Im Iran weiten sich die Proteste aus. Was steckt hinter der Unzufriedenheit – und wie reagiert die Staatsführung? Antworten auf fünf zentrale Fragen. Der Iran wird erneut von massiven Protesten erschüttert – so großflächig wie seit Jahren nicht mehr. Auslöser war zunächst die anhaltende Wirtschaftskrise , doch mittlerweile haben sich die Demonstrationen zu einem ernsthaften Belastungstest für die Staatsführung ausgeweitet. Antworten auf zentrale Fragen. Was sind die Auslöser der aktuellen Proteste? Ausgelöst wurden die Demonstrationen Ende Dezember durch die massive Wirtschaftskrise und einen plötzlichen Absturz der landeseigenen Währung Rial, die an einem Tag um gut sechs Prozent an Wert verlor. In Teheran gingen daraufhin wütende Händler spontan auf die Straße, da ihnen Verluste drohten. Berichte über 200 Tote im Iran: Die Revolte gegen das Mullah-Regime eskaliert "Diesmal fühlt es sich anders an": Das steckt hinter den Protesten im Iran Inzwischen haben sich die Proteste auf viele Landesteile ausgeweitet – und gehen weit über den wirtschaftlichen Frust hinaus. Wie bei den großen Aufständen der vergangenen Jahre fordern die Demonstrierenden inzwischen ganz offen ein Ende der autoritären Staatsführung der Islamischen Republik. Die Unzufriedenheit im Land wächst seit Jahren – befeuert durch fehlende Perspektiven, wirtschaftliche Not, Klimakrise, politische Repression und internationale Isolation. Am Donnerstag eskalierten die Unruhen und mündeten in Massenproteste, wie sie der Iran seit Jahren nicht mehr erlebt hat. Wer hat das Sagen im Iran? Der Iran ist etwa viermal so groß wie Deutschland, rund 90 Millionen Menschen leben dort. Seit fast fünf Jahrzehnten herrscht eine autoritäre Staatsführung. Der schiitische Islam ist Staatsreligion, die Macht liegt konzentriert beim obersten Führer Ajatollah Ali Chamenei, der in allen strategischen Fragen das letzte Wort hat. Auch bei früheren Protesten richtete sich der Zorn der Bevölkerung offen gegen seine Autorität. Ein weiteres Machtzentrum sind die iranischen Revolutionsgarden, die Elitestreitmacht des Landes. Sie wurden nach der Islamischen Revolution 1979 gegründet, um einen möglichen Staatsstreich zu verhindern. Heute sind sie weit mächtiger als die regulären Streitkräfte. In den vergangenen Jahrzehnten wurden sie nicht nur militärisch massiv aufgerüstet, sondern haben auch ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einfluss ausgebaut – unter anderem mit Beteiligungen an Hotelketten und Fluggesellschaften. Welche Rolle spielt die Feindschaft zu den USA und Israel? Die Staatsmacht dürfte daher alles daransetzen, ihre Herrschaft zu sichern – auch, indem sie dem internationalen Druck der Erzfeinde Israel und USA trotzt. US-Präsident Donald Trump hatte der Führung in Teheran mehrfach mit einem Eingreifen gedroht, sollten friedliche Demonstranten getötet werden. Israel sieht sich durch die islamische Staatsführung in Teheran seit Jahrzehnten bedroht – unter anderem wegen des umstrittenen Atomprogramms. Im Juni 2025 führte das Land mit Unterstützung der USA einen zwölf Tage langen Krieg gegen den Iran. Die wirtschaftliche Lage bleibt prekär. Trotz umfangreicher Ölreserven steckt das Land in einer schweren Krise – ohne erkennbare Perspektive auf Besserung. Scharfe internationale Sanktionen haben Teheran zunehmend in die Arme Russlands und Chinas getrieben. Rund 90 Prozent der Ölexporte fließen über Umwege in die Volksrepublik. Warum dringen so wenige Nachrichten aus dem Iran nach außen? Aktuell hat der iranische Sicherheitsapparat das Internet für die Bevölkerung komplett abgeschaltet. Laut Beobachtern verfolgt die Führung damit vor allem zwei Ziele. Zum einen soll es Demonstrierenden erschweren, Proteste zu organisieren. Zum anderen soll die Veröffentlichung von Berichten, Fotos und Videos über die Unruhen unterdrückt werden. Bereits bei vergangenen Protesten wie im Herbst 2022 wurde das Internet während der Aufstände unter dem Motto "Frau, Leben, Freiheit" massiv eingeschränkt. Auch im Krieg gegen Israel vor gut einem halben Jahr stellten die Behörden das Internet zeitweise ab – offiziell aus Sicherheitsgründen. Ein vollständiger "Blackout" des Internets mitten in einer Protestwelle schürt bei vielen Iranerinnen und Iranern derzeit die Sorge vor massiven staatlichen Repressionen – ähnlich wie zuletzt 2019. Damals verhängte der Staat eine fast einwöchige Internetsperre. Laut Schätzungen von Menschenrechtlern wurden dabei Hunderte Demonstrierende getötet. Das Land ist zudem sehr groß. Meldungen aus den Provinzen gelangten bereits in den vergangenen Tagen oft nur verzögert nach außen. Menschenrechtler im Ausland oder Exil dokumentieren das Protestgeschehen jedoch seit Jahren mit Hilfe ihrer lokalen Netzwerke. Welche Rolle spielt die Opposition? Im Iran gibt es seit Jahren keine politische Kraft mehr, die von den Demonstranten als glaubwürdige Opposition anerkannt wird. Auch die sogenannten Reformer, zu denen Präsident Massud Peseschkian zählt, gelten unter Protestteilnehmern als Teil des islamischen Herrschaftssystems, die keine grundlegenden politischen Änderungen bewirken können. Viele Landesbewohner setzen daher ihre Hoffnungen auf Unterstützung aus dem Ausland. Bei den aktuellen Massenprotesten ertönte auch der Slogan "Lang lebe der König" – ein Verweis auf den im Exil lebenden Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schahs. Er hatte für Donnerstag und Freitag zu Protesten im Iran aufgerufen, denen sich zahlreiche Menschen anschlossen. Lange Zeit galt die iranische Exil-Opposition als zersplittert und zerstritten – und auch jetzt ringen einige Akteure um eine Führungsrolle. Pahlavis aktueller Erfolg sei weniger seinen Führungsqualitäten zu verdanken, schrieb der iranische Kritiker Sadegh Sibakalam, sondern vielmehr der Unfähigkeit, Misswirtschaft sowie den Fehlentscheidungen der Staatsführung geschuldet.