Erst gab es Demonstrationen und Störungen. Dann kam es doch zu einer inhaltlichen Debatte beim Treffen zwischen Boris Palmer und dem AfD-Politiker Markus Frohnmaier. Bei einer Debatte mit dem baden-württembergischen AfD-Landesvorsitzenden Markus Frohnmaier hat der Tübinger Oberbürgermeister und ehemalige Grünen-Politiker versucht, Argumente der rechten Partei zu entzaubern. Palmer und Frohnmaier stritten über sechs verschiedene Themenblöcke – je drei von Frohnmaier und je drei von Palmer vorgeschlagen: Meinungsfreiheit, Klimaschutz, Innere Sicherheit und Migration, Wohnungsbau und Soziales, Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg sowie Demokratie und Rechtsstaat. Moderiert wurde das Streitgespräch von Joachim Knape, der an der Universität Tübingen als Professor für Rhetorik lehrt. Frohnmaier ging eher selten inhaltlich auf die Aussagen Palmers ein. Der Oberbürgermeister versuchte dagegen immer wieder, Frohnmaiers Aussagen etwas entgegenzusetzen. So stellte er etwa auf die Aussage Frohnmaiers, dass Deutschland ein Problem mit der Inneren Sicherheit habe, Zahlen aus der Kriminalstatistik entgegen. So habe die Zahl der Straftaten im vergangenen Jahr bei 5,5 Millionen und im Jahr 2000 bei 6,3 Millionen gelegen. Das gelte auch für die Zahl der schweren Straftaten wie Mord und Totschlag. "Wer vor 20 Jahren keine Angst auf der Straße hatte, der muss es heute auch nicht haben", sagte Palmer. Palmer hält Frohnmaier rassistische Zitate vor Frohnmaier warf Palmer daraufhin vor, die Statistik nicht richtig lesen zu können und bot Hilfe eines AfD-Abgeordneten-Kollegen an – was Palmer mit Verweis auf sein Mathematikstudium konterte. Palmer sprach Frohnmaier auch auf mehrfache rassistische und antisemitische Aussagen von AfD-Mitgliedern an und fragte, ob das mit der Meinungsfreiheit gemeint sei, die Frohnmaier verteidigen wolle. Er forderte seinen Gesprächspartner auf, "sich wenigstens von einem der Zitate zu distanzieren". Frohnmaier machte klar, dass, wenn es solche Äußerungen in seinem Landesverband gäbe, würden die Personen aus der Partei geworfen. "Solche Leute wollen wir nicht bei uns haben", sagte er. Palmer erkannte das an, sagte aber auch: Ich habe eine große Sorge, dass diese teilweise braune Suppe, die da zum Vorschein kommt, bei Ihnen geduldet wird". Palmer hielt Frohnmaier auch ein Zitat vor, demnach der AfD-Politiker gesagt habe, wenn die Partei gewinne, "wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet". Frohnmaier antwortete, er habe damit einen Politikstil gemeint, nicht Menschen. Rassistische Äußerungen von Parteikollegen tat er als Einzelmeinungen ab. Er warf Palmer unter anderem vor, einst Beugehaft für Impfgegner erwogen zu haben. "Da bekomme ich Bauchschmerzen ." Aus Sicht des Kommunikationsexperten Frank Brettschneider war Palmer mit seiner Strategie inhaltliche Schwächen aufzuzeigen aber nur teilweise erfolgreich. "Denen, denen er das klargemacht hat mit diesem Gespräch, war es auch schon vorher klar." Zudem sei Frohnmaier meist ausgewichen und nicht auf die Position in Tübingen eingegangen, sondern habe auf die allgemeine Lage in Deutschland verwiesen, sagt der Professor für Kommunikationswissenschaft, der an der Universität Hohenheim lehrt. "Insofern war das weniger ein Gespräch, sondern sie haben so ein bisschen aneinander vorbeigeredet." Polizei führte Störer aus dem Saal Zu Beginn war das Streitgespräch von Buhrufen, Sprechchören und lauten Sirenen begleitet worden, auch 40 Minuten nach Beginn der Veranstaltung. Dann wurde es wohl auch Boris Palmer zu viel. Er nahm das Mikrofon in die Hand und erklärte, das Hausrecht auszuüben. "Ich habe die Polizei gebeten, diejenigen, die nicht zulassen wollen, dass ein Meinungsaustausch stattfindet, friedlich zu bitten, den Saal zu verlassen", sagte Palmer auf der Bühne. Die Polizei führte nach eigenen Angaben 30 Störer aus der Halle und sprach Platzverweise aus, wie sie am späten Abend mitteilte. Zuvor war es in der Halle immer wieder zu Unterbrechungen gekommen, weil die Zuhörerinnen und Zuhörer Sprechchöre anstimmten. Die eine Seite rief "Nazis raus" oder "Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda", die andere beklatschte AfD-Landeschef Frohnmaier beim Einzug in die Halle mit "Markus, Markus"-Rufen. Erst nachdem viele Störer die Halle verlassen hatten – von der Polizei begleitet oder freiwillig – konnte die Debatte auf dem Podium beginnen. Hunderte Demonstranten vor der Halle Vor der Debatte hatten nach Polizeiangaben in der Spitze rund 2.000 Demonstranten gegen die Veranstaltung protestiert. Vor der Halle kritisierten Redner die Debatte und Oberbürgermeister Palmer scharf. Der hatte im Vorfeld gesagt, er wolle bei der Debatte die inhaltlichen Schwächen der AfD offenlegen und zeigen, dass sie in vielen Bereichen inkompetent sei. Die Demonstranten halten das für sinnlos. Fakten interessierten die AfD-Wähler überhaupt nicht, sagte eine Vertreterin der Initiative Omas gegen Rechts. "Die AfD ist auf inhaltlicher Ebene nicht zu entzaubern, wie Herr Palmer das sagt." Am Rande der Demonstration kam es zeitweise zu Rangeleien zwischen Polizei und Demonstranten. Am späten Abend sprach die Polizei von einer "weitgehend friedlich" verlaufenden Demonstration. Ein Beamter sei mit einer Fahnenstange angegriffen worden, vereinzelt seien Plastikflaschen auf Polizeikräfte geworfen worden. Dabei wurde niemand verletzt. Mit Gespräch Demonstrationszug vermieden Im Vorfeld hatte sich die Polizei auch auf gewaltbereite Demonstranten eingestellt. Palmer hatte zuvor an die Teilnehmer der Demos appelliert, sich von denen fernzuhalten, die nicht die Absicht hätten, friedlich zu demonstrieren. Das Gespräch wurde von einem massiven Aufgebot der Polizei begleitet. In den Seitenstraßen rund um die Halle in Tübingen waren zahlreiche Einsatzfahrzeuge zu sehen, die Eingänge zu dem abgesperrten Gelände wurden von Beamten kontrolliert. Zu dem Streitgespräch hatte sich Palmer im Gegenzug für die Absage einer AfD-Demonstration Mitte Juli bereiterklärt. Die AfD hatte damals eine Demonstration in der Tübinger Innenstadt geplant. Einzelhändler fürchteten Umsatzverluste und wandten sich an Palmer, ob die Demo verlegt werden könne. Die AfD hatte daraufhin angeboten, auf die Demo zu verzichten, wenn Palmer öffentlich mit AfD-Abgeordneten diskutiere. Darauf ließ sich der OB ein.