Instrumente der Chartanalyse versprechen, den Aktienmarkt berechenbarer zu machen. Aber klappt das? t-online zeigt auf, was hinter der Strategie steht und für wen es sich lohnt. Wer sich an der Börse nicht nur auf sein Bauchgefühl verlassen will, stößt schnell auf die sogenannte Charttechnik. Diese Analysemöglichkeit, die vor allem den Kursverlauf einer Aktie untersucht, verspricht, den Aktienmarkt berechenbarer zu machen. Unter Börsenexperten ist die Chartanalyse umstritten. Der erfolgreiche Investor Warren Buffet ist angeblich kein Freund der Methode, auch Börsenlegende André Kostolany soll wenig von den Linien und Dreiecken der Charttechniker gehalten haben. Dennoch hat die Chartanalyse auch ihre Fans: Viele Menschen lieben Regeln und Analysen als Entscheidungsgrundlage – auch beim Aktienhandel. Nicht wenige Investoren passen ihre Kauf- und Verkaufslimits an die Grundsätze dieser Methode an und bestimmen so den Markt mit. Es lohnt sich daher, die Grundlagen der Charttechnik zu kennen. Finanzwissen: Was ist überhaupt eine Aktie? Wertpapierkennnummer: Warum eine Aktie einen Ausweis braucht Kurs-Buchwert-Verhältnis: Wann eine Aktie überbewertet ist t-online erklärt, was es mit der Charttechnik auf sich hat, wie die grundlegenden Prinzipien funktionieren und was Sie als Anleger davon haben. Worum geht es bei der Chartanalyse? Die Charttechnik ist eine Methode, um Trends am Aktienmarkt zu analysieren und frühzeitig zu entdecken. Befürworter der Charttechnik erhoffen sich so einen Vorteil beim Aktienhandel, etwa indem sie am Anfang eines Abwärtstrends die Aktie frühzeitig verkaufen. Die Grundannahme hinter der Charttechnik ist ein zyklischer Börsenverlauf. Das bedeutet: Die Kurse entwickeln sich in regelmäßigen Wellen, die zwar unterschiedlich lang sein können – aber immer wieder ähnliche Muster ergeben. Marktkapitalisierung: Diese Summe sollten Sie als Anleger kennen KGV: Das sagt es über eine Aktie aus Ausschlaggebend bei der Charttechnik ist der Kursverlauf und je nach Analyst auch das Handelsvolumen. Betriebswirtschaftliche Kennziffern wie etwa der Umsatz oder das Kurs-Gewinn-Verhältnis werden dagegen nicht beachtet. Auch politische und volkswirtschaftliche Zusammenhänge, etwa Konjunkturprogramme oder Sanktionen, finden bei der strikten Chartanalyse keinen Platz. Damit steht die Chartanalyse im starken Kontrast zur sogenannten Fundamentalanalyse, bei der Investoren und Anleger die fundamentalen Unternehmenskennziffern beobachten. Welches sind bekannte Kaufsignale? Es gibt mehrere Methoden, mit denen Analysten Auf- und Abwärtstrends in den Charts erkennen wollen. Die 200-Tage-Linie Die bekannteste ist die 200-Tage-Linie: Bei dieser addiert man den aktuellen Kurs mit den Schlusskursen der Aktie der vergangenen 199 Tage und errechnet den durchschnittlichen Schlusskurs. In den kommenden Tagen rechnet man die Schlusskurse des letzten Tages hinzu und streicht den Schlusskurs des ältesten Tages. So setzt sich die Linie fort. Dieser sogenannte einfache gleitende Durchschnitt (Simple Moving Average) hilft Anlegern, Trends zu erkennen. Kurze Anleitung: Alle Informationen zur 200-Tage-Linie Liegt der Kurs der Aktie über dieser Linie, zeigt sich laut Charttechnik ein Aufwärtstrend. Fällt der Aktienkurs unter die 200-Tages-Linie deutet das auf einen Abwärtstrend hin und liefert ein Verkaufssignal. Diese Linien können etwa Anlegern helfen, die mit Stop-Losses bei ihren Aktien arbeiten. Tipps und Tricks: Das sollten Sie beim Anlegen beachten Aktiensplit erklärt: Warum Firmen ihre Aktien teilen So kann man etwa einen Stop-Loss beim Durchbrechen der 200-Tages-Linie nach unten einstellen. Bei volatilen Aktien wird empfohlen, etwas mehr Spielraum zu geben. Hier können die Aktien auch nur kurz unter die Linie fallen und kurz darauf wieder einen Aufwärtstrend erleben. Unterstützungs- und Widerstandslinien Ein weiterer wichtiger Aspekt der Chartanalyse sind die Unterstützungs- und Widerstandslinien. So nennt man markante Punkte im Kursverlauf. Eine Widerstandslinie findet sich dabei am oberen Kursverlauf: Es ist eine Marke, die der Kurs immer wieder anläuft, aber nicht nach oben durchbricht. Die Unterstützungslinie ist dagegen eine Absicherung nach unten. Sie zeigt, bis zu welcher Marke ein Aktienkurs in Abwärtsphasen wiederholt fast zurückfiel, aber niemals darunter landete. Reißt ein Kurs die Unterstützungslinie, geht es oft schnell weiter nach unten. Durchbricht er die Widerstandslinie nach oben, kann es einen bulligen Aufwärtstrend geben – wie etwa Anfang 2021 bei Bitcoin . Typische Anlagefehler: Auf diese Dinge sollten Sie beim Investieren achten Ist die Widerstandslinie nachhaltig durchbrochen, bildet diese die neue Unterstützungslinie. Dasselbe Prinzip gilt bei Abwärtsbewegungen, dann ist eine durchbrochene Unterstützungslinie die neue Widerstandslinie. Die M- und W-Formationen Neben diesen Aspekten suchen Chartanalytiker auch nach Mustern im historischen Kurs, die Aussagen über einen Trend geben könnten. Für eine positive Entwicklung spricht dabei die sogenannte W-Formation, für einen Kursverfall die M-Formation. Bei diesen Doppel-Formationen ist es entscheidend, dass die Kursspitzen auf demselben Kursniveau liegen. Durchbricht der Kurs die Zwischenspitze des M oder W nach dem zweiten "Boden", dann deutet sich für Chartanalytiker eine Trendwende an. Der Stochastic Oscillator Technical Indicator Wenn Sie es etwas komplizierter mögen, können Sie auch den "Stochastic Oscillator Technical Indicator" errechnen. Sein Wert liegt immer zwischen 0 und 100. Ein Wert über 80 lässt darauf schließen, dass eine Aktie überkauft ist, also heiß gelaufen ist und bald fallen wird. Ein Wert ab unter 20 lässt darauf schließen, dass eine Aktie aktuell zu wenig Beachtung findet und sich steigern könnte. Der Trendkanal Wer es weniger mathematisch haben möchte, kann das Instrument des Trendkanals nutzen. Hier legen Sie einen Stift an und verbinden die Spitzen in einer Linie und die Kurstiefen mit einer weiteren Linie. Damit erhalten Sie den Trendkanal, der Ihnen aufzeigt, in welchem Bereich der Kurs hin und her pendelt. Zeigen die Linien nach unten, zeigt auch der aktuelle Trend nach unten. Ist es eine gerade Linie, verläuft der Trend seitwärts. Durchbricht er die obere Linie, zeigt dies einen Aufwärtstrend. Welche Zeiteinheit sollte ich bei der Charttechnik verwenden? Damit Ihnen die verschiedenen Methoden ein verlässliches Ergebnis liefern, sollten Sie den Kurs nicht zu detailverliebt betrachten. Ziehen Sie etwa einen Trendkanal in einem Intra-Day-Chart, der alle 5 Minuten eine neue Kerze anzeigt, ist Ihr Kanal stark anfällig auf das Handelsverhalten einiger großer Akteure. Hedgefonds: So beeinflussen sie den Markt Dies gleicht sich aus, wenn Sie mindestens die Vier-Stunden-Ansicht wählen oder am besten die Tagesansicht. So erhalten Sie ein repräsentativeres Bild über das Handelsverhalten aller Anleger bei der Aktie. Wie viel Kenntnis über Charttechnik ist als Anleger nötig? Darüber streiten sich die Experten. Wie zu Anfang erwähnt, gibt es durchaus renommierte Anleger, die nichts auf die Instrumente der Chartanalyse geben. Es handelt sich also um eine Grundsatzfrage des Tradings. Handeln Sie lieber nach der Maxime "The trend is your friend"? Dann könnte die Chartanalyse Ihnen weiterhelfen. Zweifeln Sie dagegen am zyklischen Verhalten des Marktes, sollten Sie Ihren Fokus lieber auf die Fundamentalanalyse legen und das Unternehmen hinter der Aktie bezüglich der harten betriebswirtschaftlichen Fakten abklopfen. Fest steht: Auch die Charttechnik findet nicht im luftleeren Raum statt. Viele Börsenkurse werden vom wirtschaftspolitischen Geschehen und plötzlich auftretenden Phänomenen wie der Corona-Krise oder Trumps Zollpolitik beeinflusst – auch wenn diese nicht durch ein Muster im Kurs vorhergesehen werden können. Für viele Anleger stellt die Chartanalyse deshalb eher eine Ergänzung in ihrem Trading-Set-up dar, das sie zusätzlich nutzen, neben dem Nachrichtengeschehen, Konjunktur- und Zinsdaten.