Zerstörte Infrastruktur, Preiskampf um Öl und Gas und kein Kriegsende in Sicht. Auch für Deutschland ist das eine schwierige Lage – mit welchen Folgen? "Der Krieg ist so gut wie beendet", mit diesen schwammigen Worten hat US-Präsident Donald Trump Anfang vergangener Woche versucht, die Welt zu beruhigen. Tatsächlich gelang es ihm für den Moment: Die Börsen reagierten umgehend, die Öl- und Gaspreise sanken deutlich, viele Aktienkurse stiegen wieder an. Ein Turnaround-Tuesday (also ein Erholungstag an der Börse nach einem Einbruch) wie aus dem Bilderbuch. Doch es ist ein Klammern an eine naive Hoffnung. Was die Kapitalmärkte ausblenden: Die Welt steht vor enormen neuen – wenn auch altbekannten – Herausforderungen – und Deutschland ganz besonders. Das bilden die Börsen aber gar nicht ausreichend ab. Zur Wochenmitte gaben die Preise von Öl und Gas wieder etwas nach. Hoffnung auf ein Kriegsende in Nahost drückt sich hier aus. Zuvor war der Ölpreis (Brent) um zeitweise mehr als die Hälfte und der Gaspreis (TTF-Future) um das Doppelte gestiegen. Die globalen Aktienmärkte waren eingebrochen, teilweise um zehn Prozent. Die Verluste waren umso größer, je energieabhängiger die Länder waren: Da die USA Netto-Exporteur von Öl und LNG sind, waren sie weniger hart getroffen als zum Beispiel Deutschland oder Japan. Öl für die, die am meisten zahlen? Und derzeit ist die bange Frage: Wer bekommt überhaupt Öl und Gas und zu welchen Preisen? Bereits jetzt werden Tanker, die eigentlich für Lieferungen nach Europa bestimmt waren, nach Asien umgeleitet. Bekommt Öl und Flüssiggas, wer am meisten bezahlt? Scheint so. Die USA könnten auf diesem Gebiet ein Profiteur der Krise werden – Europa beziehungsweise Teile davon und Asien sind die Verlierer. Doch der US-Präsident macht mit vagen Ansagen zum Ende des Krieges Hoffnung. Hoffnung auf Frieden, auf eine Lösung. Doch das ist derzeit nicht realistisch. Israel hat dem umgehend widersprochen. Und das iranische Regime ließ wissen: Es kämpft bis zum bitteren Ende. Frieden in Nahost – es sieht derzeit nicht danach aus: Und das zeigte sich auch an den Kapitalmärkten. Das sind Inflationstreiber Auch wenn sich die Energiepreise wieder etwas (!) beruhigen sollten: Die Lage ist ernst. Denn teure Energie belastet die Weltwirtschaft, die deutsche, stark importabhängige Wirtschaft insbesondere. Die Folgen werden an den Kapitalmärkten aber noch gar nicht hinreichend eingepreist: Hohe Energiepreise sind ein Inflationstreiber. Und was passiert, wenn die Inflation wieder davon galoppiert, die Preise wieder auf breiter Front schnell steigen? Richtig, die Notenbanken müssen die Zinsen anheben. Rezessionssorgen neu entfacht Die Erinnerung an die Entwicklung vor vier Jahren hat die Welt schnell eingeholt – unerwartet schnell. In Deutschland wächst die Sorge vor einer Rezession. Ölpreise von über 100 US-Dollar – das ist ein Schock für die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte. Und womöglich nicht das Ende der Fahnenstange: "The sky ist the limit", sagte der ehemalige Chef der Internationalen Energie-Agentur in einem Interview. Alles ist möglich. Er könnte recht behalten. Um die Preisanstiege zu dämpfen, wird sich Deutschland an einer international koordinierten Freigabe von Erdöl und Ölprodukten aus nationalen Reserven beteiligen . Aber wenn die Straße von Hormus geschlossen bleibt, wird Öl irgendwann knapp. Angelegte Reserven reichen für rund 90 Tage. Eine Krise nicht gekannten Ausmaßes könnte dann drohen, sagen Ökonomen. Banger Blick zurück auf vergangene Öl-Krisen: In deren Folgen blieben Ölpreise über Monate hoch, mussten Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) oder die Fed in den USA die Leitzinsen anheben. Und eine angeschlagene Wirtschaft lahmte im Nachgang noch mehr. Denn Energieanlagen, die zerstört sind, lassen sich nicht von heute auf morgen wieder aufbauen. Und heruntergefahrene Anlagen können nicht wieder so schnell heraufgefahren werden – die haben keinen Zündschlüssel und alles ist wieder gut. Das dauert. Enorme Kursreaktionen Noch ist das nicht so weit – doch die Kapitalmärkte reagierten vor allem dort, wo es am augenfälligsten ist, die Auswirkungen sofort spür- und sichtbar sind: Den Anfang machten unmittelbar mit Kriegsbeginn Aktien der Luftfahrt. Lufthansa , Air France-KLM, Ryanair in Europa und United Airlines und andere in den USA fielen massiv im Wert. Gesperrte Lufträume und steigende Kerosin-Preise sind die Ursache. Auf gleicher Talfahrt: die Reisebranche. Die Preise steigen, Urlauber verlieren die Reiselust, bestimmte Ziele können nicht mehr angeboten werden, Kreuzfahrten fallen aus, gestrandete Passagiere müssen zurückgeholt werden – die Branche ist besorgt. Das zeigen auch die Kurse von Reiseveranstalter Tui oder von Kreuzfahrt-Unternehmen wie Royal Caribbean. Aber damit nicht genug: Hohe Spritpreise und steigende Frachtkosten gehen zulasten der Logistiker. DHL war demnach eines der betroffenen Unternehmen mit Kursverlusten an den Börsen. Und dann sind da noch alle, die energieintensiv produzieren: die Chemie-Industrie, Papier-Hersteller, Automobilhersteller und ihre Zulieferer, Reifenproduzenten. Zweitrundeneffekte drohen Was sie alle teurer produzieren und teurer verschiffen, verladen, transportieren, wird dann auch für die Verbraucher teurer. Es sind nicht nur die großen Anschaffungen wie Autos, es ist der tägliche Joghurt oder das Obst aus Übersee. Zweitrundeneffekte drohen: Steigen die täglichen Kosten, fordern Beschäftigte mehr Lohn, um über die Runden zu kommen, die Unternehmen geben das über steigende Preise an ihre Kunden weiter. Schließlich werden auch langlebige Konsumgüter nicht verschont. Sportartikel, Mode, Schuhe, alles wird teurer, wenn Unternehmen über längere Zeit mit hohen Energie-, Transport- und Versandkosten konfrontiert sind. Doch das ist längst nicht alles: Eine galoppierende Inflation stellt – wie eingangs erwähnt – die Notenbanken vor neue, alte Herausforderungen. Und so reagierten die Anleihenmärkte bereits entsprechend: Die Kurse von Anleihen in den USA und vielen Ländern Europas sanken, ihre Renditen stiegen – Inflationsangst geht um. Die Notenbanken werden womöglich die Zinsen schneller anheben müssen, als sie wollten. Und dieses Mal dürfte die EZB wachsamer sein als 2022/23. Hatte sie 2022 noch die Inflation unterschätzt und als vorübergehend angesehen und mit späten Zinsanhebungen reagiert, dürfte es nun schneller gehen. Es sei denn, Trump behält recht und der Krieg endet bald. Aber danach sieht es aktuell nicht aus.