Der Philosoph Hermann Lübbe gehört zu den Geistesgrößen dieses Landes und ist doch fast vergessen. Dabei hat er vor 40 Jahren präzise vorhergesagt, an welchem Übel die Politik von heute krankt. Auf Seite 280 des überaus gelungenen neuen Buches von Harald Jähner über die Gründerzeit der Bundesrepublik steht ganz unten ein Satz, der mich hat aufmerken lassen. Es geht um die mühevolle Identitätsfindung einer zerrissenen Nation, eines Provisoriums, eines "Landes ohne Seele". Eigentlich ist der Satz mehr eine Namensreihung. "Autoren wie Theodor Eschenburg, Dolf Sternberger, Ralf Dahrendorf, Hermann Lübbe, Wilhelm Hennis, Kurt Sontheimer und viele andere bildeten eine lose Gruppe politischer Denker, die konstruktiv an den inneren Werten der jungen Republik arbeitete." Ich merkte auf. Die meisten Herren kennt man mehr oder weniger. Aber einer der Namen war mir lange nicht mehr begegnet – und hat doch einen festen Platz in der Handbibliothek meines Musikzimmers, in der meine Hausgötter stehen. Traut aneinander gereiht: die Autobiografie von Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister, Karl Jaspers‘ "Vom Ursprung und Ziel der Geschichte", Eric Hobsbawms "Zeitalter der Extreme", die "Fälle" des herrlich durchgeknallten Daniil Charms, Henri Bergsons "Lachen" – und ja: auch die Josefine Mutzenbacher. In diesem Kunterbunt ein dünnes blassgelbes Bändchen, buchstäblich am Rücken aus dem Leim gegangen, zerlesen, zerfleddert, von einem dicken Bleistift zerstrichen, voller vorsätzlicher Eselsohren. Es heißt: "Politischer Moralismus – Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft". Autor: Hermann Lübbe. Nach langer Zeit wird es, animiert von Harald Jähners "Wunderland", mal wieder hervorgezogen. Wie immer erst mal ein Blick auf den Text auf der Rückseite. "Das Vokabular der miteinander Streitenden hat seit einiger Zeit denunziatorischen Charakter angenommen. Politische und intellektuelle Auseinandersetzungen enden immer häufiger. Der brillante Essay des Zürcher Philosophen fragt nach den Ursachen solcher Entrationalisierung öffentlicher Erörterungen." Na und? Eine banale Beschreibung der Bubble-Wirklichkeit, die Hermann Lübbe hier anbietet? Jetzt der Beipackzettel: Das Bändchen ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags, den Lübbe am 20. November 1984 bei einer Konferenz in Salzburg gehalten hat. Und wer sich in die wenigen Seiten dieses Aufsatzes vertieft, merkt alsbald: Dieser Mann ist ein früher politischer Prophet. Er hat vor mehr als 40 Jahren schon die Muster erkannt, die erst heute zu einer unseligen Blüte gekommen sind und den Diskurs verpesten wie die größte Blume der Welt, der bestialisch stinkende Titanenwurz, die Luft. Die Moralkeule ersetzt das Argument Zentrale Bedeutung kommt einer Passage etwa in der Mitte des Bändchens zu: Zur Normalität geordneter politischer Lebensverhältnisse dürfte es doch gehören, schreibt Lübbe, "dass die moralisierende Form der politischen Auseinandersetzung nur in äußersten Ausnahmefällen zugelassen" sei. Diese Ausnahme hat sich seiner Beobachtung nach aber zur Regel entwickelt: "Statt der Ansicht und Absicht des politischen Gegners mit Sachargumenten" zu begegnen, "qualifiziert man moralisierend die Person dieses Gegners und gibt sich öffentlich erstaunt oder empört, was für einer er doch sei. Statt eine Ansicht zu tadeln, tadelt man, sie zu haben, und statt eine Absicht zu rügen, erklärt man, hier sehe man doch, um wen es sich handelt." Das alles schrieb Lübbe etwa fünf Jahre, bevor das World Wide Web mit seinen Blasen, digitalen Stammtischen und Echokammern auf die Welt kam. Die Grünen waren erst vier Jahre alt, die politischen Karrieren einer Claudia Roth oder Katrin Göring-Eckardt noch nicht absehbar. Doch auch hier sieht Lübbe die Dinge voraus: "Die ökologischen Probleme stehen wie auch die sonstigen Folgelasten zivilisatorischen Fortschritts grundsätzlich quer zu der vertrauten politischen Interessenverteilung im Links-Rechts-Schema", notiert Lübbe und fährt fort: "gleichwohl gibt es bei den Moralisten (…) eine unverkennbare Links-Drift, und das lässt sich historisch erklären. Der Grund liegt in der ideologiehistorischen Tatsache, dass die auf Moralisten als Faszinosum wirkende Idee einer Gesellschaftsordnung, in der individuelle und kollektive Interessen nicht nur versöhnt, vielmehr identisch geworden sein werden, am konsequentesten und politisch erfolgreichsten links-totalitär kultiviert worden ist." Gedanken hinter schweren Vorhängen Kopfweh? Ohrensausen? Gegenmittel: keine Tabletten. Sondern noch mal lesen! Die Gedanken verbergen sich bei Lübbe manchmal hinter einem schweren Wortvorhang, aber es lohnt sich, ihn beiseitezuschieben, zu durchdringen. Kleine Interpretationshilfe für diese Stelle: Lübbe sagt, die ökologische Linke nimmt sich heraus, für andere mitzubestimmen, was für sie als Individuum und für alle zusammen das Beste ist. Politischer Moralismus, schreibt Lübbe in seinem Fazit, in dem Zusammenhang sei eine "Selbstermächtigung" im Verstoß gegen die allgemeinen Regeln des Politischen "unter Berufung auf das höhere Recht der eigenen, nach ideologischen Maßgaben moralisch besseren Sache". Selbstverständlich ist Lübbe daraufhin angefeindet worden. Als Reaktionär stigmatisiert nach den Mustern, die er selbst beschrieben hat. Dabei ist er einfach ebenso ein Freidreher wie etwa Hans Magnus Enzensberger, der sich zum Verdruss der 68er auch nie vor irgendeinen ideologischen Karren hat spannen lassen. Lübbe war zeitweise Mitglied der SPD und für diese auch einmal Ende der Sechzigerjahre Staatssekretär im Bildungsministerium von Nordrhein-Westfalen. Ich bin übrigens wie der Kollege Jens Jessen von der "Zeit" der felsenfesten Überzeugung, dass diese totalitäre Hybris der ökologischen Linken einen Donald Trump und eine AfD geboren hat. Der politische Moralismus, der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft, hat eine Gegenbewegung ebenso totalitärer Natur heraufbeschworen. Weil diese Linke in Anspruch nehme, "dass jenseits von ihr gar keine anständigen Menschen mehr existieren". Wer sich "nicht als links und migrationsfreundlich bekennt, gilt schon als rechts, wer sich nicht vegan ernährt und kein Lastenfahrrad fährt, ist ein Klimasünder, wer Israel unterstützt, ein kolonialistischer Ausbeuter des Globalen Südens, wer nicht gendert, ein Frauenfeind." Ein Bogen von Lübbe bis Jessen Von Lübbe im November 1984 bis zu Jessen im November 2025 spannt sich ein zusammenhängender, unguter Bogen. In diesem knappen halben Jahrhundert ist etwas nachhaltig kaputtgegangen im politischen Diskurs. Man schaut als Journalist zu Beginn eines Jahres immer gerne auf den Kalender – wer und was sich da so für runde Geburtstage oder Jubiläen anböte. Und, da schau her: Hermann Lübbe wird, wenn alles gut geht, am letzten Tag dieses jungen Jahres 100 Jahre alt. Ich werde daher dieses Jahr zu meinem Lübbe-Jahr erklären und weitere Bücher zu dem blassgelben Bändchen in der Handbibliothek meines Musikzimmers hinzukommen lassen. Mein Vorsatz für 2026. Einer, der keinen Verzicht erfordert, sondern viel Gewinn verspricht.