Mit Bärbel Bas an der Spitze wollte die SPD verlorene Wähler zurückholen. Doch bei einem Besuch in einem Werk zeigt sich, wie schwer ihr das fällt. Ein knappes Dutzend Jugendlicher steht vor der Bundesarbeitsministerin und schaut sie schweigend an. Bärbel Bas sieht die Jugendlichen an und fragt: "Und möchten Sie mich auch was fragen?" Einen Moment lang sagt niemand etwas. Irgendwann traut sich einer der Auszubildenden dann doch. Wie denn Bas' Eindruck sei, hier bei ihrem Besuch im Rolls-Royce-Werk in Brandenburg? Noch habe sie nicht viel gesehen, sagt Bas und setzt an zu einem Monolog. Es fallen Worte wie "Verbundausbildung", "Fachkräftewerkstatt", "Qualifizierung". Die Jugendlichen hören brav zu, aber sagen nichts. So richtig etwas anfangen können sie mit der Antwort offenbar nicht. Bas scheint das nicht zu merken. Als sie ihren kurzen Vortrag beendet, hebt sie erwartungsvoll ihre Stimme und fragt noch einmal: "Sonst noch was? Irgendwas, was Sie immer mal wissen wollten?" Die Jugendlichen wirken verunsichert. Es ist kurz still, dann platzt jemand aus Bas' Tross dazwischen: Das Programm müsse weitergehen. Schnell noch ein Foto, dann auf zur nächsten Station. Bärbel Bas ist nicht nur Arbeitsministerin, sondern auch SPD-Vorsitzende. Sie vereint damit zwei der wichtigsten Posten, die ein Sozialdemokrat derzeit haben kann. Vor rund einem Jahr war sie mit dem Versprechen angetreten, die frühere Kernklientel der SPD wieder stärker an die Partei zu binden. Seit Jahren muss die SPD mit ansehen, wie Arbeiter und Menschen mit wenig Einkommen in Scharen zur politischen Konkurrenz überlaufen. Viele davon zur AfD . Bas, die sich von der Bürogehilfin zur Bundesarbeitsministerin hochgearbeitet hat, sollte diesen Aderlass stoppen und die SPD wieder stärker in der Arbeiterschaft verankern. Sie sollte den richtigen Ton treffen, die Leute dort abholen, wo sie sind. Doch fällt ihr das erkennbar schwer – nicht nur hier bei den jungen Auszubildenden. Es fehlt: die politische Botschaft Es sind Besuche wie dieser am Donnerstag bei Flugtriebwerkhersteller Rolls-Royce im Berliner Speckgürtel, mit denen Politiker ihre Vorhaben medienwirksam platzieren wollen. Quasi ein Rundumprogramm für die Presse: Man liefert das Thema – in diesem Fall Fachkräftequalifizierung – direkt mit passenden Zitaten, Bildern und Menschen. Bas vor einem Flugtriebwerk, Bas mit Auszubildenden, Bas mit Quereinsteigern, Bas mit eingewanderten Fachkräften. Und natürlich darf ein Chef nicht fehlen, der sagt, wie wichtig das Thema für sein Unternehmen sei. So soll es auch dieses Mal sein. Doch der Besuch ist schlecht geplant, die Presse wird mit Absperrbändern auf Abstand gehalten und bekommt viele der Gespräche nicht mit, die Bas mit den Menschen führt. Auch die Fotografen reagieren ungehalten, weil ständig jemand den Kameras den Rücken zudreht. Was aber am meisten fehlt, ist eine klare politische Botschaft. Offiziell eröffnet Bas im Werk von Rolls-Royce eine "Fachkräftewerkstatt": So nennt das Arbeitsministerium eine Dialogreihe für Brandenburger Unternehmer, bei der sie sich über Lösungen gegen den Fachkräftemangel austauschen und Unterstützung bekommen sollen. Weitere solcher Treffen sollen bundesweit folgen. Aus den Gesprächen will das Arbeitsministerium dann "Handlungsempfehlungen ableiten". Vertane Chance Zuhören, vor Ort ins Gespräch kommen: Andere Politiker hätten das Thema womöglich aufgeblasen, ihren "politischen Stempel" aufgedrückt, es größer inszeniert, als es ist. Nicht so Bärbel Bas. Sie sagt, ohne erkennbare Ambition: "Am liebsten wäre mir natürlich, wir könnten das schaffen in allen 16 Bundesländern. Das wird nicht funktionieren." Ihr Ministerium aber wolle zumindest anregen, dass dieses Beispiel durch die Lande ziehe. Na dann. Was genau der Besuch von Bärbel Bas bei Rolly Royce nun zum Zweck hat und was genau daraus folgt, bleibt bis zuletzt vage. Entsprechend wenig Berichterstattung gibt es hinterher, obwohl viele Medien vor Ort sind. Politiker spulen in einer Woche teils 50 Termine ab, nicht alle bekommen die gleiche Aufmerksamkeit. Doch dieser hier könnte sinnbildlich dafür stehen, welche Chancen Bärbel Bas liegen lässt: als Ministerin, aber eben auch als SPD-Chefin. Die deutsche Wirtschaft steckt in der Krise, Industriejobs stehen auf der Kippe, viele Menschen bangen um ihre Zukunft. Bas hätte den Besuch nutzen können, um ein Aufbruchsignal zu senden, Reformeifer zu verbreiten, Zuversicht zu spenden. Sie lässt es bleiben. Dabei kann sie sich das eigentlich kaum leisten: Ihre Partei hat gerade erst eine desaströse Wahlniederlage in Baden-Württemberg einstecken müssen, die einmal mehr offenlegte, wie tief die SPD in ihrer traditionellen Wählerschaft abgestürzt ist. In einer Woche steht die Wahl in Rheinland-Pfalz an, wo Alexander Schweitzer für die Sozialdemokraten das Ministerpräsidentenamt verteidigen will. Geht die Wahl für die SPD verloren, droht der Partei eine innere Revolte, die vieles ins Wanken bringen könnte. Auch Bas wäre davor nicht sicher. Und immer wieder: der Kampf um die "arbeitende Mitte" Auf die Wahlniederlage von Stuttgart folgten die bekannten Floskeln: Man müsse sich jetzt endlich wieder um die "arbeitende Mitte" kümmern, also um diejenigen, "die jeden Tag aufstehen und fleißig sind", wie Bas' Co-Chef Lars Klingbeil es ausdrückt. Doch wer diese Menschen eigentlich sind und wie man sie besser ansprechen kann, ist auch vielen in der SPD nicht klar. Auch war das bereits die Lehre aus den anderen Wahlpleiten der jüngeren Vergangenheit. Gebracht hat das bis heute wenig. Die Abkopplung der SPD von ihrer ehemaligen Kernwählerschaft war ein Mitgrund, warum Bas heute ist, wo sie ist. Nachdem Klingbeil die unbeliebte Saskia Esken aus dem Amt gedrängt hatte, suchte er eine Mitstreiterin an der Parteispitze, die den neuen Kurs glaubwürdig vertreten kann. Bas schien perfekt. Wie kaum eine andere SPD-Spitzenpolitikerin verkörpert sie eine klassische Aufstiegsgeschichte: Die Tochter eines Lastwagenfahrers und gelernte Schweißerin aus Duisburg arbeitete sich von einer Sekretärin zur Bundestagspräsidentin hoch. Von ganz unten nach ganz oben – es war eine sozialdemokratische Erzählung wie aus dem Lehrbuch. Im Frühjahr 2025 dann der nächste Karrieresprung: Bas wechselt nach der Bundestagswahl ins Merz-Kabinett, wenig später wird sie Klingbeils Co-Chefin im Parteivorstand. Entsprechend viele Vorschusslorbeeren gab es für Bas. Nicht nur als taktische Anschubhilfe – viele Genossen verbanden mit ihr tatsächlich die Hoffnung auf die Wende. Ihre Aufstiegsgeschichte wurde anfangs so oft erzählt, als wäre sie eine selbsterfüllende Prophezeiung: Als könnte Bas allein durch ihre Biografie enttäuschte SPD-Wähler zurück in die sozialdemokratische Familie holen. Am Anfang ruckelt es Doch Bas hatte Startschwierigkeiten. In den ersten Monaten gelang es ihr kaum, Akzente zu setzen. Manch einer in der SPD hegte allmählich Zweifel, ob sie ihre Rolle überhaupt finden würde und damit ihrer SPD zu neuem Schwung verhelfen könnte. "Außer 'Bullshit' habe ich von Bärbel Bas bisher nicht viel gehört", sagte im vergangenen Herbst ein führender Genosse der SPD-Bundestagsfraktion zu t-online. Bas hatte damals die Forderungen von Bundeskanzler Friedrich Merz nach Einschnitten im Sozialstaat als "Bullshit" abgetan. Während einige in der SPD das als kämpferische Geste feierten, wuchs bei anderen die Skepsis, wie sehr es um Bas' Reformwillen bestellt sei. Auch ihr Auftritt bei der SPD-Parteijugend im vergangenen Dezember half wenig in dem Bemühen, die SPD bei Wahlen wieder konkurrenzfähiger zu machen. Bas, die zuvor bei einer Rede auf dem Arbeitgebertag ausgelacht wurde, rief bei den Jusos zum "gemeinsamen Kampf" gegen Unternehmer auf. Die Äußerung relativierte sie später, aber der symbolische Schaden war angerichtet: Plötzlich musste sich die SPD gegen Vorwürfe wehren, sie blase zum Klassenkampf, ausgerechnet in einer Wirtschaftskrise . Manch einer in der SPD sagt, die Partei zahle bis heute den Preis dafür. Bas kann, wenn sie will In der Bürgergeld-Debatte schien Bas dann ihre Rolle zu finden und bewies politische Härte. Nach einigem Hin und Her gelang es ihr, dem Koalitionspartner dessen drastische Sparforderungen auszureden. Die Union pochte über Monate auf Sozialkürzungen in "Milliardenhöhe", auch Kanzler Friedrich Merz war überzeugt, beim Bürgergeld lasse sich ordentlich was wegsparen. Bas ließ ihn abtropfen. Nach einem persönlichen Kennenlern-Abendessen mit Bas klang Merz plötzlich wie ausgewechselt: Der Kanzler wollte den Sozialstaat auf einmal nicht mehr kürzen, sondern nur noch "effizienter" machen. Merz sprach den SPD-Text – Bas hatte sich durchgesetzt. Machtpolitisch war das ein Erfolg: In der Sozialstaatsdebatte verschob sich das Kräfteverhältnis in der Koalition zugunsten der SPD. Doch in der Bevölkerung verfestigte sich einmal mehr der Eindruck, die SPD kämpfe vor allem für diejenigen, die den Sozialstaat brauchen, und nicht für diejenigen, die ihn finanzieren. Und auch wenn Bas die Reform durchaus offensiv nach außen vertrat, schaffte es die SPD-Chefin nicht, die kritischen Stimmen ihrer Partei mit dem Gesetz zu versöhnen. Annika Klose, die zuständige Sozialpolitikerin der SPD-Fraktion, nannte die Reform im Bundestag "populistischen Bullshit". Bürgergeld-Image klebt weiter an der SPD Die Quittung erhielt die SPD unter anderem bei der Wahl in Baden-Württemberg. Auch wenn die Partei nicht nur bei den Arbeitern abschmierte, sondern bei allen Wählergruppen und an alle politischen Lager Stimmen verlor, zeigen die Zahlen vor allem eines: Das Image der Bürgergeldpartei klebt weiter an der SPD. Manche finden, das habe auch mit Bärbel Bas zu tun. Vor allem konservative Genossen beklagen eine falsche Schwerpunktsetzung der SPD-Chefin. "Die Arbeiter fühlen sich von uns nicht mehr mitgenommen, weil wir den Leistungsgedanken nicht mehr verkörpern", sagt ein Bundestagsabgeordneter hinter vorgehaltener Hand. Bas habe diesen Trend bisher nicht drehen können. Im Gegenteil: "Die Abschaffung des Bürgergeldes traf den Nerv vieler Menschen, aber ging nicht mit uns nach Hause, weil wir uns davon distanziert haben", so der SPD-Mann weiter. Bas und die Kommissionen Positive Akzente konnte Bas Anfang des Jahres setzen: Sie brachte das Tariftreuegesetz durch, das zwar bei Arbeitgebern nicht gut ankam, aber bei den Gewerkschaften auf breite Zustimmung stieß. Und die von ihr eingesetzte Sozialstaatskommission einigte sich auf 26 konkrete Vorhaben, um das System moderner, handlungsfähiger und digitaler zu machen. Das Ergebnis stieß auch deswegen auf breite Zustimmung, weil die Vorschläge – so wollte es die SPD – ohne Kürzungen bei Sozialleistungen auskommen, aber auch mehr Arbeitsanreize setzen, wie es der Union wichtig war. Aber der eigentliche Teil der Arbeit steht noch aus. Ob Bas die ambitionierten Vorschläge der Kommission umsetzen kann, hängt nicht nur von ihr ab. Angesichts der schwierigen Haushaltslage stehen die Empfehlungen der Kommission erst einmal unter Finanzierungsvorbehalt. Auch müssen zudem Bund, Länder und Kommunen an einem Strang ziehen, damit die Reform wirken kann. Ob Bas die unterschiedlichen Interessen zusammenbinden kann, wird sich dann zeigen. Das gilt umso mehr für die Rentenkommission, die ihre Ergebnisse Mitte 2026 vorlegen will. Die Rentenreform gilt als zentrale Konfliktlinie der schwarz-roten Koalition – und ihre mögliche Abbruchkante. Bas wird dann nicht nur politisches Geschick beweisen müssen, sondern auch ihren Reformwillen. Hat sie den? Ihre Unterstützer in der SPD sagen Ja. Doch nicht nur bei der Union haben sie Zweifel. Manche Genossen setzen stärker auf ihren Co-Chef Klingbeil, um aus der schlingernden SPD einen gut geölten Reformmotor zu machen. Der Vizekanzler gilt als Pragmatiker, der seit Jahren auf einen neuen SPD-Kurs drängt. Doch sein Rückhalt in der SPD ist gesunken, auf dem Parteitag 2025 wurde er heftig abgestraft. "Lars ist eine Lokomotive, aber ihm fehlen die Waggons", sagt ein Parteistratege. Am Ende dürfte es dann doch mehr auf Bärbel Bas ankommen, der SPD einen strikten Reformkurs zu verschreiben. Schafft sie das? Und hat sie genug Gestaltungswillen? Am Donnerstag bei Rolls-Royce fiel Bas vor allem mit einem auf: In ihrem knallpinken Blazer leuchtete sie neben den dunkel gekleideten Männern. "Das Pink steht Ihnen hervorragend", lobte Rolls-Royce-Chef Dirk Geisinger. Ob bei den Jusos oder Rolls-Royce: Mit ihren Auftritten fällt Bas auf. Mit ihrer Politik bisher weniger.