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FDP-Politikerin Teuteberg über Schulen: "So kann es nicht laufen"

Die FDP-Politikerin Linda Teuteberg ist Mitglied einer Kommission, die sich für Demokratiebildung in Schulen einsetzt. Ein Gespräch über Abstimmungen im Klassenraum und die Frage, warum Jörg Meuthen zu Protest bei Schülern führte.Die FDP-Politikerin Linda Teuteberg, 42 Jahre alt, klingt gut gelaunt am Telefon. Teuteberg sitzt in der Kommission für Demokratiebildung der Hertie-Stiftung. Am Mittwoch wurde der Bericht der Kommission vorgestellt – es geht vor allem darum, wie die Demokratie in Bildungseinrichtungen gestärkt werden kann. Ein Gespräch über Abstimmungen im Schulalltag, den Respekt vor Mehrheitsentscheidungen und die Frage, wo die Demokratie in der Schule an ihre Grenzen gerät.t-online: Frau Teuteberg, wann haben Sie das erste Mal in Ihrem Leben über etwas abgestimmt? Linda Teuteberg: Das dürfte in der Grundschule gewesen sein und war wahrscheinlich eine Wahl zum Klassensprecher. Genau solche Erfahrungen sollten Kinder früh machen.Warum? Damit sie erfahren, dass sie mitentscheiden können. Die AfD steht in den Umfragen bei 20 Prozent; die Gegner unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung schlafen nicht. Demokratie zu lernen ist eine anspruchsvolle Daueraufgabe gerade von Montag bis Samstag und nicht in erster Linie ein Baustein für Sonntagsreden. Schule ist der Ort, an dem die ganze Gesellschaft in einem prägenden Alter zusammenkommt. Demokratie muss gewollt, gelernt und geübt werden.Öffentlich wird auch über eine allgemeine Dienstpflicht nach der Schule diskutiert.Das halte ich für eine untaugliche Antwort auf eine wichtige Fragestellung. Das Grundgesetz gibt uns den Auftrag, gesellschaftlichen Zusammenhalt ohne eine allgemeine Dienstpflicht zu organisieren.Sie schreiben in dem Bericht über Ihre eigene Schulzeit in Brandenburg: "Es kam äußerst selten vor, dass ein Politiker eine Schule besuchte – was aber weniger an den Politikern als an den Schulen lag, die sich als sehr politikfern verstanden." Was meinen Sie damit?Damals habe ich eine Berührungsangst der Schulen mit Politik wahrgenommen. Politikerbesuche beschränkten sich auf Termine von Regierungsmitgliedern, die Förderschecks überreichen und ein Foto für die Lokalzeitung machen. Kinder und Jugendliche sollten aber Kontakt mit der Normalität, dem Alltag und Maschinenraum der Demokratie bekommen: mit Abgeordneten und Vertretern verschiedener Parteien, verschiedenen Ansichten. Das ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung.Inwiefern?Zu erfahren, dass man gehört wird, aber nicht immer alles durchsetzen kann, was man selbst will. Dass Mehrheitsentscheidungen zu respektieren sind. Und dass zivilisierter Streit das Wettbewerbsverfahren der Demokratie ist. Verschiedene Positionen müssen erkennbar werden, auch wenn am Ende oft ein Kompromiss steht.Das klappt nicht immer. Wenn Schulen doch Vertreter unterschiedlicher Parteien einladen, führt das manchmal zu Protesten. Sie berichten von einer Schule in Brandenburg, wo die Teilnahme des AfD-Politikers Jörg Meuthen an einer Diskussion zu Aufständen führte. Und genau das ist das Problem. Der Schulleiter wollte eine breite Diskussion, lud also anlässlich der Europawahl die im Bundestag vertretenen Parteien ein – unter anderem auch die AfD. Und ja, der Protest war enorm, was zeigt, dass da noch einiges getan werden muss. Denn so kann es nicht laufen: Ein Schulleiter ist kein Pressesprecher und kein Experte für Krisenkommunikation dieser Art. Wertschätzung für die Initiative, diese Veranstaltung zu organisieren, wäre der wichtigere Impuls gewesen.Wie sollte der Bezug zur Demokratie stattdessen gelernt werden?Gelingende Demokratiebildung braucht mehrere Facetten: Erstens Wissensvermittlung über Institutionen, Regeln und Verfahren im Unterricht, zweitens Demokratie als fächerübergreifendes Thema, drittens die Beteiligung aller an der Schulentwicklung und eine entsprechende Schulkultur. Dazu gehören Aushandlungsprozesse und Abstimmungen, wo es möglich ist, und sei es über das Reiseziel einer Klassenfahrt.Was muss sich dafür im System ändern? Die Schulen brauchen mehr Freiheiten, mehr Entscheidungsspielräume vor Ort. Auch darüber, welche finanziellen Mittel sie wofür einsetzen wollen. Demokratiebildung ist eine Führungs- und Querschnittsaufgabe. Schulleiter, die sie zu ihrem Anliegen machen, strahlen auch auf ihre Kollegen aus. Der Bericht unserer Kommission enthält konkrete Empfehlungen und positive Praxisbeispiele.Aber dabei gibt es auch Grenzen. Allerdings, Schule ist nicht per se demokratisch. Über Noten, Versetzungen und Stundenpläne entscheiden aus guten Gründen Lehrer als Autoritäten. Trotzdem ist Schule Lernort für Demokratie. Auch das Anerkennen von Regeln und begründeten Hierarchien und nicht zuletzt das Aushalten anderer Meinungen sind Bildungsziele.Eine besondere Herausforderung dürfte das an Berufsschulen werden: Dort findet der Unterricht blockweise statt, die Schüler sind danach wieder wochenlang in den Betrieben. Dort ist das tatsächlich praktisch noch mal schwieriger, das stimmt. Zugleich verdient berufliche Bildung generell mehr Anerkennung und die Phase der Persönlichkeitsentwicklung, in der sich Berufsschüler befinden, ist sehr wichtig, auch für die Demokratiebildung. Umso mehr gilt es, Kreativität und Initiative von Berufsschullehrern auch in diesem Bereich zu würdigen und zu fördern.Und trotzdem kommt es sehr auf das jeweilige Engagement der Lehrer an. Dass es auf jeden einzelnen Menschen und sein Engagement ankommt, wird immer so sein. Selbstwirksamkeit ist ja auch ein Erziehungsziel. Mehr und bessere Demokratiebildung sollte jedoch keine Glückssache sein, bei der es allzu oft heißt: Pech gehabt. Zeitgemäße Demokratiebildung sollte in jeder Schule dieses Landes strukturell verankert und operativ umgesetzt werden. Mit unserem Bericht wollen wir dafür gerade jetzt Lehrerinnen und Lehrer ermutigen und Anregungen geben.Frau Teuteberg, Danke für das Gespräch.

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