Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, der Mensch neigt dazu, sich etwas vorzumachen: Wenn ich dieses Projekt abgeschlossen habe, nehme ich mir endlich Zeit für Weiterbildung. Wenn ich weniger Stress habe, treibe ich regelmäßig Sport. Wenn beruflich wieder Luft ist, treffe ich mehr Freunde. Wenn dies, dann das. Dafür aber so richtig. Da bekanntlich auch Bundesregierungen aus Menschen bestehen, verwundert es nicht, dass sich dort ähnliche Denkmuster begutachten lassen: Wenn die zwei Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erst mal hinter uns liegen, dann wird hier richtig einer wegreformiert. Einkommensteuer , Krankenkassen und Pflege, Rente und längeres Arbeiten – an To-do's mangelt es nicht und viele davon sollen am besten schon in Kürze erledigt werden. Das Problem an diesem Wenn-dann-Muster ist: In der Regel sind die Umstände nie perfekt. Der lähmende Wahlkampfmodus mag zwar vorerst zu Ende sein, doch nun gibt es neue Widrigkeiten. Nach dem katastrophalen Wahlergebnis für die SPD in Baden-Württemberg hat sie in Rheinland-Pfalz jetzt auch noch einen Ministerpräsidenten verloren – mit dem schlechtesten Ergebnis ihrer Geschichte in dem Bundesland, das sie seit 35 Jahren regiert hat. Es ist eine Zäsur, "die noch lange nachhallen wird", schreibt unser SPD-Reporter Daniel Mützel . Und das bis nach Berlin. Diese Niederlage wird nicht nur den Rückhalt für die Führungsspitze bröckeln lassen, sondern die Partei womöglich auch kompromissloser innerhalb der Koalition auftreten lassen . "Jetzt steht alles auf dem Spiel", kommentiert unser Hauptstadtbüro-Leiter Florian Schmidt . Bundeskanzler Friedrich Merz hat zwar schon nach der Wahl in Baden-Württemberg die SPD-Parteivorsitzenden Lars Klingbeil und Bärbel Bas darauf eingeschworen, dass sich die Regierung von Landtagswahlergebnissen nicht aus der Ruhe bringen lassen werde, doch das fällt mit zumindest einer gewonnenen Wahl im Rücken leichter als mit zwei Debakeln. Immerhin: Schon in dieser Woche könnten sie unter Beweis stellen, dass sie Reformen können. Klingbeils Gesetzentwurf zur Reform der privaten Altersvorsorge liegt im Bundestag und könnte, wenn es beim aktuellen Zeitplan bleibt, am Freitag beschlossen werden. Schon bevor die Rentenkommission im Sommer ihre Empfehlungen ausspricht, soll sich also etwas bessern – und zwar grundlegend. Angesichts von Iran-Krieg und Tank-Wut kann man es leicht übersehen, aber tatsächlich steht hier ein historischer Beschluss an: Rund 25 Jahre nachdem die inzwischen als gescheitert geltende Riester-Rente das Licht der Welt erblickt hat, sollen Deutschlands Bürger mit dem Altersvorsorgedepot endlich eine staatlich geförderte Altersvorsorge bekommen, die diesen Namen verdient hat. Wenn, ja, wenn es Union und SPD in den kommenden Tagen schaffen, sich bei einer entscheidenden Stellschraube zu einigen. Diese Schraube steckt im sogenannten Standardprodukt, das ab 2027 jede Bank, jeder Broker und jede Versicherung verpflichtend im Sortiment haben soll, wenn sie bei der neuen Altersvorsorge mitmachen wollen. Das Standardprodukt ist für Menschen gedacht, die sich noch nicht zutrauen, ihr Depot selbst zu bestücken – zum Beispiel mit einem günstigen, breit gestreuten Aktien-ETF . Um die Depotzusammensetzung kümmert sich dann der Anbieter. Vorgabe ist, dass es einen risikoarmen und einen chancenorientierten Fonds enthalten muss. Umstritten ist aktuell aber noch der Kostendeckel, den der Gesetzentwurf für das Standardprodukt vorsieht: 1,5 Prozent pro Jahr dürfen die Effektivkosten maximal betragen. Das ist in etwa so viel wie die durchschnittlichen Gebühren bisheriger Riester-Produkte. Mit anderen Worten: viel zu hoch, um gute Renditen zu erzielen. Das Verbraucherportal "Finanztip" fordert in einer Petition , den Kostendeckel auf 0,5 Prozent pro Jahr zu senken. Das sei absolut ausreichend, und zwar für alle geförderten Vorsorgeprodukte – Versicherungen eingeschlossen. Auch im Finanzausschuss des Bundestags, in dem die Reform vergangenen Montag kontrovers diskutiert wurde, hagelte es Kritik an der Höhe der Kostenobergrenze. Die Wirtschaftsweise Ulrike Malmendier etwa nannte sie "international peinlich". Auch Verbraucherschützer, Grüne und der Bundesrat, der nach dem Bundestag ebenfalls noch zustimmen muss, fordern eine Senkung. Die Chancen, dass sich Union und SPD tatsächlich darauf einigen können, stehen nicht schlecht. Finanzminister Klingbeil hat sich bereits vor Wochen offen für einen schärferen Kostendeckel gezeigt. Auch CSU-Finanzpolitiker Florian Dorn sagte der "Süddeutschen Zeitung", dass viel dafür spreche, den Kostendeckel niedriger anzusetzen. Dorn verhandelt den Gesetzentwurf für die Unionsfraktion und sitzt auch in der Rentenkommission. Ein paar Zehntelprozentpünktchen mehr oder weniger Kosten mögen sich irrelevant anhören, doch über Jahrzehnte hinweg kann das einen Unterschied von mehreren Zehntausend Euro an Rente machen. Da das Standardprodukt gerade für jene Leute gedacht ist, die sich nicht gut auskennen, sehen Verbraucherschützer hier eine Gerechtigkeitslücke: Wer mit seinem Geld umzugehen weiß, stellt sich sein Altersvorsorgedepot selbst mit günstigen und ertragreichen ETFs zusammen. Wer auf Beratung angewiesen ist, landet, wie bei Riester, in unnötig teuren Verträgen. Wäre der Kostendeckel deutlich niedriger, wäre dieser Schaden wenigstens nicht ganz so groß. Ihren Traum von einem guten und günstigen Standardprodukt nach schwedischem Vorbild müssen Verbraucherschützer und Grüne aber wohl vorerst weiterträumen. Zwar meldet mit Stefan Nacke, dem Vorsitzenden der Arbeitnehmergruppe der Unionsfraktion, inzwischen auch ein CDU-Politiker Interesse an einer solchen Staatsfondslösung an, der SPD hatte man ihre kurzzeitige Sympathie für die Idee dem Vernehmen nach aber schon wieder ausgeredet. Zumindest für die private Altersvorsorge dürfte ein öffentlich-rechtliches Standardprodukt daher keine Rolle spielen. Möglicherweise kommt die Idee aber noch mal für die geplante Frühstart-Rente oder die betriebliche Altersversorgung auf den Tisch. Ein Standardprodukt, das der Staat selbst anbietet, ist in Schweden Teil der gesetzlichen Rentenversicherung und mit jährlichen Kosten von 0,1 Prozent konkurrenzlos günstig. Alle Bürger nehmen automatisch daran teil, können aber widersprechen oder sich stattdessen für ein Produkt eines privaten Finanzdienstleisters entscheiden. Die meisten bleiben jedoch beim staatlichen Fonds – was wohl auch erklärt, warum sich Versicherungen und private Fondsanbieter in Deutschland klar gegen diese Lösung positionieren. Bleibt also für alle deutschen Sparer zu hoffen, dass stimmt, was mir ein Brokervorstand geschrieben hat: Die Menschen seien in der Lage, eigenverantwortlich zu handeln und aus der Vielfalt der neuen Angebote, jene herauszupicken, die für sie am lukrativsten sind. Der Boom der ETF-Sparpläne in den vergangenen Jahren hätte das bewiesen. Umfrage Digitale Gewalt Empört euch! Wäre ich gestern nicht für Sie im Dienst gewesen, hätte ich meinen Nachmittag höchstwahrscheinlich vor dem Brandenburger Tor verbracht. Dort hatte die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes zu einer Kundgebung aufgerufen , die auf strukturelle Missstände und rechtliche Lücken im Umgang mit digitaler und analoger sexualisierter Gewalt aufmerksam machen sollte. Die Polizei sprach von 6.700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die Veranstalter von 13.000 Menschen. Seit die schweren Vorwürfe von Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen öffentlich geworden sind, kennt mein Instagram-Feed kaum ein anderes Thema mehr. Jeder zweite Post prangert die Gesetzeslücken an, die Täter in Deutschland straffrei davonkommen lassen. Musiker, Schauspieler, Comedians, Schriftsteller sind wütend auf ein System, in dem es erst einen solchen prominenten Fall braucht, damit Empörung laut wird. Ich gendere hier übrigens bewusst nicht, weil es in meiner Bubble tatsächlich eine ganze Reihe von Männern gibt, die sich endlich auch einmal äußern. Und doch ist offensichtlich, dass sie Ausnahmen sind. Dazu muss man nur in die Kommentarspalten unter den Posts klicken. Ein Mann nach dem nächsten liefert dort den Beweis, dass die Wut mehr als berechtigt ist. Es wird relativiert, beleidigt, abgewertet, Täter-Opfer-Umkehr betrieben und mit dem Tod bedroht. Einsicht, dass es ein grundsätzliches Problem gibt? Bei vielen leider nicht zu erkennen. Das gilt im Übrigen auch für all jene, die zwar anerkennen, dass etwas schiefläuft, und selbst Anstrengungen unternehmen, anders zu sein, aber dann doch schweigen, wenn es darauf ankommt. Wenn sich ein Bekannter übergriffig verhält oder ein Arbeitskollege abwertend über Frauen spricht. Wenn ein Freund einen sexistischen Witz macht oder die Grenzen seiner Partnerin nicht für voll nimmt. Wer so etwas unkommentiert hinnimmt, lässt die Machos und Sexisten glauben, sie seien im Recht – und braucht sich nicht zu wundern, wenn Frauen am Ende auch ihnen gegenüber argwöhnisch sind. Collien Fernandes hatte zunächst im "Spiegel" schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhoben und bestimmte Vorhaltungen eidesstattlich versichert. Anschließend äußerte sie sich auch auf ihrem Instagram-Account. Demzufolge soll Ulmen über Jahre hinweg digital gefälschtes sexuelles Bildmaterial von ihr im Netz verbreitet haben. Aus ihrer eidesstattlichen Erklärung geht auch hervor, dass er gegenüber Hunderten von Männern im Netz ihre Identität angenommen und diesen Männern in ihrem Namen sexuelle Avancen gemacht haben soll. Fernandes sprach unter anderem von "digitaler Vergewaltigung". t-online hat Christian Ulmen sofort nach Bekanntwerden der Vorwürfe um eine Stellungnahme gebeten. Diese blieb unbeantwortet. Der Schauspieler schweigt bisher zu den Vorwürfen. Es gilt die Unschuldsvermutung. Sein Rechtsbeistand, der Promi-Anwalt Christian Schertz, nennt die Veröffentlichungen des "Spiegel" in einer presserechtlichen Information "unwahre Tatsachen aufgrund einseitiger Schilderung". Weitere Details zu den Vorwürfen lesen Sie hier . Das Steht an Steigen die Renten bald langsamer? Der langersehnte Riester-Nachfolger steht in den Startlöchern, doch wie schaut's aus mit den Reformen bei der gesetzlichen Rente? Da steckt man noch mittendrin in der Vorschlagsfindung. Am heutigen Montag kommt die Rentenkommission zu ihrer nächsten Sitzung zusammen und widmet sich einem Mechanismus, der gerade erst wieder zu einem ordentlichen Plus für Rentner geführt hat : der Rentenanpassung. Im Kern geht es darum, ob bei der Berechnung alles so bleiben soll, wie es ist, oder ob sich die Renten künftig weniger stark erhöhen sollten – etwa nur im Gleichschritt mit der Inflation statt wie aktuell mit den Bruttolöhnen. Auch wollen die Experten diskutieren, wie man den sogenannten Nachhaltigkeitsfaktor weiterentwickeln kann. Diesen hatte die Bundesregierung mit ihrem Rentenpaket von Ende 2025 für die nächsten Jahre ausgesetzt und stattdessen das Rentenniveau bei 48 Prozent abgesichert . Eigentlich soll der Faktor dafür sorgen, dass die Renten weniger stark steigen, wenn mehr Rentner weniger Beitragszahlern gegenüberstehen. Das soll die Lasten des demografischen Wandels gleichmäßig über die Generationen verteilen. Solange er ausgesetzt ist, schultert vor allem die jüngere Generation den Druck. Die Junge Union fordert daher die Einführung eines "Nachholfaktors" , mit dem sich das Gremium heute ebenfalls beschäftigt. Damit könnte ab 2032 so getan werden, als hätte es das feste Rentenniveau nie gegeben. Die jährlichen Rentenerhöhungen würden dann doppelt gedämpft: durch den wieder greifenden Nachhaltigkeitsfaktor und den neuen Nachholfaktor. Lesetipps Der Bund der Steuerzahler will gegen die Aktivrente klagen. Im Interview erläutert sein Präsident Reiner Holznagel meinem Kollegen Jakob Hartung und mir, was ihn an dem Privileg für Rentner stört, wie er die Einkommensteuer reformieren würde und was Frauen stärker von Mehrarbeit abhält als das Ehegattensplitting. Artikel lesen Zuletzt gab es bereits Gerüchte um einen möglichen Abschied von Sebastian Kehl aus Dortmund. Nun ist sofort Schluss beim BVB. Eine richtige Entscheidung, findet mein Kollege Andreas Becker. Artikel lesen Sönke Neitzel gilt als einer der profiliertesten Militärhistoriker Deutschlands. Im Interview mit Jakob Hartung erklärt er die Besonderheit des Iran-Krieges und rechnet mit einem deutsch-französischen Prestigeprojekt ab. Artikel lesen Beliebt trotz Sparkurs: Dieses Kunststück schafft Finanzminister Markus Marterbauer derzeit in Österreich. Meinen Kollegen Camilla Kohrs und Florian Schmidt hat er verraten, wie er das anstellt – und welchen Tipp er für Lars Klingbeil hat. Artikel lesen Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen frühlingshaften Start in die Woche! Morgen schreibt Ihnen meine Kollegin Annika Leister. Herzliche Grüße Ihre Christine Holthoff Senior Redakteurin Finanzen Mit Material von dpa.