Grönland, Zölle, Nato: In den USA erlebt die SPD-Verteidigungspolitikerin Siemtje Möller, wie republikanische Abgeordnete den Kurs von Donald Trump ablehnen. Im Interview erklärt sie, warum Europas neue Entschlossenheit Wirkung zeigt. Bastian Brauns berichtet aus Washington Während die Grönland-Krise eskalierte und Donald Trump den Nato-Verbündeten drohte, reiste die SPD-Bundestagsabgeordnete Siemtje Möller nach Washington . Bei Gesprächen mit republikanischen Kongressabgeordneten wollte sie sich danach erkundigen, wie es um das transatlantische Verhältnis bestellt ist. Im Interview mit t-online spricht sie über erstaunlich offene Kritik an Trump aus der eigenen Partei, über die wachsende China-Fixierung der USA – und darüber, wie vielversprechend es ist, dass Europa erstmals nicht nachgegeben hat. t-online: Frau Möller, Sie sind gerade in Washington. Was ist der Anlass Ihrer Reise? Siemtje Möller: Ich war gemeinsam mit anderen Bundestagsabgeordneten zum deutsch-amerikanischen Dialog zu China eingeladen. Ich habe das genutzt, um eine ganze Reihe von Gesprächen zu führen, mehrheitlich mit Republikanern im Kongress, aber auch mit Demokraten. Mir ging es darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wo das transatlantische Verhältnis gerade steht. Und auch darum, klarzumachen: Es gibt in Europa, besonders in Deutschland, weiterhin den starken Wunsch nach enger Partnerschaft. China stand zuletzt kaum im Fokus. Stattdessen dominierten Grönland , Trumps Drohungen und der Fortbestand der Nato . Wie sehr hat das Ihre Gespräche geprägt? Sehr. Und, ehrlich gesagt, fand ich es bemerkenswert, wie klar viele Republikaner gesagt haben: Der Umgang mit Alliierten – gerade in der Grönland-Frage – ist nicht angemessen. Verbündete behandelt man anders. Das wurde in praktisch allen Gesprächen sehr deutlich. Mit wem haben Sie gesprochen? Mit jüngeren wie auch langjährigen Abgeordneten aus dem republikanischen Spektrum, unter anderem mit Pat Harrigan aus North Carolina, Joe Wilson aus South Carolina, Carlos Gimenez aus Florida , Don Bacon aus Nebraska. Auch auf der Konferenz selbst gab es viele Republikaner, die sich klar vom Kurs des Weißen Hauses distanziert haben. Wie bewerten diese Abgeordneten denn Trumps Grönland-Vorstoß? Sehr kritisch. Erstens, weil man die eigentliche Bedrohung ganz woanders sieht – eben bei China. Und zweitens, weil allen klar ist: Wenn man dieser Herausforderung begegnen will, braucht man Bündnispartner und Freunde. Man kann nicht gleichzeitig Partnerschaften zerschlagen und globale Führung beanspruchen. Gab es irgendein Verständnis für Trumps Vorgehen? Nein. Mein Eindruck war eher, dass die Kollegen genauso viele Fragen haben wie wir. Alle sehen das strategische Interesse Amerikas an Sicherheit in der Arktis – gerade für die Nato-Partner und Anrainer. Aber daraus folgt eben nicht, dass man, wie Trump es propagiert hat, Grönland besitzen muss. Sondern, dass man gemeinsam für Sicherheit sorgt. Also keine Unterstützung für militärische Abenteuer? Im Gegenteil. Gerade im republikanischen Lager, auch bei MAGA-nahen Abgeordneten, ist die Ablehnung groß. Keine Mehrheit in der Bevölkerung, keine im Kongress, keine echte Begeisterung in der eigenen Partei. Sie wollen keine riskanten Interventionen ohne klaren Nutzen. Beim Thema Venezuela war das ganz anders. Hier überwog die Überzeugung, dass das ein gelungener, perfekt ausgeführter Schlag war. Damit hätten die USA der Welt und insbesondere China und Russland gezeigt, wie mächtig sie sind. Warum ist Trump bei Grönland zurückgerudert? Was sind Ihre Lehren aus dieser beispiellosen Eskalation? Mehrere Faktoren kamen zusammen. Erstens: massive Ablehnung in der US-Bevölkerung – mehr als 75 Prozent sind gegen eine Übernahme Grönlands, nur ein kleiner Bruchteil gar für ein militärisches Vorgehen. Zweitens: kein Rückhalt im Repräsentantenhaus und im Senat. Drittens: die Börsenreaktionen. Die Märkte haben sehr sensibel auf die Eskalation und die Zollandrohungen reagiert. Und viertens, vielleicht am wichtigsten: Europa war erstmals nicht berechenbar. Was meinen Sie damit? Europa hat nicht nachgegeben. Als Trump mit Zöllen drohte, standen das EU-Parlament, die Kommission und die Mitgliedstaaten geschlossen da, und das fraktionsübergreifend. Diese klare Entschlossenheit war neu, für Trump offenbar überraschend – und auch wirksam. Ist das ein neues europäisches Erfolgsrezept – wer mit Trump zu tun hat, muss immer die Bazooka auf den Tisch legen? Das ist kein Automatismus. Jeder Fall ist anders. Aber die Lehre ist: Donald Trump ist nicht unbezwingbar. Nur wenn wir geschlossen, selbstbewusst und klar auftreten, kommen wir überhaupt in eine Verhandlungsposition auf Augenhöhe. Wer sich einschüchtern lässt, verliert. Ein klares europäisches Stoppschild, verbunden mit der konkreten Ankündigung von Gegenmaßnahmen, hat Wirkung gezeigt. Gleichzeitig bleiben die unbestreitbaren Abhängigkeiten – sicherheitspolitisch, wirtschaftlich. Wie geht man mit einem so unberechenbaren US-Präsidenten um? Indem man akzeptiert, dass diese Regierung sehr unkonventionell agiert. Trump denkt in diesen Kategorien von Sieg und Niederlage. Das mag einem nicht gefallen, aber man muss sich darauf einlassen – sonst ist man nur seine Spielfigur und kein eigenständiger Spieler. Donald Trump verkauft Grönland als politischen Erfolg. Dabei gibt es noch gar keinen Deal. Wird das Thema uns weiter beschäftigen? Davon bin ich überzeugt. Ich wäre vorsichtig damit, den europäischen Erfolg allzu optimistisch zu feiern. Wir müssen wachsam bleiben. Aber wahrscheinlich wird es am Ende darum gehen, dass die Amerikaner mit dem Einverständnis der Dänen und Grönländer weitere Militärbasen errichten. Und das ist natürlich auch in unserem Interesse. Wie nachhaltig ist das Vertrauen in die USA nach dieser Episode beschädigt? Ich würde da eine Unterscheidung machen. Politisch kann Vertrauen wieder aufgebaut werden, zumindest wenn eine Verlässlichkeit zurückkehrt. Schwieriger ist es wirtschaftlich. Langfristige Investitionen benötigen Stabilität. Fälle wie beim Windparkbauer Ørsted wirken lange nach – gerade in den Vorstandsetagen internationaler Unternehmen. Sie meinen das Windkraftprojekt "Revolution Wind" vor der US-Küste, das die Trump-Regierung kurz vor der Fertigstellung gestoppt hat? Ja. Da wurden Zusagen aus ideologischen Gründen kurz vor Abschluss zurückgezogen. Der amerikanischen Regierung aber wird am Ende des Tages bewusst sein, dass europäische Investments amerikanische Arbeitsplätze schaffen. Deutsche Unternehmen sind der viertgrößte ausländische Arbeitgeber in den USA. Mit welchen Gefühlen reisen Sie nach diesen turbulenten Tagen zurück nach Deutschland? Mit sehr gemischten. Politisch sehe ich weiterhin viel Unterstützung für unsere Allianz, gerade auch bei Republikanern. Aber gesellschaftlich macht mir der kulturelle Umbau in den USA Sorgen: Mir fällt auf, dass es eine neue Angst gibt, offen zu sprechen. Es gibt einen ungeheuren Druck auf die Zivilgesellschaft und den öffentlichen Dienst – das betrifft auch das diplomatische Korps. Das ist beunruhigend und verstörend. Und trotzdem: Der Wille, die transatlantische Partnerschaft zu erhalten, ist noch da. Darauf müssen wir konsequent setzen.