Das Dschungelcamp neigt sich dem Ende – Zeit, Bilanz zu ziehen. RTL kämpft dieses Jahr mit neuen Unwägbarkeiten und verdient sich dennoch eine goldene Nase. Alles beim Alten in Australien ? Auch in diesem Jahr sind knapp 400 Mitarbeiter an der Produktion von "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" beteiligt, und das trotz der personellen Kürzungen, die RTL jüngst verkündete und von denen rund 600 Stellen betroffen sind. Es ist jedes Jahr aufs Neue eine Kraftanstrengung für den Sender und seine Produktionsfirma ITV Studios Germany: Für mehr als zwei Wochen ziehen zwölf Promis in den australischen Dschungel – und Sonja Zietlow und ihr Moderationspartner Jan Köppen führen durch die größte Unterhaltungsshow Deutschlands. Die Mammutproduktion lässt sich RTL pro Staffel rund 30 Millionen Euro kosten. Eine Investition, die der Sender zwar nie offiziell macht, die sich aber rentiert. 30-sekündige Werbeclips im Wert von bis zu 140.000 Euro, lukrative Produktplatzierungen und Sondervermarktungen mit millionenschweren Konzernen treiben die Umsätze in eine Höhe, die den Investitionswert um ein Vielfaches übersteigen. Das Risiko um die Ofarim-Besetzung Wenn am 8. Februar die Dschungelkrone vergeben wird, endet für RTL eine Programmphase, die auch als Gradmesser gilt: für Reichweite, für Aufmerksamkeit – und für die Frage, wie tragfähig ein lineares Flaggschiffformat in einem zunehmend fragmentierten Medienmarkt noch ist. Für RTL ist das Dschungelcamp ein Fixpunkt mit strategischer Funktion. Keine andere Sendung strukturiert den Jahresauftakt des Senders so klar – und liefert ein selten gewordenes Gut: Planungssicherheit in einem Markt, der sonst von kurzfristigen Trends geprägt ist. Dass diese Verlässlichkeit kein Selbstläufer ist, zeigt auch die inhaltliche Ausrichtung der aktuellen Staffel. Exemplarisch dafür steht die Verpflichtung von Gil Ofarim . Der Musiker hatte 2024 vor dem Leipziger Landgericht eingeräumt, erfundene Antisemitismus-Vorwürfe erhoben zu haben. Mit seiner Teilnahme setzte RTL auf eine Personalie, die Aufmerksamkeit versprach, zugleich aber als Wagnis galt. Der Sender nahm in Kauf, dass die Entscheidung polarisiert – und lotete damit einmal mehr aus, wie weit sich mediale Zugkraft und wirtschaftliche Interessen miteinander vereinbaren lassen. Ein Risiko mit neuer Fallhöhe: Das Dschungelcamp ist seit vergangenem Jahr keine nächtliche Begleiterscheinung mehr, sondern ein Primetime-Angebot. Diese Aufwertung zur besten Sendezeit ist Teil einer strategischen Verschiebung: RTL nutzt sein bekanntestes Unterhaltungsformat, um lineares Fernsehen und Streaming enger miteinander zu verzahnen. Die Einnahmen bleiben für RTL stabil Nach zwei Wochen zeigt sich, dass diese Rechnung aufgeht. Im Januar 2026 zählte "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" zu den meistgenutzten Inhalten auf RTL+. Die Auftaktfolge der aktuellen Staffel kam laut AGF-Auswertung auf mehr als 2,3 Millionen Abrufe und platzierte sich damit unter den reichweitenstärksten Streaming-Titeln der privaten Anbieter. Mehrere weitere Folgen finden sich ebenfalls in den Top 25 von RTL. Kurz vor dem Finale lässt sich das Dschungelcamp auch finanziell einordnen. Bereits im Vorjahr hatte RTL auf Anfrage von t-online mitgeteilt, dass für einen 30-Sekunden-Werbespot durchschnittlich rund 109.000 Euro brutto aufgerufen würden. Der Höchstpreis lag bei bis zu rund 137.000 Euro – etwa 15.000 Euro mehr als im Jahr zuvor. An dieser Größenordnung hat sich auch 2026 nichts geändert. Auf aktuelle Nachfrage von t-online teilt RTL mit, der Preis für einen 30-Sekünder sei im Vergleich zum Vorjahr "stabil" geblieben. Das Interesse der Werbewirtschaft sei "sehr hoch", gibt eine Sendersprecherin an und präzisiert, der attraktive Primetime-Sendeplatz verstärke dieses Interesse zusätzlich. Eine besondere Rolle spiele das sich direkt anschließende Format "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! Die Stunde danach", das ebenfalls mit "guten Buchungen honoriert" werde. Tatsächlich hat sich die Programmierung für RTL bewährt. "Die Stunde danach" hält die ohnehin hohen TV-Quoten – in diesem Jahr schalten regelmäßig mehr als 4,5 Millionen Menschen die lineare Ausstrahlung ein – auf hohem Niveau: Teilweise bleiben bis zu 2,3 Millionen Zuschauer dran, um die Nachfolgesendung zu sehen. Überdies bugsierte RTL auch seinen teuersten Moderator in den Dschungelcamp-Kosmos: Der 2024 für kolportierte 90 Millionen Euro eingekaufte Stefan Raab lieferte in dieser Staffel von Dienstag bis Donnerstag zusätzlich "Die halbe Stunde nach der Stunde danach". "Rund 90 Prozent der Prüfungen sind neu" Ob der Sender neben dieser Neuerung auch neue Unkosten verkraften musste? Vorab kündigte RTL-Unterhaltungschef Markus Küttner an: "Natürlich haben wir ein paar wiederkehrende Klassiker wie den 'Creek der Sterne', aber rund 90 Prozent der Prüfungen sind neu." Bisher galt immer die Milchmädchenrechnung: Bestimmte Kulissen lassen sich mehrfach verwenden, und mit mehr als 20 Jahren Erfahrung weiß RTL genau, wo es sich lohnt, viel Geld zu investieren, und wo es reicht, auf eine preisgünstige Variante auszuweichen. Zumal ein enger Austausch mit den britischen Spezialisten von der Dschungel-Produktionsfirma ITV gepflegt wird, die die gleiche Sendung für das Fernsehpublikum in Großbritannien realisieren und jeweils immer vor den Deutschen das Camp im australischen New South Wales beziehen. Der Eindruck aus den zurückliegenden Tagen unterstreicht die Ankündigung des Unterhaltungsbosses nur teilweise. Die Neugestaltung der Dschungelprüfungen verlief eher im kosmetischen Bereich – bahnbrechende und vor allem kostspielige Umbrüche blieben aus. In Erinnerung bleiben die gleich zweimal aufgebaute "Kotzella"-Prüfung und das riesige Aquarium, in dem Gil Ofarim nach Sternen tauchen musste. Einen Tag vor dem Finale lässt sich damit festhalten: Das Dschungelcamp erfüllt für RTL auch 2026 genau die Funktion, die dem Format seit Jahren zugedacht ist. Es liefert verlässliche Reichweiten im linearen Fernsehen, überträgt diese Wirkung ins Streaming und bleibt zugleich eines der wichtigsten Werbeumfelder. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Staffel, dass diese Stabilität kein Selbstläufer ist. Inhaltliche Risiken, eine prominente Primetime-Positionierung und der Anspruch, das Dschungelcamp auch jenseits des Fernsehabends relevant zu halten, verlangen jedes Jahr neue Justierungen. Besonders dann, wenn der Sender fernab des australischen Goldrausches mit Sparzwängen, Stellenabbau und Bedeutungsverlust zu kämpfen hat.