In fünf Bundesländern wird im neuen Jahr gewählt. Gleich drei setzen auf das Wahlalter 16. Wahlforscher räumen mit einem Vorurteil auf. Doch könnten zwei Parteien von der Neuerung besonders profitieren. Am 8. März 2026 wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag bestimmt. Schon vorab bricht die Wahl einen Rekord: 7,7 Millionen Wahlberechtigte dürfen ihre Stimme abgeben, so viele wie nie zuvor. Der Grund: eine Änderung des Wahlrechts: Erstmals dürfen Baden-Württemberg bei einer Landtagswahl auch 16- und 17-Jährige wählen. "Davon, dass die jungen Menschen genauso rational und klug abstimmen werden wie die volljährigen Wahlberechtigten, bin ich überzeugt. Schließlich sind die Vernunft, der Sachverstand und der Grad an Informiertheit in Bezug auf Parteien und deren Programme nicht altersabhängig", so der scheidende Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Antrieb: Lithium aus Deutschland?! So kann das gehen Studie: Wie schwache Infrastruktur auf dem Land rechten Parteien nützt Nicht alle sehen das so. Derzeit ist Wählen ab 16 auf Landesebene nur in Baden-Württemberg, Berlin , Brandenburg, Bremen , Hamburg , Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein möglich. Ein Blick auf Vorzüge und Bedenken. Die Regelung Mit 16 dürfen Jugendliche hierzulande Motorroller bis 125 Kubikzentimeter fahren, sich bis Mitternacht in Bars und Clubs aufhalten und Miniverträge abschließen, etwa für ein Prepaid-Handy. Nur zur Wahl gehen dürfen sie nicht überall. Das Wahlalter ist unterschiedlich geregelt. Bei der Bundestagswahl gilt wie im Februar 2025 ein Wahlalter ab 18. Bei der Europawahl 2024 durften erstmals deutschlandweit Jugendliche ab 16 abstimmen . Auf Länderebene gibt es unterschiedliche Regelungen. Baden-Württemberg wählt am 8. März ab 16, zwei Wochen später in Rheinland-Pfalz dürfen junge Menschen bei der Landtagswahl erst mit 18 abstimmen. Schleswig-Holstein machte 2017 den Anfang mit Wählen ab 16. Politikwissenschaftler Thorsten Faas von der FU Berlin befasste sich seither in mehreren Studien mit dem Thema. Sein Fazit: "Der Flickenteppich an Wahlaltersgrenzen, den wir aktuell haben und der nun mit der Europawahl auf der Bundesebene ankommt, erzeugt Enttäuschung." Faas' Hinweis an die Politik: "Ich würde das Wahlalter 16 als Chance sehen, nicht als Problem." Die Studien Immanuel Kant, der Philosoph der Aufklärung, verknüpfte das Wahlrecht mit der Autonomie. Dabei ging es unter anderem um wirtschaftliche Unabhängigkeit als Voraussetzung für eine freie Entscheidung. So viel zur Theorie. Wahlforscher Faas räumt nach etlichen Studien mit einem Vorurteil auf. "Das Argument mangelnder Reife lässt sich für das Wahlalter mit 16 empirisch nicht belegen", so Faas. Der Politologe hat gemeinsam mit Arndt Leininger von der TU Chemnitz für die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung die Auswirkungen einer Absenkung des Wahlalters erforscht. Das Fazit der Studie: Es "zeigt sich erneut, dass es praktisch keine Unterschiede hinsichtlich des politischen Wissens und des politischen Interesses zwischen 15-, 16-, 17-, 18-, 19- und 20-Jährigen gibt. Im Durchschnitt sind sie alle gleichermaßen interessiert und wissend. 'Reife'-Argumente gegen eine Absenkung des Wahlalters, denen zufolge es bei Minderjährigen an Interesse und Wissen mangele, finden in unseren Daten keine Bestätigung." Im Klartext: Jugendliche sind genauso gut oder schlecht über Politik informiert wie die Generation 60+. Das Wahlverhalten Wahlen auf unterschiedlichen Ebenen lassen sich schwer vergleichen. Bei der Europawahl 2024 galt erstmals auf Bundesebene ein Wahlalter von 16 Jahren. Damals war die Wahlbeteiligung bei den Jüngeren eher unterdurchschnittlich. Am niedrigsten lag sie mit 57,7 Prozent bei den 21- bis 24-Jährigen, gefolgt von den 16- bis 20-Jährigen mit 60,3 Prozent. Am höchsten lag die Beteiligung bei den 60- bis 69-Jährigen: 68,9 Prozent von ihnen gingen zur Wahl. Auch die 50- bis 59-Jährigen nahmen mit 68,2 Prozent überdurchschnittlich an der Wahl teil. Insgesamt lag die Wahlbeteiligung bei der Europawahl bei 64,7 Prozent, so hoch wie seit 1979 (65,7 Prozent) nicht mehr. Und wie sieht es aus mit den Parteipräferenzen? In der Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen war die AfD stärkste Kraft mit 15,5 Prozent (gesamt: 15,9) vor der CDU mit 12,4 Prozent (gesamt 23,7 Prozent) und den Grünen mit 11,4 Prozent bei den Jungen (gesamt 11,9). Die SPD erzielte mit 8,7 Prozent (gesamt 13,9) in der Alterstruppe ein unterdurchschnittliches Ergebnis. Punkten in der Erstwählerschaft konnten aber die Linke mit 6,9 Prozent bei den 16- bis 24-Jährigen (gesamt 2,4) und die FDP mit 6,8 Prozent bei den Jungen (in allen Altersgruppen 5,2 Prozent). Ein Trend, der sich bei der Bundestagswahl im Februar 2025 fortsetzte, auch, wenn dort wieder Wählen ab 18 galt : Die Linke erzielte in der Altersgruppe zwischen 18 und 24 rund 27 Prozent (gesamt 8,8 Prozent), die AfD 19,0 Prozent (gesamt 20,5), auch die FDP war mit 5,6 Prozent besser als in allen Altersgruppen, wo sie 4,3 Prozent erzielte. Ein später Erfolg für FDP-Politiker Christian Lindner , der früh in den sozialen Medien unterwegs war. Neue Medien im Wahlkampf Jüngere Zielgruppen wollen anders bespielt werden. Instagram und vor allem TikTok sind das Mittel der Wahl. Nach einer Studie der Universität Düsseldorf für die ARD aus dem Jahr 2023 konnte "TikTok in den vergangenen beiden Jahren über alle Altersgruppen hinweg an Relevanz und Reichweite zulegen". Demnach nehmen 48 Prozent aller TikTok-User mindestens einmal wöchentlich Polit-Inhalte auf der Plattform wahr, unter den 30-Jährigen sind es gar 65 Prozent. Das digitale Sein bestimmt das Bewusstsein. Vor allem junge Wähler setzen auf digitale Informationen, wie eine Studie der Universität Potsdam zeigt. Vor der Bundestagswahl 2025 legte das Potsdamer Team 268 Social-Media-Accounts für fiktive 21- bis 25-Jährige an. Ergebnis: Der Algorithmus schätzt Linke und die AfD. So postete die SPD mit einem Anteil von 24,1 Prozent zwar die meisten Videos, wurde in den Feeds der imaginären User aber nur mit einer Rate von 14,1 Prozent vorgeschlagen. Auch die Union ging im Algorithmus unter: CDU und CSU luden 17,1 Prozent der Videos hoch, im Feed der jugendlichen User landeten aber nur 4,9 Prozent. Anders die AfD und Linke. Die Partei von Heidi Reichinnek postete nur knapp 9 Prozent aller Videos, wurde in den Feeds aber mit einem Anteil von 27,6 Prozent ausgespielt. Die AfD setzte 21,5 Prozent der Parteivideos ab und wurde jungen Nutzern zu 37,4 Prozent angezeigt. Die AfD war über den Social-Media-Erfolg der Linken so überrascht, dass sie deren Erfolg in einer eigenen Studie noch mal gesondert analysieren ließ. Bilanz Das Wahlalter wechselte bislang stetig. Im Kaiserreich lag es bei 25, auch wenn es im Ersten Weltkrieg eine Debatte über eine Absenkung gab, weil auch Jüngere an die Waffen gerufen wurden. Die Weimarer Republik weitete das allgemeine Wahlrecht nicht nur auf Frauen aus, sondern senkte auch das Wahlalter auf 20. Unter Kanzler Willy Brandt und dem Stichwort "Mehr Demokratie wagen" wurde die Altersgrenze dann 1972 auf 18 Jahre gesenkt. Junge Menschen sind derzeit besonders gefordert, nicht nur durch die langfristigen Auswirkungen der Pandemie. Der Staat erfasst erstmals auch die Jahrgänge ab 2008 für einen möglichen Wehrdienst. Folgt im Gegenzug eine Absenkung des Wahlalters auf 16? Wahlforscher Faas sieht vor allem die unterschiedlichen Regelungen für unterschiedliche Wahlen kritisch. Sein Fazit "Die Sprünge zwischen verschiedenen politischen Ebenen und das Muster 'Bei Wahlen, die als eher weniger wichtig empfunden werden – nämlich Landtags- und Kommunalwahlen – darf ich abstimmen, aber nicht bei den großen Bundestagswahlen' erzeugen Frust und auch eine geringere Zufriedenheit mit der Demokratie." Faas' Argument: "Gerade erste Wahlerfahrungen sind prägend. Dass erste Wahlerfahrungen mit Frustrationen verbunden sind, sehe ich problematisch, das kann eigentlich niemand wollen." Es ist mit der Demokratie wie mit der ersten Liebe. Erste Erfahrung prägen. Noch einen Aspekt gibt Faas zu bedenken: "Ich finde interessant, dass man sich am anderen Ende der Altersskala nachsichtiger zeigt. Menschen ein einmal erworbenes Wahlrecht abzuerkennen, ist – aus guten Gründen – mit allerhöchsten Hürden verbunden. Trotzdem halte ich diese unterschiedlichen Maßstäbe zwischen junger und älterer Wählerschaft für bemerkenswert." Eine ganz andere Debatte. Noch schwieriger als Wählen mit 16.