Wer mich ein wenig kennt, weiß, dass ich ein großer Fan Spaniens bin. Die Rallye spanischer Aktien habe ich dennoch erst spät bemerkt. Was hat Spanien auf den Kurslisten so weit nach oben gespült? Deutsche Aktien laufen und laufen mehrheitlich. Doch schaut man auf die internationalen Kurszettel, dann sind sie fast nur Mittelmaß. In diesem Jahr machen Griechenland (43 Prozent), Polen (36 Prozent), Österreich (29) und Spanien (28) das Rennen. Der Dax in Frankfurt hält mit einem Plus von immerhin 20 Prozent gut Anschluss. Auch längerfristig – und das ist letztlich das, was zählt – steht der spanische Aktienmarkt gut da: über drei Jahre plus 76 Prozent, über fünf Jahre legt er um 104 Prozent zu. Schaut man auf den spanischen Leitindex Ibex mit den 35 größten börsennotierten Unternehmen, zeigt sich: Im ersten Halbjahr haben nur fünf eine negative Kursentwicklung ausgewiesen. Von den 40 Dax-Titeln waren es 15. Starker Bankensektor Außerdem sind die Banken stark im Index vertreten – und das ist seit Längerem einer der stärksten Sektoren, nicht nur in Spanien, auch in Italien , Griechenland oder Deutschland. Die starke Kursentwicklung von Banken wie BBVA , Bankinter , Banco Sabadell oder Santander trägt also auch dazu bei, dass der Gesamtmarkt stabil nach oben läuft. Zwar hat Spanien als EU-Mitglied wie Deutschland die gleichen Bedingungen für Leitzinsen, die die Europäische Zentralbank (EZB) festlegt, doch im Bankensektor kann das unterschiedlich wirken: So konnten Spaniens Banken stärker von steigenden Zinsen profitieren, weil sie zum Beispiel im Hypothekengeschäft traditionell sehr stark sind und weil sie hohe Erträge generell aus Kreditmargen erzielen. Europa überflügelt die USA : Auf einmal heben die Bankaktien ab (Börsenkolumne) Mehr ausländisches Kapital nach Europa Zugleich fließt insgesamt viel mehr Kapital in europäische Aktienmärkte wie Spanien oder Deutschland. Internationale Investoren erwarten hier höhere Renditen als zuletzt zum Beispiel auf dem über Jahre überragend gelaufenen US-Markt. Wenn günstigere Bewertungen und bessere Perspektiven locken wie zur Zeit, hebt das die Investoren-Stimmung. Aber es ist auch eine Gesamtentwicklung, die nach der Pandemie eingesetzt hat. Spaniens Wirtschaft ist spät, aber dann "mit Schmackes" aus der Pandemie herausgekommen. Dass die Wirtschaft sehr stark (etwa 15-20 Prozent) vom Tourismus abhängt, hatte sie im Jahr 2020 und danach, als die Gäste ausblieben, arg gebeutelt. Doch jetzt kommen die Touristen wieder in Scharen. Erstmals dürften in diesem Jahr 100 Millionen Menschen nach Spanien kommen. So viele wie noch nie. 2024 waren es rund 94 Millionen. Immer mehr Touristen, Saisonarbeiter, Einwanderer Da ich häufig auf Ibiza bin, erlebe ich das hautnah: Mehr als drei Millionen Touristen kommen allein auf die kleine Insel, die gerade mal 150.000 Einwohner hat. Pro Saison. Und die geht nur von April bis Oktober. Dazu gesellen sich viele Besitzer von Ferienimmobilien vom Festland, aus Deutschland, Frankreich , Italien, Großbritannien und den Niederlanden. Und viele Saisonarbeiter. Aber anders als früher verlassen sie die Insel nicht zu Saison-Ende, sondern bleiben ganzjährig hier. Denn der Lifestyle, das Wetter , die Möglichkeiten ziehen immer mehr Leute an. Ibiza ist kein Ort mehr für Künstler, Aussteiger, Hippies und Segler. Es ist einerseits schon noch das fast unberührte Paradies, wenn man sich ein wenig auskennt, mit schönen Stränden, Buchten, Wäldern. Wie an vielen anderen Orten Spaniens. Andererseits ist Ibiza ein beliebter Party-Ort. In diesem Jahr hat ein neuer riesiger Club eröffnet: UNVRS. Alles, was Rang und Namen hat in der Musikwelt, strömt hierher. Line-up zur Eröffnung mit Stars wie Carl Cox, The Martinez Brothers usw. Auch das zieht die Menschen an – und bringt Investitionen. Hohes Wirtschaftswachstum Die EU-Kommission erwartet für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum in Spanien von ca. 2,3 Prozent. Im vergangenen Jahr war die Wirtschaft um rund 2,8 Prozent gewachsen. EU-Durchschnitt war nicht einmal ein Drittel davon, nur 0,8 Prozent. Aktuell beuteln die Import-Zölle der US-Regierung gegen die EU (und ungefähr die Hälfte der gesamten Welt) auch Spanien. Aber dennoch: Es läuft ganz gut auf der Iberischen Halbinsel. Weil Spanien viel investiert. Auch ausländische Investoren fassen wieder mehr Zutrauen, angetrieben von günstigen Standortbedingungen wie günstigen Lohnkosten. Zugleich konsumieren die Spanier immer mehr. Und wie gesagt: Der Tourismus boomt. Damit legt Spanien die Messlatte im Standort-Wettbewerb der EU-Länder sukzessive höher. Weniger Arbeitslose Der Tourismus sorgt auch dafür, dass die Arbeitslosigkeit sinkt. Sie ist so niedrig wie seit der Finanzkrise nicht. Spanien geht hier einen Sonderweg in der EU: Migranten aus Süd- und Mittelamerika, eine Million an der Zahl, sollen schnell integriert werden. Das heißt, die Leute, die hier ohnehin schon im Land sind und arbeiten, weil sie die Sprache sprechen und gebraucht werden, werden legalisiert. Sie können bleiben, zahlen Steuern . Was Spanien ehrlicherweise aber auch weit nach vorn bringt, sind EU-Subventionen. Spanien kann insgesamt 163 Millionen Euro aus dem Hilfsfonds Next Generationen EU für die nächsten Jahre einplanen. Es sind Zuschüsse und Kredite – abhängig von der Größe des Landes, der Wirtschaftskraft oder dem Arbeitsmarkt. Die meisten Mittel erhalten Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland, Polen. Damit sind für Spanien Investitionen in Infrastruktur, Energie und Tourismus auch machbar. Dann setzt Spanien noch auf günstige Energie. Erneuerbare Energien werden ausgebaut (und sie werden auch gefördert, siehe EU-Mittel), das macht den Strom für Haushalte und Industrie bezahlbar. Und da sind wir wieder beim Standort-Wettbewerb. Hohe Schulden könnten zum Problem werden Auf der anderen Seite ist Spanien recht hoch verschuldet – mit rund 106 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Das ist im internationalen Vergleich viel. Nicht so viel wie Griechenland mit rund 150 Prozent, Italien (137 Prozent) oder Frankreich (114 Prozent). Aber eben auch nicht so wie in Deutschland, wo für 2024 62,5 Prozent der Wirtschaftsleistung auf der Schuldenuhr stehen (was sich 2025 signifikant verschlechtern wird). Die spanische Regierung schafft es seit Jahren nicht, das Defizit zu verkleinern. Fazit: Spaniens Aktienmarkt läuft stark, die Wirtschaft läuft, die Abhängigkeit vom Tourismus zahlt sich aus. Spanien investiert viel, die Bevölkerung kann sich immer mehr leisten und konsumiert. Für den Moment ist das mehr als viele andere Volkswirtschaften und ihre Aktienmärkte von sich sagen können. Noch ist Fiesta im ehrwürdigen Palacio de la Bolsa de Madrid , der Madrider Börse.