Deutschland geht es schlecht, aber ein Mythos lebt: die Familienunternehmen. Sie stehen für bessere Zeiten. Sind sie wirklich die Helden der Wirtschaft? Nie war er so wertvoll wie heute. Falls Sie unter 60 sind: Das ist ein Werbespruch, den im vergangenen Jahrhundert jedes Kind kannte. Man warb für Klosterfrau Melissengeist, ein rezeptfreies Arzneimittel aus 13 Heilpflanzen und hochprozentigem Alkohol, äußerlich und innerlich anzuwenden. Erfunden von der unternehmerisch begabten Nonne Maria Clementine Martin. Seit 200 Jahren wird der Melissengeist verkauft, heute auch im Onlineshop. Die Klosterfrau Healthcare Group ist ein erfolgreiches Familienunternehmen . Nie waren sie so wertvoll wie heute: unsere Familienunternehmen. Sie sind das Rückgrat der Wirtschaft, Deutschlands Stolz, die Hidden Champions der Weltmärkte. 3 Millionen, 90 Prozent aller Firmen, sind in Familienbesitz. Allein die größten 500 von ihnen beschäftigen über 6 Millionen Menschen und erwirtschaften 1.800 Milliarden Euro Umsatz, also 1,8 Billionen. Das entspricht etwa 40 Prozent der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung. Und jetzt kommt die SPD mit der Erbschaftssteuer . Ist das deutsche Erfolgsmodell in Gefahr? Schauen wir uns die Helden der Wirtschaft genauer an. Welches ist das größte deutsche Familienunternehmen? Bei Günther Jauch ist die richtige Antwort bestimmt 64.000 Euro wert: Volkswagen . Volkswagen, ein Familienunternehmen? So steht es tatsächlich in der Top-500-Liste, herausgegeben von der Stiftung Familienunternehmen. Weil zwei Familien bei VW die Mehrheit der Aktien halten: die Nachkommen von Ferdinand Porsche und Ferdinand Piëch. Bei den Porsches verteilt sich das Vermögen in vierter Generation auf mindestens drei Dutzend Urenkel und Ur-Urenkel. Piëch hatte 13 Kinder aus mehreren Beziehungen, ein deutsch-österreichischer Clan. Sie alle, ihre Partner, Nachkommen, Geliebten und Anverwandte leben von diesem Vermögen, im Luxus, ohne auch nur einen einzigen Tag im Leben arbeiten zu müssen. Sind das die Leistungsträger unserer Gesellschaft, die besonderer staatlicher Aufmerksamkeit bedürfen? Muss die Regierung die Porsches und die Piëchs auch noch hofieren, sie von Steuern freistellen? Das ist doch eine absurde Vorstellung. Eine Familienfeier mit Bescherung Okay, der Autokonzern Volkswagen ist kein typisches Familienunternehmen. Aber vielleicht der Autozulieferer Freudenberg , Platz 27 der Liste? Eigentümer sind über 300 Erben, sie treffen sich einmal im Jahr zur Gesellschafterversammlung. Eine Familienfeier mit Bescherung: 255 Millionen Euro wurden zuletzt an die Sippe ausgeschüttet, macht knapp 800.000 Euro im Jahr für jeden und jede. Es gibt mühsamere Schicksale, als zur weitverzweigten Nachkommenschaft des Unternehmers Carl Freudenberg zu gehören. Beim Persil-Konzern Henkel ist es ganz ähnlich: 150 Nachfahren von Fritz Henkel halten die Aktienmehrheit. Das Bleistift-Imperium Faber-Castell gehört nur vier Geschwistern. Ihre unternehmerische Leistung besteht darin, einen jahrelangen Streit untereinander beigelegt zu haben, der die Existenz ihrer Firma gefährdete. Es gibt Unternehmer, die ich mehr bewundere. Den Elektromeister, der einen Handwerksbetrieb mit zehn oder zwölf Beschäftigten führt, der jeden Morgen in der Firma präsent ist. Den IT-Ingenieur, der eine Softwarefirma gegründet hat und sich als Dienstleister im Wettbewerb behauptet. Die Grafikerin, die eine erfolgreiche Designberatung aufbaut. Die Tochter, die erst Kunstgeschichte studiert hat und dann doch den Metallbearbeitungsbetrieb des Vaters übernimmt. Pflichtgefühl und Ehrgeiz, eine gute Kombination. Es gibt Gegenbeispiele Dies ist keine Robin-Hood-Kolumne nach dem Motto: Die Kleinen sind gut, die Großen sind böse. Es gibt Gegenbeispiele. Die erfolgreichen Drogerieketten dm und Rossmann werden von den Söhnen ihrer Gründer geführt. Christoph Werner und Raoul Rossmann haben offenbar nicht nur das Vermögen ihrer Väter geerbt, sondern auch das unternehmerische Talent. Aber das sind Ausnahmen. Ich habe mein journalistisches Leben in mehreren großen Verlagen verbracht. Ich habe prominente Verleger erlebt, die verzweifelt versucht haben, ihren Söhnen und Töchtern die Unternehmensführung zu übertragen. Weil sie sich als Familienunternehmen verstanden. Das ist gründlich schiefgegangen. Den Gescheiterten der zweiten oder dritten Generation geht es trotzdem gut. Sie sind hauptberuflich vermögende Erben. Reform der Erbschaftssteuer : Das sind die Pläne der SPD Ausnahmen aus der Erbschaftssteuer: Schlupfloch, das den Staat Milliarden kostet Ex-Multimillionär zur Erbschaftssteuer: "Das empfinde ich als Frechheit" Seit jeher gibt es aber auch Patriarchen der Wirtschaft, die ihre Firma vor der eigenen Familie schützen. Der Essener Stahlbaron Alfried Krupp drängte seinen Sohn schon vor Jahrzehnten, auf das Erbe zu verzichten. Arndt von Bohlen und Halbach, der Sohn, wurde fürstlich abgefunden und lebte ein exzentrisches Jetset-Leben; in den Siebzigern ging er als reichster Frührentner Deutschlands durch die Boulevardpresse. Ähnlich schillernd verlief das Leben von Gunter Sachs, der gleich zwei Familienunternehmen entstammte: Fichtel & Sachs väterlicherseits und Opel vonseiten der Mutter. Er war der berühmteste Playboy seiner Zeit, heiratete Brigitte Bardot und machte St. Tropez unsicher. Familienmitglieder sind nicht per se die besseren Manager Auch die beiden erfolgreichsten deutschen Unternehmer unserer Zeit halten ihre Familien aus dem Geschäft raus: Dietmar Hopp hat den Softwarekonzern SAP zum Teil an die Börse gebracht, zum Teil in eine Stiftung überführt. Ähnlich macht es Dieter Schwarz, der erst Lidl und Kaufland groß gemacht hat und jetzt in Heilbronn einen international beachteten Digitalkonzern namens Schwarz Digits baut. Beide wissen: Familienmitglieder sind nicht per se die besseren Manager. Nicht einmal die besseren Eigentümer. Haben Sie jetzt den Eindruck, ich hätte etwas gegen Unternehmerfamilien, ich hielte die Erben für Schmarotzer der Gesellschaft? Nein, eigentlich sind sie mir egal. Es gibt sicher vernünftige und verantwortungsbewusste Leute in ihren Kreisen, einigen ist soziales und kulturelles Mäzenatentum nicht fremd. Sie sollten aber nicht den Eindruck erwecken, ausgerechnet ihr Beitrag zum Wohlstand des Landes verdiene besondere Anerkennung. Das ist eine hübsche Erzählung Das ist ein Mythos. Der Mythos Familienunternehmen wird von professionellen Lobbyisten und konservativen Politikern verbreitet. Sie bauschen ihre Bedeutung auf, indem sie Konzerne wie VW und BMW (Familie Quandt!) in ihre Statistiken einrechnen. Und sie verstecken die steinreichen Erben hinter Handwerksbetrieben und Mittelständlern. Wir sind doch alle vom selben Stamm, lautet ihre Behauptung. Das ist eine hübsche Erzählung – aus dem Genre der Märchen. Die Politik sollte sich keine Märchen erzählen lassen. Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Unternehmen dürfen nicht zusätzlichen Belastungen ausgesetzt werden. Energiekosten, Sozialabgaben und Steuern sind ohnehin schon viel zu hoch. Aber das heißt nicht, dass Familiendynastien Steuerprivilegien brauchen, nur weil ihnen ein Unternehmen gehört. Bisher ist das so. Sie sollen bitte Erbschaftssteuer bezahlen, wie andere Reiche, die ihr Vermögen in Immobilien oder Goldbarren halten. Oder wie Arbeitnehmer, die ein Mietshaus oder ein Aktiendepot erben. Eine Frage vom Anfang ist noch offen: Wie konnte die Nonne Maria Clementine Martin ein Familienunternehmen begründen? Nein, da tut sich kein Abgrund von Unmoral auf. Sie übergab ihr Rezept an einen Gehilfen, später übernahm Wilhelm Doerenbach das Geschäft. Heute ist Klosterfrau übrigens ein Stiftungsunternehmen, das Soziales und Kunst fördert. Sehr nobel. Doerenbachs Enkelin Martine Eloy hält als Vertreterin der Familie nur noch eine Minderheitsbeteiligung, mit unternehmerischen Entscheidungen hat sie nichts zu tun. Ihr Vermögen wird auf 150 Millionen Euro geschätzt. Tja, nie war dieser Kräuterschnaps so wertvoll wie heute. Man sollte ihn nicht trinken, sondern erben.