Der alte ZDF-Chef wird der neue sein: Norbert Himmler. Doch obwohl das Ruhe suggeriert, brodelt es in einer von Europas größten Sendeanstalten. Vor fünf Jahren führte noch eine Bundeskanzlerin das Land durch die Pandemie, das größte Thema im Frühjahr 2021 war die Hochwasserkatastrophe im Südwesten Deutschlands, und das ZDF wählte damals seinen neuen Chef: den Nachfolger des langjährigen Intendanten Thomas Bellut. Inzwischen heißt der Bundeskanzler Friedrich Merz , mediale Diskussionen drehen sich eher um Spritpreise als um Sandsäcke oder Viren und im ZDF wird wieder gewählt – allerdings anders als damals. Im Jahr 2021 gab es einen Wettbewerb. Die ARD-Journalistin Tina Hassel trat gegen den damaligen Programmdirektor Norbert Himmler an und zwang den Favoriten in einen dritten Wahlgang. Nervenkitzel für ZDF-Verhältnisse: Erst kurz vor der Entscheidung zog sie ihre Kandidatur "erhobenen Hauptes" zurück – und Himmler wurde neuer Senderchef. Fünf Jahre später fehlt von Konkurrenz jede Spur. Am Freitag stimmt der Fernsehrat in Mainz erneut über Norbert Himmler ab. Der amtierende Intendant stellt sich für eine weitere Amtszeit zur Wahl, ganz ohne Gegenkandidaten. Ursprünglich wollte auch die Juristin Floria Fee Fassihi antreten, zog ihre Bewerbung jedoch zurück. Damit wirkt die Abstimmung seltsam leblos, ja, fast undemokratisch. Doch der Eindruck trügt. Hinter den Kulissen einer der größten Sendeanstalten in Europa mit rund 6.000 Beschäftigten brodelt es. Es geht um nicht weniger als die Glaubwürdigkeit und damit die Zukunft des Senders. Wahl von Glaubwürdigkeitskrise überschattet Davon zeugt auch die Tagesordnung der Wahl am Freitag. Zunächst wird nicht über Himmler abgestimmt, sondern diskutiert: über die KI-Affäre und fälschlich verwendete Szenen im "heute journal" vom 15. Februar 2026. Die Wahl fällt also in eine Phase, in der der öffentlich-rechtliche Rundfunk stärker unter Beobachtung steht als lange zuvor. Reformdruck, Diskussionen über Einsparungen und Fragen nach der Legitimation prägen zudem die politische Debatte. Auch Christoph Neuberger beobachtet diese Entwicklung: "Der Druck auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist enorm gewachsen." Der Berliner Kommunikationswissenschaftler ist überzeugt, der öffentlich-rechtliche Rundfunk werde künftig häufiger nachweisen müssen, dass er seinen Auftrag erfüllt. Neben den Gremien der Sender soll auch ein neuer Medienrat regelmäßig berichten. Gleichzeitig wachse die Bereitschaft, Fehler öffentlich zu skandalisieren. Einzelne Vorfälle könnten so schnell zu Grundsatzdebatten über das System werden, so Neuberger. Jüngstes Beispiel hierfür ist der KI-Vorfall im "heute journal" Mitte Februar. In einem Beitrag über Einsätze der US-Migrationsbehörde ICE wurden KI-generierte Bilder verwendet, ohne dass dies gekennzeichnet war. Zusätzlich nutzte die Redaktion veraltetes, aus einem gänzlich anderen Kontext stammendes Archivmaterial zur Bebilderung seiner ICE-Geschichte. Das ZDF korrigierte den Beitrag später und entschuldigte sich. Die zuständige New-York-Korrespondentin wurde abberufen; ob auch Mitarbeiter der Mainzer Senderzentrale ihren Posten räumen müssen, wird noch geprüft. ZDF-Skandal: Dieser Fall muss Konsequenzen haben Rundfunkbeitrag: Kommission empfiehlt Erhöhung Merkel-Phantom: ARD muss sich für Fehler entschuldigen Kommunikationsexperte Uwe Hasebrink, früher Direktor des Leibniz-Instituts für Medienforschung, sieht den Sender in einer "besonderen Verantwortung gegenüber den Beitragszahlenden." Der öffentlich-rechtliche Rundfunk habe seit seiner Gründung schon ähnliche Krisen überwunden. Es werde jetzt darauf ankommen, welche Konsequenzen das ZDF aus dem Vorfall ziehe, um ähnliche Fehler künftig zu vermeiden, sagt Hasebrink t-online. Himmler blieb erstaunlich unauffällig in der Krise Der Sender sei "der Gesellschaft mit all ihrer Dynamik und all ihren Widersprüchen verpflichtet". Das erfordere ein stetes Ringen um Vertrauen und Reformen, um den sich verändernden Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht zu werden. Gerade deshalb stünden Personalentscheidungen wie die Wahl des Intendanten unter besonderer Beobachtung. Die Gremien müssten glaubhaft machen, dass sie eine Führung wählen, die den Auftrag des Senders gegenüber der Gesellschaft möglichst gut erfüllt, so Hasebrink. Ist Himmler dafür der richtige Mann? Lange hielt er sich in der größten Krise der jüngeren Sendergeschichte auffällig zurück. Dann sagte er: "Wir dürfen nur Bilder verwenden, deren Herkunft wir zweifelsfrei benennen können. Und wenn wir es nicht genau wissen, müssen wir das sagen, dann müssen wir das kennzeichnen oder am allerbesten: bleiben lassen." Zwei Tage vor der ZDF-Intendantenwahl gab er zudem der "Süddeutschen Zeitung" ein Interview: In einer idealen Welt gäbe es keine Fehler, so Himmler dort. "Aber unsere Welt ist real. Wir machen Fehler und ziehen daraus Lehren." Dann holte der Senderchef zum Gegenangriff aus und meinte, das Problem sei ein anderes: "Jeder Fehler wird ausgeschlachtet, um ein angebliches Systemversagen zu behaupten." Es werde versucht, das ZDF "zu diskreditieren", und dagegen müsse man sich verteidigen, so Himmler. Kurz vor seiner Wiederwahl schwang sich der Intendant damit zum Vorkämpfer für die Öffentlich-Rechtlichen auf und beschwor eine "Wir gegen die"-Mentalität. Eine strategische Entscheidung, weil sie von den eigenen Versäumnissen und Verfehlungen ablenkt – und den Blick auf den Druck von außen lenkt? Unerwähnt ließ Himmler dabei allerdings, dass die "heute journal"-Affäre nicht nur extern stark kritisiert wurde, sondern auch innerhalb des Senders. Ein Sendermotto gerät ins Wanken In einem internen Dialogformat, zu dem die Chefredakteurin Bettina Schausten nach den Vorfällen geladen hatte, warfen Mitarbeiter der ZDF-Führung Versagen vor. Von "Haltungsjournalismus" war die Rede und einem "Claas-Relotius-Moment des ZDF" in Anlehnung an den ehemaligen "Spiegel"-Reporter, der jahrelang mit erfundenen Geschichten renommierte Medienpreise einheimste. Drückt Norbert Himmler also leichtfertig ein Auge zu bei der Aufarbeitung der Affäre? Herrscht auch wegen des Mangels an Mitbewerbern vor der Wahl eine Wagenburg-Mentalität im ZDF? Ein wenig über Fehler debattieren, ja, aber sich bloß nicht zu sehr gegenseitig zerfleischen, sodass am Ende ein überzeugendes Ergebnis steht und der Eindruck, es gehe jetzt weniger um die Vergangenheit als um den Blick in eine hoffentlich bessere Zukunft: Dies scheint die Maßgabe dieser Tage in Mainz zu sein, wenn man in den Sender hineinhört. Aber die Ruhe täuscht. Die Wahl der Intendanz werde "in Zeiten zugespitzter öffentlicher Diskussionen" besonders kritisch beäugt, sagt Hasebrink. Es müsse unbedingt der Eindruck vermieden werden, "dass parteipolitische Orientierungen eine maßgebliche Rolle spielen – bei Wahlen zur ZDF-Intendanz hat es in der Vergangenheit in dieser Hinsicht immer wieder Kritik gegeben." Norbert Himmler galt schon vor fünf Jahren als Favorit des CDU-nahen, sogenannten "schwarzen Freundeskreises" innerhalb des Fernsehrats. Dass der 55-Jährige sowohl unter Merkel als auch unter Merz zur Wahl steht, spricht für sich. Unabhängig davon steht das ZDF in den kommenden Jahren vor großen Aufgaben. Der Sender baut sein Angebot stärker für Streaming und Mediatheken um, während gleichzeitig über Strukturreformen und die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gestritten wird. Für Himmler bedeutet das: die Zukunft durch Konsolidierung und Vertrauen sichern – die ideale Aufgabe für einen Konservativen. Die Abstimmung im Fernsehrat am Freitag ist somit seine geringste Sorge, schließlich hat er vor fünf Jahren schon eine deutlich spannendere Wahl für sich entschieden. Die eigentliche Bewährungsprobe für Norbert Himmler beginnt erst danach.