Mit einem umfassenden Konzept plant der Verkehrsminister eine erneuerte Bahnpolitik. Doch Veränderungen könnten Jahre dauern. Mit neuer Bahnchefin, abgeschwächten Pünktlichkeitszielen und einem Fokus auf Sauberkeit und Sicherheit will Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) die Krise der Deutschen Bahn angehen. Doch bis sich für die Fahrgäste grundlegende Verbesserungen einstellen, dürfte es noch einige Jahre dauern. Das unterstreicht auch die designierte Bahnchefin Evelyn Palla. "Nichts wird schnell gehen. Das ist kein Sprint. Die Sanierung der Eisenbahn-Infrastruktur ist ein Marathon", so Palla. Geht es nach Schnieder, soll Palla die Nachfolge des im August abgerufenen Bahnchefs Richard Lutz antreten. Laut dem Verkehrsminister sei Palla die beste Kandidatin für den Posten. Es habe bei der Suche viele Gespräche gegeben, am Ende sei das Ergebnis eindeutig gewesen, betonte er. Eine Bestätigung durch den Aufsichtsrat steht aber noch aus. "Die Prüfung ist wirklich hart": Die neue Bahnchefin kann selbst Züge steuern Caritas-Chefin: "Das ist eine überfällige Maßnahme" Palla ist seit 2019 bei der Deutschen Bahn. Zunächst war sie Finanzvorständin bei DB Fernverkehr, seit 2022 ist sie für den Regionalverkehr mit rund 780.000 Fahrten monatlich – inklusive aller S-Bahnen – verantwortlich. Die 1973 in Bozen geborene Südtirolerin gilt als empathischer als ihr Vorgänger Lutz, auch charismatischer. DB Regio schrieb unter ihrer Führung im ersten Halbjahr 2025 wieder schwarze Zahlen. Ziele "jenseits aller Realität" Doch die Aufgaben für Palla sind groß. So sollen bis Ende 2029 mindestens 70 Prozent der Fernzüge ohne größere Verzögerungen im Netz unterwegs sind. Die bisherigen, deutlich höheren Ziele der Bahn selbst, kritisierte der Minister als "jenseits aller Realität" und als nicht annähernd erreichbar. Die Bahn wollte bereits im Jahr 2027 eine Pünktlichkeit von mindestens 75 Prozent schaffen. Mittelfristig soll die Quote nun laut Ministerium bei mindestens 80 Prozent liegen, langfristig bei mindestens 90 Prozent. Im Nahverkehr soll die Pünktlichkeit dauerhaft mehr als 90 Prozent betragen. Ein konkreter Zeitraum für diese Ziele geht aus der Strategie nicht hervor. Im ersten Halbjahr war mehr als ein Drittel der Fernzüge der Bahn unpünktlich unterwegs. Im Juli habe es an drei Tagen in Folge weniger als 40 Prozent Pünktlichkeit im Fernverkehr gegeben, betonte Schnieder. Das könne nicht so bleiben. Am Montag kam es zu weitreichenden Einschränkungen zwischen Hamburg und Berlin aufgrund von Oberleitungsschäden. "Weiter so bei der Bahn ist keine Option" Ambitioniert sind auch die Ziele des Verkehrsministers, was den Ausbau der Infrastruktur angeht. In der Bundeskonferenz spricht der Minister von einem "Sanierungsjahrzehnt". Insgesamt sollen bis 2029 100 Milliarden Euro in die Hand genommen werden, um die marode Infrastruktur auf Vordermann zu bringen. Konkret sollen bis 2035 1.000 der rund 5.700 Bahnhöfe in Deutschland modernisiert werden. "Heute drücken wir auf Neustart", sagte Schnieder zur neuen Bahn-Strategie, denn ein "Weiter so bei der Bahn ist keine Option". Das liege auch daran, dass für viele Menschen ein Nichtfunktionieren der Bahn gleichbedeutend mit einem Nichtfunktionieren des Staates sei, so der Verkehrsminister. Sofortprogramm vorgestellt Daher sieht die neue Strategie auch ein "Sofortprogramme für ein besseres Reiseerlebnis" mit drei konkreten Punkten vor: Die Sicherheit und Sauberkeit an Bahnhöfen soll erhöht werden. Ziel sei es, "eine objektiv wie subjektiv verbesserte Sicherheit und Sauberkeit durch einen Mix aus Personal und Technik" zu erreichen, heißt es darin, etwa durch Videoüberwachung. Das Sofortprogramm soll ab dem ersten Quartal 2026 greifen. Für eine bessere Kundenkommunikation soll die Fahrgastapp DB Navigator verbessert werden. "Ziel ist, dass Veränderungen im Reiseverlauf in dem Augenblick weitergegeben werden, wenn diese Informationen innerhalb der DB vorliegen", heißt es in der Strategie. Für mehr Komfort in den Zügen des Fernverkehrs soll die Sauberkeit in den Zügen verbessert werden. Auch das Angebot im Bordbistro soll sich verbessern. Die DB Fernverkehr soll ein Maßnahmenpaket umsetzen, um bereits 2026 spür- und messbare Verbesserungen zu erreichen. Neben Verbesserungen der Infrastruktur und dem Reisekomfort sollen sich bei dem Konzern auch intern einige Dinge ändern. Die Bahn müsse "schneller, schlanker und wirtschaftlicher" werden, so Schnieder. Bahn soll schlanker werden Der Verkehrsminister fordert dafür eine Reduzierung des Vorstands. So soll die neue Bahnchefin künftig nur noch einem sechsköpfigen Vorstand vorsitzen. Damit fallen in dem Gremium zwei Ressorts weg. Bislang gab es im Konzernvorstand acht Posten, die zurzeit auf sieben Mitglieder aufgeteilt sind. Personalvorstand Martin Seiler ist seit einigen Monaten auch kommissarisch für die Finanzen zuständig. Künftig soll das Ressort Infrastruktur wegfallen, um die Netztochter DB InfraGo stärker vom Mutterkonzern zu entflechten. Der Plan des Verkehrsministers sieht auch vor, die Boni der Vorstandsmitglieder deutlich stärker als bisher an die Erfüllung von Zielen im Bereich von Pünktlichkeit und Kundenzufriedenheit zu knüpfen. Fokus auf das Eisenbahngeschäft in Deutschland Weiterhin soll sich die Bahn von einigen ihrer Unternehmensabteilungen trennen. Laut Medienberichten hatte die Deutsche Bahn 2020 521 Tochtergesellschaften im In- und Ausland. Die Bahn solle sich in Zukunft so stärker auf ihr Kerngeschäft, nämlich den Eisenbahnverkehr in Deutschland fokussieren, so der Verkehrsminister. Diese Fokussierung auf das deutsche Geschäft unterstrich auch Palla in ihrer Vorstellungsrede. Betonte aber auch, dass es zur Umsetzung dieser Ziele eine starke Zusammenarbeit zwischen Bund und Bahn bedürfe. Um die geplante milliardenschwere Sanierung der Schieneninfrastruktur umzusetzen, soll es auch bei der dafür zuständigen DB InfraGo Veränderungen geben. Schnieder will dafür sorgen, dass das Tochterunternehmen künftig eigenständiger und unabhängiger vom Gesamtkonzern agieren kann. Dafür werde etwa geprüft, ob der bisherige Beherrschungsvertrag zwischen Bahn und InfraGo fortbestehen soll. Eine Entscheidung darüber soll im ersten Halbjahr 2026 fallen. Die Sparte soll zudem eindeutiger auf das Gemeinwohl ausgerichtet werden. Gewinne sollen nur insofern erzielt werden, als sie diesem Ziel zugutekommen. Widerstand gegen den neuen InfraGo-Chef Um die Änderungen umzusetzen, soll es auch an der Spitze InfraGo einen Wechsel geben: Dirk Rompf soll den Österreicher Philipp Nagl ersetzen. Rompf ist seit 2021 Geschäftsführer bei der Strategieberatung Ifok. Davor war er jahrelang Vorstand der DB Netz AG, dem Vorgänger-Unternehmen der DB InfraGo. Über die Personalie muss noch der Aufsichtsrat der InfraGo entscheiden. Laut einem Bericht des "Tagesspiegel" gibt es in dem Gremium auf Arbeitnehmerseite erheblichen Widerstand. So hat die Eisenbahngewerkschaft EWG angekündigt gegen Rompf zustimmen. Nagl gilt als ausgewiesener Bahn-Fachmann. Unter seiner Leitung wurde der jahrelange Verfall des Schienennetzes gestoppt. Er ist einer der Köpfe hinter dem sogenannten Generalsanierungskonzept, der umfassenden Sanierung von mehr als 40 viel befahrenen Bahnstrecken. Rompf war Netz-Chef unter dem damaligen Konzernvorstand Ronald Pofalla. In dieser Zeit verfiel die Infrastruktur zunehmend, weil zu wenig Geld in den Erhalt investiert wurde. Generalsanierung soll fortgeführt werden An dem Konzept der Generalsanierung hält Schnieder in seiner neuen Strategie fest. Es sieht vor, dass bis 2036 mehr als 40 besonders wichtige Strecken grundlegend modernisiert werden. Ziel ist es, auf diese Weise die Zahl der Baustellen nach und nach zu reduzieren und den Zugverkehr wieder zuverlässiger fahren zu lassen. "Die Kunden müssen sich auf die angebotene Leistung der DB AG verlassen können, optimal informiert sein und sich gleichzeitig wohlfühlen, wenn sie das System Schiene nutzen", heißt es in der Strategie. Das Ziel "spürbare Zuverlässigkeit" habe für den Bund die höchste Priorität.