Neue Stärke unter Arbeloa: Die Renaissance des Vinícius Júnior
Pfiffe als Höhepunkt der Krise
Seit fast eineinhalb Jahren lief es nicht mehr rund für ihn: Das verlorene Rennen um den Ballon d’Or und das anschließende Theater inklusive Boykotts der Preisverleihung zum Weltfußballer des Jahres seitens Real Madrids war rückblickend der große Knackpunkt. Zwar lieferte Vinícius Júnior auch danach seine Scorer, seine besonderen Momente, diese wurden jedoch immer weniger und seltener, insbesondere in großen, wichtigen Spielen – zuvor über mehrere Jahre die große Stärke des Brasilianers. Doch schon in der Saison 2024/25 unter seinem großen Förderer und Vaterfigur Carlo Ancelotti tat sich der zweifache Champions-League-Sieger immer schwerer, er fremdelte mit der neuen Hierarchie bei den Königlichen nach der Ankunft von Kylian Mbappé, ließ sich noch mehr als sonst von diverse Scharmützel mit gegnerischen Spielern, Fans und Schiedsrichtern aus der Bahn werfen und verlor immer mehr den Fokus.
Nachdem im vergangenen Sommer Xabi Alonso das Ruder beim Hauptstadtklub übernommen hatte, wurde es nicht besser – im Gegenteil. Zu Saisonbeginn fand sich Vinícius einige Male sogar auf der Bank wieder, wurde immer wieder vorzeitig ausgewechselt, er war nicht mehr unumstritten. Als er sich im Oktober nach der Auswechslung im Clásico gegen den FC Barcelona bereits auf dem Platz lautstark beschwerte und anschließend wütend in der Kabine verschwand, stellte der Brasilianer nicht nur den guten Auftritt der Blancos gegen den Erzrivalen in den Schatten, sondern beherrschte anschließend wochen- und monatelang die Schlagzeilen – das Verhältnis zum neuen Trainer galt fortan als quasi gescheitert. Für die Entlassung des Basken zum Jahresbeginn wurde in der Öffentlichkeit dementsprechend schnell der Hauptverantwortliche ausgemacht: Vinícius Júnior. In den Heimspielen gegen Levante und Rayo Vallecano wurde der einstige Liebling sogar von den eigenen Fans lautstark und gnadenlos ausgepfiffen.
Seit Januar im Aufwind
Dabei läuft es sportlich für den 25-Jährigen schon seit Beginn des Kalenderjahres immer besser. Noch im letzten Spiel unter Alonso, dem Finale der Supercopa de España, war Vinícius nicht nur wegen seines zwischenzeitlichen Ausgleichstreffers in Ansätzen wieder der Alte. Direkt nach dem Trainerwechsel folgte mit dem Gala-Auftritt und vier direkten Torbeteiligungen im Champions-League-Heimspiel gegen Monaco (6:1) der nächste Schritt aus der sportlichen Krise heraus, aber auch danach performte der Brasilianer regelmäßig immer besser. Ob mit dem Traumtor im – vor allem atmosphärisch – schwierigen Heimspiel gegen Rayo Vallecano oder den souverän verwandelten Elfmetern zuletzt gegen Real Sociedad.
Im CL-Playoffs-Hinspiel bei Benfica am Dienstagabend bestätigte sich der allgemeine Trend: Vini ist wieder auf dem Weg zum Unterschiedsspieler von früher. Endlich klappen nicht nur die Basics, sondern vor allem auch wieder die ganz aussergewöhnlichen Dinge und Tore wie im hitzigen Duell in der portugiesischen Hauptstadt. Im neuen Kalenderjahr stehen beim FIFA-Weltfußballer von 2024 bereits neun direkte Torbeteiligungen, darunter sechs eigene Treffer, wovon vier absolute Traumtore waren. Nur Kylian Mbappé erzielte 2026 einen Treffer mehr als der Brasilianer, doch nicht einmal der Franzose kam bis dato auf mehr Scorer.
Neues Vertrauen unter Arbeloa
Reals neuer Coach Álvaro Arbeloa entschied sich unmittelbar nach Amtsübernahme für einen mutigen und riskanten Weg, mit dem explosiven Thema Vinícius Júnior umzugehen: Er sprach dem Dribbelkünstler nicht nur uneingeschränktes Vertrauen aus, sondern stellte ihm quasi einen Freifahrtschein aus. Wenn Vinícius fit ist, denke er nicht daran, auf ihn auch nur ein Minute zu verzichten, so Arbeloa mehrfach in den Wochen nach Amtseintritt. Zudem wurde der Brasilianer mit zusätzlichen Freiheiten auf dem Platz ausgestattet, von Arbeloa ermutigt, wieder mehr Eins-gegen-eins-Situationen zu suchen, bekam selbst nach durchschnittlichen und schwächeren Leistungen öffentlich Rückendeckung des Trainer zu spüren. Für Arbeloa hätte die Strategie grandions nach hinten gehen können, wenn Vinícius das Vertrauen nicht zurückgezahlt hätte.
Doch bis dato scheint er die Sonderbehandlung absolut zu rechtfertigen. Sowohl durch Tore und Vorlagen als auch durch konzentrierteres und reiferes Auftreten. In den vergangenen Wochen zeichnet sich der Flügelstürmer endlich durch mehr Übersicht, mehr Geduld, bessere Positionierung, mehr Effizienz aus. Mit jedem Spiel kehrte das Selbstvertrauen zurück. Seine Aktionen wurden präziser, seine Entscheidungen reifer. Er suchte nicht mehr um jeden Preis den Abschluss, vielmehr wählt er nun den richtigen Moment – so wie am Dienstagabend in Lissabon.
Ungewohnte mentale Reife
Noch beeindruckender als sein Traumtor zum 1:0-Sieg der Königlichen über Benfica war allerdings Vinícius’ Reaktion auf die skandalösen Vorfälle, die sich im Anschluss im Estádio da Luz ereignet hatten. Zunächst wurde er vom Unparteiischen der Partie wegen seines Torjubels mit Gelb verwarnt, anschließend von Gegenspieler Gianluca Prestianni vermeintlich rassistisch beleidigt, um fortan vom ganzen Stadion unentwegt ausgebuht und zum Hauptfeind erklärt zu werden. In der Vergangenheit wären damit alle Voraussetzungen für eine typische Situation erfüllt gewesen, in der Vinícius völlig aus der Bahn geworfen wird, den Fokus verliert und sich in Nebenkriegsschauplätze verwickeln lässt. Doch diesmal reagierte der Hitzkopf ganz anders, nämlich so, wie es sich der Madridismo in der Vergangenheit schon oft gewünscht hätte: Er blieb ruhig, abgeklärt, konzentriert, unbeeindruckt und spielte weiter ganz einfach nur Fußball.
Noch mehr als der sportlich ohnehin glanzvolle Auftritt beim portugiesischen Rekordmeister macht vor allem dies großen Mut im Hinblick auf die Zukunft. Denn sollte Vinícius aus einer Saison voller Rückschläge, Tiefpunkte, negativer Schlagzeilen, Vorwürfe und Anschuldigungen weiter Kraft und Stärke schöpfen, hätte Real Madrid nicht nur den Spieler zurück, der zuvor jahrelang einer der entscheidenden Faktoren für große Erfolge gewesen war, sondern sogar eine verbesserte Version dessen. Ein Vinícius Júnior, der sportlich so wie in den letzten Wochen liefert, sich zudem von außen nicht mehr defokussieren lässt, daran sogar als Spieler und Persönlichkeit wächst, wäre eine Verstärkung in jeder Hinsicht – für die kommenden Jahre. Zu wünschen wäre es sowohl ihm als auch und vor allem Real Madrid.
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