Plagiatsvorwürfe | Katy Perry, Ed Sheeran und Loreen: Alles nur gemopst?
Katy Perry soll es getan haben, Ed Sheeran soll es getan haben, und auch die Gewinnerin des diesjährigen Eurovision Song Contests, die schwedische Sängerin Loreen, muss sich nun verteidigen: Sie alle sollen geklaut haben. Nein, es geht nicht um die Juwelen aus dem Dresdner Grünen Gewölbe, aber um etwas, das mindestens genauso leicht zu mopsen ist – eine Melodie.
Im Fall Ed Sheeran sind es die Erben/Erbinnen des Songwriters Ed Townsend, die sich bei Sheerans Hit Thinking Out Loud offenbar an den von Townsend mitverfassten Hit Let’s Get It On des legendären Soulsängers Marvin Gaye erinnert fühlten. Textlich sind beides Liebeslieder – oder, seien wir ehrlich: Es sind Sexlieder –, und ja, die Ähnlichkeit ist auch musikalisch schwer zu leugnen.
Etwas frommer geht es im Fall Katy Perry zu. Hier ist es der christliche Rapper Flame, welcher der US-Sängerin vorwarf, eine Melodie aus seinem Joyful Noise in ihrem Song Dark Horse kopiert zu haben. Tatsächlich klingt das zentrale Songelement in beiden Liedern recht ähnlich, die Intervalle unterscheiden sich minimal.
Das könnte ein Zufall sein. Aber es wäre ein Zufall mit System. Ein Popsong wird sehr oft nur dann ein erfolgreicher Popsong, wenn er schon nach dem ersten Hören wiedererkennbar ist, dank einer einprägsamen Melodie oder eines speziellen Rhythmus. Rein musiktheoretisch betrachtet ist das auf unzählige, vielleicht sogar unendlich viele Arten und Weisen zu erreichen. Aber mit der Popmusik ist es wie mit den Linken: Es gibt die Theorie und es gibt die Praxis, und was theoretisch in vielen dicken Büchern steht, will in der Praxis keiner lesen – oder hören. Mit hundert Bänden von Marx bis Adorno ließe sich eine Welt verstehen, aber leichter hängen bleibt eben „Respekt für dich“ oder irgendein anderer Slogan, der klingt, als wäre er auf einer Schultoilette entworfen worden.
Dutzende Hits mit denselben vier Akkorden
Also lieber Ed Sheeran statt Freejazz: Durchschnittliche westliche Ohren springen nur auf einige wenige Akkordfolgen und Songstrukturen an. Folgt ein Song dem bekannten Strophe-Refrain-Schema, bedient er sich einer einfachen 1-4-5-Akkordfolge, und bewegt er sich irgendwo im Bereich zwischen 80 und 150 Beats pro Minute (die Meinungen gehen hier auseinander, aber eben nicht allzu weit), dann hat er das Potenzial, wiedererkannt zu werden.
In naher Zukunft dürfte es ein Leichtes sein, mit der Komposition eines solchen Popsongs eine KI zu beauftragen, das lässt die aktuellen Plagiatsdiskussionen ein wenig lächerlich wirken. Die Formel ist öfter dieselbe, als man denkt: Vielleicht kennen Sie eines dieser Youtube-Videos, in denen jemand Dutzende Hits als Medley spielt, immer mit denselben vier Akkorden – als Gag ist diese Idee durch das australische Comedy-Trio Axis of Awesome berühmt geworden. Der Trick funktioniert, nicht weil es immer die exakt selben vier Akkorde wären, die in all diesen Songs verwendet wurden, sondern weil sie im immer gleichen Verhältnis zueinander stehen. Das weiß jeder Songwriter, und das macht es so schwierig, Plagiate in der Popmusik nachzuweisen.
Aus genau diesem Grund haben solche Urheberrechtsklagen in der Regel keinen Erfolg. Auch Ed Sheeran und Katy Perry wurden – teils unter Zuhilfenahme forensischer Musikgutachten (ja, das gibt es) – vom Vorwurf freigesprochen. So wird es auch beim diesjährigen ESC-Gewinnersong laufen, sollte es zur Klage kommen. Tattoo von Loreen soll klingen wie ein Hit von Adele, oder von Abba. Stimmt alles ein wenig, aber ein Verbrechen ist es nicht.
Und das ist auch gut so. Wäre die 1-4-5-Akkordfolge urheberrechtlich geschützt, könnten Hunderttausende angehende Musiker*innen ihre Instrumente ins Feuer werfen. Dann gäbe es weniger gleichlautenden Pop und vielleicht mehr Komplexes, Experimentelles. Das müsste erst mal jemand wollen.
Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.