Der US-Präsident agiert unberechenbar und erratisch. Was veranlasst Donald Trump zu diesem Verhalten? Thomas Fuchs sieht in Trump einen ausgeprägten Narzissten. Was das bedeutet, erklärt der Psychiater im Interview. Donald Trump dürfte der wohl mächtigste Mann der Welt sein, doch diese Macht nutzt der US-Präsident ohne Rücksicht aus. In den USA demoliert Trump die liberale Demokratie, und auch im Ausland agiert er immer aggressiver. Mit immer neuen Drehungen und Wendungen löst er rund um den Globus Unruhe aus. Wenig überrascht von Trumps Verhalten ist Thomas Fuchs, Psychiater und Philosoph. Er sagt, Trump sei ein "lupenreiner Narzisst". Was aber ist Narzissmus eigentlich? Wie äußert er sich bei Trump? Und wie lässt sich ein Narzisst erkennen? Diese Fragen beantwortet Thomas Fuchs, Mitautor des Buches "Das unersättliche Selbst. Phänomenologie des Narzissmus", im Gespräch. t-online: Professor Fuchs, was zeichnet einen Narzissten aus? Thomas Fuchs: Narzissten verspüren im Grunde eine tiefe innerliche Leere. Und diese Leere versuchen sie zu füllen, indem sie die Anerkennung und Bewunderung anderer Menschen erhalten, auch Status, Macht und Gewinn. Dadurch wollen sie eine Wertsteigerung, eine Erhöhung ihrer eigenen Persönlichkeit erzielen. Ist dieses Ziel überhaupt erreichbar? Schwerlich. Denn der tiefe Mangel an Selbstwert lässt sich nicht dauerhaft durch äußerlichen Erfolg und die Bewunderung anderer kompensieren. Der Narzisst kann nicht wirklich zufriedengestellt werden, er ist quasi unersättlich. Nun wird der Begriff "Narzissmus" in unserer Gesellschaft mittlerweile geradezu inflationär verwendet. Narzissmus ist ein Modewort geworden, weil er eine scheinbar einfache Antwort auf menschliche Verhaltensweisen offeriert: Wir alle sind Narzissten, jeder ist ein kleiner Trump. Doch so einfach ist es nicht – denn es gibt keinen "gesunden Narzissmus". Ist Donald Trump denn ein Narzisst? Trump ist ein lupenreiner Narzisst, geradezu ein Schulbeispiel, und er liefert – aus der Forscherperspektive betrachtet – lehrreiches Anschauungsmaterial. Wir können den Narzissmus gewissermaßen live betrachten. Aber es ist natürlich auch unsäglich und erschreckend, dass ein Mensch mit derart ausgeprägten charakterlichen Störungen einen solchen Einfluss in der Welt hat. Nun scheint Trump den Iran in der Hoffnung auf einen schnellen Sieg angegriffen zu haben. Ist das ein weiterer Beleg für seinen Narzissmus? Leider ist das so: Trump braucht ständig ein neues Objekt für seine Gier. Der Hunger nach Größe, Erfolg und Bewunderung ist bei ihm so extrem ausgeprägt, dass er gar nicht in der Lage ist, längerfristig orientierte Strategien zu verfolgen. Denn dafür braucht es Geduld, mühsame Arbeit, und die ausführliche Beschäftigung mit der jeweiligen Materie. Dazu ist Trump auch von seiner persönlichen Reife her nicht in der Lage. Bisweilen wird Trump auch kurzerhand für "verrückt" erklärt. Als Psychopathologe muss ich die Diagnose der Verrücktheit im Sinne der Psychose klar zurückweisen. Gleiches ist auch von Hitler oft behauptet worden. Aber Menschen mit einer schweren psychischen Störung – die landläufig als "Verrücktsein" bezeichnet wird – gelangen nicht auf solche Posten. Doch es gibt durchaus eine Sache, die einen auf den Gedanken bringen könnte, dass Trump verrückt sei. Welche? Bei schwer narzisstischen Personen finden wir oft eine ausgeprägte Realitätsverzerrung, also die Neigung, die Realität wirklich vollständig zu den eigenen Gunsten umzudeuten und umzudrehen. Denken wir zurück an Trumps erste Inauguration im Januar 2017. Der Wirklichkeit zum Trotz behauptete Trump felsenfest, dass zu seiner ersten Amtseinführung mehr Menschen erschienen wären als einst bei Barack Obama . Richtig. Bilder dieser beiden Veranstaltungen überführen Trump eindeutig der Lüge. Aber wiederum ist es nicht so einfach: Trump glaubt wahrscheinlich mittlerweile wirklich, dass bei ihm 2017 mehr Menschen zugegen waren. Er ist womöglich auch davon überzeugt, dass ihm die Wahl 2020 gestohlen wurde. Wir wissen, dass das Unsinn ist. Aber Trump beugt eben die Realität. Das verselbständigt sich zu einer falschen Sichtweite, die dann auch andere teilen. Im Falle Trumps sind es Millionen von Amerikanern, die an eine "gestohlene Wahl" im Jahr 2020 glauben. Der Titel Ihres neuen Buches, das Sie mit Thomas Arnold verfasst haben, lautet "Das unersättliche Selbst". Das wirkt wie auf Trump gemünzt. Das stimmt. Aber wir widmen uns dem Thema Narzissmus insgesamt – auch wenn man dabei an Donald Trump schwerlich vorbeikommt. Im Falle Trumps verweisen Sie auf seine Kindheit, in der sein Narzissmus wurzele. Was ist passiert? Folgen wir Mary L. Trump, Trumps Nichte, die selbst Psychologin und Persönlichkeitsforscherin ist, war Trumps Vater Fred C. Trump ein hochfunktionaler Psychopath. Als erfolgreicher Immobilienunternehmer war er an seinen Kindern kaum interessiert. Für den jungen Trump entstand eine psychische Mangelsituation, da der Vater ihm keine Nähe und Wärme entgegenbrachte. Trumps Mutter wiederum war aufgrund einer Erkrankung längere Zeit abwesend. Empathie zu entwickeln war für Donald entsprechend schwer bis unmöglich, zumal sein Vater letztlich nur die Eigenschaften an ihm lobte, die ihn eigentlich unliebbar machen: Indifferenz, Aggression und Arroganz. Nun ist dieser Mensch zu einem der mächtigsten Politiker der Welt geworden. Tatsächlich hat es in Trumps Kindheit begonnen, ja. Narzissten haben eben nicht gelernt, sich in andere hineinzuversetzen, empathisch mit ihnen zu fühlen. Stattdessen nutzen sie andere Menschen als Objekte, aus denen sie Bewunderung und Anerkennung ziehen. Trumps Großspurigkeit und Grandiosität wurzeln in seinem ausgeprägten Narzissmus. Übrigens ist auch sein Hang zur Korruption im Narzissmus angelegt: Sonderrechte zu beanspruchen, andere zu manipulieren, alles dem eigenen Gewinn unterzuordnen. Wir leben in einer Zeit, in der die sozialen Medien die Erzeugung einer digitalen Schein- und Parallelwelt ermöglichen. Sind Instagram und Co. das ideale Medium für Narzissten? Diesen Trend beobachten wir seit längerer Zeit. Beim Narzissmus geht es ja im Prinzip darum, sich zu zeigen, sich selbst darzustellen, und genau dazu dienen die sozialen Medien – erst recht durch die immer besseren Kameras und die Möglichkeiten von Filtern und Nachbearbeitung, um der Realität etwas auf die Sprünge zu helfen. Auf den Philosophen René Descartes geht die Formel "cogito, ergo sum" zurück, heute ist es eher "videor, ergo sum". "Ich denke, also bin ich" versus "Ich werde gesehen, also bin ich"? Darauf läuft es hinaus. Ein Narzisst muss gesehen werden, er will sich in den anderen Menschen spiegeln. Dieses Bild des Spiegels ist ja bereits im antiken Mythos des Narkissos enthalten: der schöne Jüngling, der sich beim Blick in einen Teich in sein eigenes Spiegelbild verliebt. In gewisser Weise erleben wir derzeit eine digitale Version: Das ständige Bemühen, von anderen gesehen zu werden und daraus seinen Wert zu beziehen, ist in den Mechanismus der sozialen Medien eingebaut. Was aber nicht nur narzisstische Menschen betrifft? Ganz richtig. Im Kern sehen wir in den sozialen Medien eine technologisch-narzisstische Struktur: Die Nutzer sollen durch Likes, Follower etc. geködert und in einem gewissen Maß abhängig gemacht werden. Das zieht besonders Narzissten an. Aber auch nicht-narzisstische Menschen unterliegen einem ständigen Druck, ihren Wert durch Aufmerksamkeit zu steigern. Nehmen wir die Influencer, die sich ständig zeigen müssen und von ihren Followern wiederum gespiegelt werden. So entstehen immer neue Spiegelungen von Spiegelungen. Nun stellt sich die Frage, wie sich ein Narzisst erkennen lässt? Zunächst gibt es sehr unterschiedliche Typen von Narzissten, darunter auch durchaus gewinnende und sympathische Personen. Wir dürfen nicht stets vom Negativbild des pathologischen Narzissten ausgehen. Der Charme eines Narzissten kann durchaus positive Gefühle wecken, und narzisstische Menschen sind auch in mancher Hinsicht für eine Gruppe wichtig. Inwiefern? Sie übernehmen gerne Führungsaufgaben, für deren Ausführung sie zunächst auch gut geeignet sind. Was man aber nicht vergessen sollte, ist die Tatsache, dass die eigentliche Strategie des Narzissten nicht auf die Arbeit für andere, für ein gemeinsames Ziel oder für einen höheren Wert ausgerichtet ist. Das Ziel besteht einzig und allein darin, Anerkennung, Bewunderung und Macht zu erhalten. Was ist, wenn das nicht klappt? In der Situation eines Misserfolgs zeigt sich oft erst, dass der Narzisst zu altruistischem Verhalten nicht in der Lage ist. Er wird die Schuld bei anderen suchen und die anderen Beteiligten rasch fallen lassen, um sich selbst zu retten. Zurück zu der Frage, ob es bestimmte Muster gibt, an denen sich ein Narzisst früh erkennen lässt … Wer großspurig auftritt, wer unfähig ist, hinter anderen zurückzustehen oder zu warten, bis er selbst an der Reihe ist, gibt zumindest Grund zur Vorsicht. Man sollte die sogenannten Red Flags, die Warnsignale, nicht ignorieren, zum Beispiel subtile Entwertungen. Das gilt besonders in engen Beziehungen und Partnerschaften. Narzissten werden sich stets so verhalten, dass es für sie vorteilhaft ist und nicht für ihre Partner. Sie können nicht reziprok auf andere eingehen oder sie als ebenbürtig ansehen. Beziehung bedeutet dann oft Konkurrenz. Das klingt anstrengend, auch für Narzissten. Das ist es auch. Der Titel unseres Buches kommt nicht von ungefähr: Unersättlichkeit treibt einen ständig voran. Die Dynamik innerhalb einer narzisstischen Beziehung ist schwierig, weil der Narzisst fortwährend Schein und Größe produzieren muss. Es kommt nie zu einer Anerkennung dessen, wie man ist. Der ideale Zustand einer Person wäre im aristotelischen Sinne ein "Mit-sich-selbst-befreundet-Sein". Ein Narzisst ist weit davon entfernt. Ja, vom aristotelischen Idealzustand wirkt in der Tat Trump weit entfernt. Das sehe ich auch so. Mit seiner typisch narzisstischen Ungeduld springt er von Event zu Event, von Hype zu Hype, von Erregungsspitze zu Erregungsspitze und verleiht seinem Verhalten damit etwas Erratisches und Unberechenbares. Zugleich erleben wir die ungeheure narzisstische Aufblähung einer einzigen Person, die früher in dieser Form gar nicht möglich war. Die Medien und das Internet geben Trump die Möglichkeit, sich ständig der ganzen Welt zu zeigen, seine Posts zu verbreiten, und Millionen, ja Milliarden von Menschen nehmen ihn dabei wahr. Das ist ein Narzissmus von erschreckender Dimension. Wie wirkt Trumps Verhalten aber auf seinen engsten Umkreis? Wie gehen ein JD Vance oder ein Marco Rubio damit um? Die narzisstische Führerpersönlichkeit ist zunächst vor allem auf die Massen ausgerichtet und lebt von ihrer Zustimmung und Begeisterung. Aber Trump braucht auch in seiner unmittelbaren Umgebung und innerhalb seiner Entourage Höflinge, die ihm Beifall spenden. Sie sollen ihn in seiner Großartigkeit ständig spiegeln. Setzt dabei nicht ein Konkurrenzkampf unter den Höflingen um Trumps Gunst ein? Ja, in der Entourage eines mächtigen populistischen Führers laufen bestimmte Dynamiken und Gruppendynamiken ab. Jeder will dem obersten Führer nahe sein, jeder will ihn auch beerben. Darauf sind Vance und Rubio aus, allerdings gehen sie unterschiedlich vor. Wie erfolgreich sie sind, wird sich zeigen. Nun wird Trump eher einen riesigen Scherbenhaufen hinterlassen. Narzissten können selbstverständlich scheitern. Das wäre für Trump das Schlimmste; daher wird er versuchen, jede Niederlage wie einen Sieg aussehen zu lassen – wie schon bei den "gestohlenen Wahlen" 2020. Professor Fuchs, vielen Dank für das Gespräch.