Unwetter fegen über das Land und bringen Schnee, Eis und Glätte. Solche Notlagen sind auch Bewährungsproben für Politiker, wie ein Blick in die bundesdeutsche Geschichte zeigt. Sturmtief "Elli" zieht über das Land und Deutschland zittert. Das Wetter ist ein Naturphänomen, aber das Krisenmanagement ist Aufgabe der Politik. Der Umgang mit Wetternotlagen kann über Aufstieg (Helmut Schmidt) und Absturz von Politikern (Armin Laschet, Edmund Stoiber) entscheiden. Die Wetterlage: Die aktuellen Entwicklungen im Newsblog Schneechaos: CDU sagt Klausur in Mainz ab Wie gefährlich das Krisenmanagement für einen Politiker werden kann, erfährt derzeit Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU). Der Anschlag auf eine wichtige Stromleitung ist kein Wetterphänomen, aber die frostige Kälte machte den Blackout in Berlin erst recht zur Krise. Da kommt es nicht gut an, dass Wegner sich kurzzeitig zum Tennis verabschiedete. Unwetterkatastrophen, Krisen und Polit-Karrieren – eine Auswahl aus den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Armin Laschet: ein Lacher zu viel Die Umfragen im Bundestagswahlkampf 2021 sprachen deutlich für CDU-Chef Armin Laschet . Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hatte sich in der Union nach der Intervention von Wolfgang Schäuble gegen Markus Söder (CSU) als Kanzlerkandidat durchgesetzt. Das wichtigste Duell für Armin Laschet schien also entschieden. Dann zogen im Juli 2021 dunkle Wolken über der Ahr und der Erft auf. Mehr als 180 Menschen starben. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Armin Laschet besuchten das Katastrophengebiet. Als Steinmeier ein Statement zu den Opfern der Flut abgab, hielten Kameras fest, wie Laschet im Hintergrund scherzte . Es war ein Lacher zu viel. Im benachbarten Rheinland-Pfalz führte die ungemein beliebte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) den sozialdemokratischen Kandidaten Olaf Scholz durch die überfluteten Bereiche an der Ahr. Bald drehten die Umfragen – auch wegen Laschets verpatzten Auftretens im Katastrophengebiet. Der CDU-Politiker verlor die Bundestagswahl und bald auch den CDU-Vorsitz. "Dieses Bild war für wenige Sekunden eines, was ich bis heute bereue, was mir leidtut, was ich aber nicht mehr aus der Welt schaffen kann", erklärte Laschet im Rückblick im Interview mit RTL/n-tv. Über Polit-Karrieren entscheiden manchmal Sekunden. Da half es wenig, dass später auch Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) ihr Amt wegen des missglückten Krisenmanagements aufgab. Edmund Stoiber: Rügen statt Elbe Edmund Stoiber kennt die Last mit dem Wetter. Kanzler Gerhard Schröder (SPD) kämpfte mit dem Unmut über seine Arbeitsmarktreformen und einem Umfragetief. Stoiber hatte sich in einem Frühstück in Wolfratshausen längst gegen die damalige CDU-Chefin Angela Merkel durchgesetzt. Dem Unions-Kanzlerkandidaten aus Bayern schien der Sieg bei der Bundestagswahl kaum zu nehmen. Dann stiegen im August 2002 kurz vor der Wahl die Pegel an der Elbe und ihren Nebenflüssen. Schröder erkannte die Chance und stapfte in Gummistiefeln durchs Hochwassergebiet im Osten. Stoiber entschied sich für Strandfotos auf Rügen . Das kam nicht gut an. Die Bevölkerung wünscht in Krisenzeiten einen Chef auf der Brücke. So verlor Stoiber die Wahl 2002, wenn auch nur knapp. Für Schröder war 2005 Schluss. Es kam Angela Merkel , sie blieb 16 Jahre. "Zuwendung und Mitgefühl kann man als Politiker nur begrenzt spielen", sagte Schröder im Rückblick der Wochenzeitung "Die Zeit". Überschrift des Artikels: "Der gestiefelte Kanzler". Matthias Platzeck: Der Deichgraf So lange war das Land noch nicht vereinigt, da lernte Deutschland 1997 die Oder und ihre Nebenflüsse kennen. Mehr aber noch Matthias Platzeck . Der brandenburgische SPD-Politiker managte als Landesumweltminister die Hochwasserkatastrophe und wurde bundesweit bekannt. "Der Deichgraf", schrieben die Medien. Platzeck nutzte die Welle. 2002 folgte er Manfred Stolpe als Ministerpräsident in Brandenburg nach, 2005 stieg er gar zum SPD-Vorsitzenden auf. Doch die Partei schaffte ihn, nur ein Jahr später zog sich Platzeck entnervt als SPD-Chef zurück. An dem Amt rieben sich später noch ganz andere auf. Es gibt Strudel mit stärkeren Untiefen als die Fluten der Oder. Helmut Schmidt: Der Vater aller Krisenmanager Stundenlang peitschte der kräftige Wind aus Nordwest und drückte das Nordseewasser weit zurück in die Elbe . Hamburg stand unter Wasser, hunderte Menschen starben. Und Helmut Schmidt bestieg die bundespolitische Bühne. Offiziell war Schmidt Polizeisenator der Hansestadt. Aber das hinderte ihn nicht daran, die Führung des Krisenmanagements zu übernehmen. Und auch Unerhörtes zu tun. "Unzählige Einheiten der Bundeswehr helfen", erklärte Schmidt im NDR die Notfallmaßnahmen. Die Bundeswehr im Innern. Das war neu für das Land. Bald wechselte Schmidt in die Bundespolitik. Zunächst als Verteidigungs-, dann als Finanzminister. 1974 stieg Schmidt zum Bundeskanzler auf, managte Öl- und Wirtschaftskrise und bekämpfte den Terror der linksextremistischen RAF 1977. Bilanz "In der Krise bewährt sich der Charakter", soll Helmut Schmidt später erklärt haben. Der Politikwissenschaftler Luuk van Middelaar kommt in seinem Buch "Das europäische Pandämonium" zur Analyse der europäischen Politik während der Corona-Pandemie noch zu einem anderen Schluss: "In der Krise gelten eigene Gesetze." Der Forscher unterscheidet zwischen Regel-Politik und Krisen-Politik. Die Krise, so seine These, erfordert nicht nur eine schnelle Handlungsweise, sondern auch eine pragmatische. In der Krise sei die Politik in ihrer "Schutzfunktion" gefordert, so van Middelaar. Sein Credo: "Krisenpolitik berührt die großen Fragen des Zusammenlebens, das ist ungemein spannend." Für die Politik ist eine Naturkatastrophe kein unabwendbares Unglück oder unbeherrschbare Situation. Die Politik muss Unwetter aber mehr als Unfall verstehen. Ein technischer Vorgang, der ein kluges Management erfordert. Dazu gehört auch eine Vorab-Warnung. Notfalls auch eine zu viel.