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Ostdeutschland: Wo die DDR in Deutschland weiterlebt

Viele Ostdeutsche meinen, es sei zu wenig von der DDR übrig geblieben. Sie täuschen sich, es ist mehr da, als sie denken. Doch gut für das Land ist das nicht immer. Jahrelang hieß es, von der DDR seien im vereinigten Deutschland nur das Ampelmännchen und der grüne Pfeil für Rechtsabbieger geblieben. Die nahezu vollständige Übernahme sei der Grund, warum viele Bürger der ehemaligen DDR immer noch mit der deutschen Einheit haderten. Dabei hat sich das Bild längst gewandelt: In Deutschland steckt heute viel mehr DDR als unmittelbar nach 1990. Die DDR ist zurück. Für einige Bereiche ist das eine gute Nachricht, für andere ist es fatal. Ostdeutsche fühlten sich oft als eine Art Bürger zweiter Klasse, die ihre Zugehörigkeit zum gemeinsamen Deutschland immer noch erklären müssen. So hat es die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal ausgedrückt, nachdem ihr ein Journalist nachgerufen hatte, sie sei nur eine "gelernte" und keine geborene Europäerin. Wirtschaft stagniert: Diese Geheimwaffe könnte Deutschland retten Nie wieder Wirtschaftswunder? Hier passiert gerade etwas Dabei haben Ostdeutsche heute allen Grund zu Selbstbewusstsein: Die Kinderbetreuung in Kindergärten und -tagesstätten beispielsweise liegt jetzt in etwa auf dem Niveau der Vollversorgung der DDR, bei der Betreuung der Unter-Dreijährigen holt der Westen gerade enorm auf. 1990 war es in Westdeutschland noch verpönt, Babys und Kleinkinder in einer Einrichtung betreuen zu lassen. Sie gehörten nach allgemeinem Verständnis zur Mutter, und die blieb im Idealfall zu Hause, bis die Kinder groß genug für die Schule waren. "Einmal DDR reiche ihm", beschied der damalige sächsische Kultusminister Steffen Flath (CDU) seiner Parteifreundin Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen , als diese die Kinderbetreuung im ganzen Land ausbauen wollte. Der Westen passte sich dem Osten an Politiker wie der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) meinten sogar, dass sich die ostdeutschen Frauen ohnehin dem Westmodell anpassen würden. Zum Kummer vieler Konservativer passierte das Gegenteil. Der Westen passte sich an, die Frauenerwerbsquote liegt heute auf historisch beispielloser Höhe, die Kinder leiden nicht erkennbar. Das ist ein Glück für den Arbeitsmarkt, für die Wirtschaft und für die Frauen. Oder der Ganztagsbetrieb in der Einheitsschule. Pädagogische Anstalten dieser Art waren noch 1990 in Westdeutschland ein Minderheitenprogramm für benachteiligte Gegenden und schwierige Kinder. Heute besucht rund die Hälfte aller Schülerinnen eine Ganztagsschule, in den Grundschulen bleiben mehr als zwei Drittel der Kinder bis zum Nachmittag. Um die Jahrtausendwende waren es weniger als zehn Prozent. Beliebt und gewünscht ist der Ganztagsbetrieb vor allem in Hamburg , Sachsen und Berlin . Dort gehen fast alle Kinder und Jugendlichen in eine solche Schule. Von einer "Enteignung der Kindheit" wie in der früheren DDR, wie sie der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) noch 2012 heraufziehen sah, keine Spur. Ähnliches passiert in der Gesundheitsversorgung. Nach der deutschen Einheit verschwanden die in der DDR verbreiteten Polikliniken zur flächendeckenden Gesundheitsversorgung von der Landkarte – nur um gut zehn Jahre später als "Medizinische Versorgungszentren" (MVZ) wieder neu erfunden zu werden. Heute gelten die MVZ mit angestellten Ärzten als einer der wichtigsten Auswege aus der Gesundheitsmisere, gelegentlich sogar inklusive der guten alten Gemeindeschwester. Die arbeitet jetzt als "Community Health Nurse" in einem Modellprojekt, und ihre Neuerfindung wird vom Innovationsfonds der Krankenkassen gefördert. Auch Fehler aus DDR-Zeiten werden wiederholt Für manche ist es bitter, dass nun vieles neu erfunden wird, was in der DDR als Standard galt. Besserwisserei und Arroganz hätten Strukturen zerschlagen, die einer genauen Prüfung standgehalten hätten. Die Kritiker könnten sich auch freuen: Aus Fehlern zu lernen, ist eine Stärke demokratischer Gesellschaften. Ganz offensichtlich gibt es aber auch Fehler der DDR, die einfach wiederholt werden. Blickt man nämlich auf die Staatsquote, das ist der Anteil des Bruttoinlandsproduktes, der vom Staat umverteilt wird, gibt es keinen Grund zur Freude. Denn auch hier macht Wirtschafts- und Sozialpolitik à la DDR neuerdings rasant Karriere. "Bei einer Staatsquote von 50 Prozent beginnt der Sozialismus", soll Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, einmal gesagt haben. Die Wirtschaftsweise: Alle Kolumnen von Ursula Weidenfeld Genau da sind wir heute: Jeder zweite Euro wird in diesem Land vom Staat ausgegeben, die Tendenz geht nach oben. Nicht nur für Schulen und Gesundheit, sondern auch für den Erhalt von Arbeitsplätzen, das Konservieren industrieller Strukturen und die Nachfrage nach klimafreundlichen Produkten "Made in Germany". Dass diese Form von Protektionismus nur schiefgehen kann, könnte Westdeutschland aus der Geschichte der DDR lernen. Doch hier bleibt der Westen blind. Stattdessen aber gewöhnt er sich an Lieferengpässe: Die Bahn kann nicht pünktlich werden, weil Reparaturarbeiten wegen fehlender Lieferungen länger dauern. Installateure, Elektriker und Bauunternehmen schicken keine Leute zur Reparatur defekter Heizungen, weil sie keine Mitarbeiter finden, die die Arbeit machen würden. Die Beschäftigten bei Porsche und Volkswagen werden auch 2026 in staatlich geförderter Kurzarbeit schmoren, weil sie auf Chips warten, die nicht geliefert werden, oder Autos bauen, die niemand kauft. Das sind dieselben Mechanismen, die die DDR zum Zusammenbruch gebracht haben. Dass sie einfach so hingenommen werden, ist mindestens ebenso bedrückend wie die Ignoranz gegenüber den vernünftigen Einrichtungen der DDR.

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