen wäre ter Stegen wohl schon lange vorher Stammtorwart gewesen, nur beim DFB hatte er einen der besten Torhüter aller Zeiten vor der Nase. Einen besseren Nachfolger für Neuer hätte sich Nagelsmann also kaum wünschen können. Doch kaum hatte ter Stegens Stunde in der Nationalelf endlich geschlagen, ereilte ihn das Verletzungspech. Nach nur zwei Spielen als Stammtorwart zog sich der 33-Jährige einen Patellasehnenriss zu und fiel rund neun Monate aus. Erst zum Final Four der Nations League im Juni 2025 kehrte er zurück, verpasste aber kurz mit einer Rückenverletzung die gesamte WM-Qualifikation. Bei seinem Klub, dem FC Barcelona , wurde er daraufhin zunächst degradiert und dann an Abstiegskandidat Girona verliehen. Zum Start des WM-Jahres kehrte ter Stegen auf den Platz zurück, doch bevor er ein Länderspiel machen konnte, fiel er erneut aus, dieses Mal mit einer Oberschenkelverletzung. Im "Kicker" bezeichnete Nagelsmann ter Stegens Situation als "extrem tragisch". "Wenn man seine Historie bei der Nationalmannschaft sieht, wäre er jetzt dran gewesen", sagte Nagelsmann. "Das Buch ist auch nicht ganz zu, aber es steht außer Frage, dass das superknapp wird, weil man nicht nur die Ausfallzeit jetzt beachten muss, sondern auch die Zeit davor. Er hat dann fast ein Jahr lang kaum gespielt, das ist schon extrem wenig." Zwar stand und steht Nagelsmann mit Oliver Baumann ein weiterer Torhüter zur Verfügung, der in ter Stegens Abwesenheit mit starken Leistungen überzeugen konnte, dennoch kehrte auf der Torhüter-Position keine Ruhe ein: Schafft es ter Stegen zur WM zurück? Gibt es vielleicht ein Neuer-Comeback? Wiederholt musste sich der Bundestrainer diesen Fragen stellen. Kaum möglich, dem nun voraussichtlichen WM-Torhüter dabei den Rücken zu stärken. Mehrere Sorgenkinder in der Abwehr In der Abwehr setzte sich das Problem fort: Mit Antonio Rüdiger , Nico Schlotterbeck und David Raum waren gleich drei potenzielle Stammspieler in der Defensive zu teils verschiedenen Zeitpunkten nach der EM durch Verletzungen außen vor. Während Raum vier Gruppenspiele in der Nations League verpasste, musste Schlotterbeck für das Final Four sowie zwei WM-Qualifikationsspiele passen. Rüdiger erwischte es dann ebenfalls für das Final Four und gleich vier WM-Qualifikationsspiele. Vor allem für den Innenverteidiger von Real Madrid hatte das gravierende Folgen. Wurde Rüdiger bei und unmittelbar nach der EM noch als Abwehrchef des DFB-Teams angesehen, zählte er zuletzt bei der Kadernominierung sogar zu den Streichkandidaten. Sein Abstieg steht dabei sinnbildlich für das Chaos in der deutschen Defensive. Im defensiven Mittelfeld spielte der eigens für die Europameisterschaft zurückgekehrte Toni Kroos während des Turniers gleich wieder die Hauptrolle. Nach dessen Karriereende im Sommer 2024 und nach dem DFB-Rücktritt des damaligen Kapitäns Ilkay Gündoğan musste Nagelsmann die Mittelfeldzentrale komplett neu aufstellen. Einer der vorgesehenen Schlüsselfiguren: Aleksandar Pavlović. Prunkstück ohne magisches Trio Schon während der EM hätte der Bayern-Jungstar, der zu diesem Zeitpunkt gerade erst seinen Durchbruch gefeiert hatte, im Kader stehen sollen, musste aber aufgrund einer Mandelentzündung passen. Nach dem Turnier galt er als neue Hoffnung im deutschen Mittelfeld, doch ihm blieb das Verletzungspech treu. Zunächst verpasste er zwei Nations-League-Gruppenspiele aufgrund eines Schlüsselbeinbruchs, im Viertelfinale des Wettbewerbes musste er dann aufgrund von Pfeifferschem Drüsenfieber aussetzen. Auch die kommenden beiden Testspiele kann er nun aufgrund von Hüftbeschwerden nicht bestreiten. Vor dem WM-Start kommt der vermeintliche deutsche Mittelfeldmotor also auf gerade einmal neun Länderspiele. Dann wäre da noch die Offensive, das vermeintliche Prunkstück der deutschen Mannschaft. Im Mittelpunkt: das Dreieck aus Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz . Doch Musiala absolvierte aufgrund seines Wadenbeinbruchs seit einem Jahr kein Länderspiel mehr und wird aufgrund von erneuten Komplikationen infolge der Verletzung auch die beiden Testspiele verpassen. Havertz konnte aufgrund von verschiedenen Verletzungen sogar seit November 2024 nicht mehr für den DFB auflaufen und kämpfte auch in den vergangenen Monaten bei seinem Klub Arsenal immer wieder mit Muskelverletzungen. "Jamal habe ich bei der Nationalmannschaft über zehn Monate nicht mehr gesehen, Kai noch länger nicht", klagte Nagelsmann im "Kicker". "Sie kennen einige Dinge, die wir seitdem gemacht haben, nur in der Theorie aus Gesprächen mit mir. Da ist es schon wertvoll, dass sie wieder dabei sind, weil es sonst irgendwann auch schwierig für sie wird, den Rhythmus zu finden im Kreise der Nationalmannschaft." Zumindest bei Musiala wird daraus nichts. Er muss bangen Hinter Havertz ging die Verletztenmisere bei seinen Ersatzleuten nahtlos weiter. Niclas Füllkrug absolvierte seit der EM aufgrund verschiedener Verletzungen nur drei Länderspiele, Tim Kleindienst konnte aufgrund einer Knieverletzung seit einem Jahr nicht mehr für den DFB spielen. Auch deshalb spülte es mit Nick Woltemade zuletzt einen erst 24-Jährigen mit kaum internationaler Erfahrung dauerhaft in die erste Elf. "Er hat in der Summe sechs Monate Bundesliga-Fußball und ist dann der Stürmer, der uns zur WM schießen muss, weil alle anderen verletzt sind", sagte Nagelsmann über ihn. Mit Blick auf die lange Verletztenhistorie dürfte kaum einer seiner internationalen Kollegen Nagelsmann beneiden. Drei Monate vor WM-Beginn hat der Bundestrainer noch immer keine wirklich eingespielte erste Elf vorzuweisen. Der Erfolg des DFB-Teams bei dem Turnier in den USA, Kanada und Mexiko wird also im Wesentlichen von einer effektiven Vorbereitung im unmittelbaren Vorfeld des Turniers abhängen. Der Bundestrainer kann nur hoffen, dass ihm bis dahin weiteres Verletzungspech erspart bleibt.