Hirschberg: "Revolverheld" sorgt für Glücksgefühle (Update)
Von Marco Partner
Hirschberg-Leutershausen. "Das kann uns keiner nehmen": Melodische Gitarrenriffs, zarte Keyboardklänge, mitreißende Rhythmen. Live. Laut. Lockdownvertreibend. Mit "Revolverheld" tritt am Freitagabend eine große Portion Normalität zurück auf die Bühne. Dem Konzert-Alltag lange entrückt, werden beim Open-Air-Auftritt im Leutershausener Sportzentrum rund 1200 Besucher entzückt. "Wir können es immer noch fühlen, und wir tanzen wie beim ersten Mal, und wie’s aussieht, ist doch ganz egal", singen die Jungs aus dem hohen Norden. Und das Publikum setzt das Aufleben alter Konzertrituale mit Jubel, Applaus, Zugabe-Rufen und kleinen Tanzeinlagen gerne in die Tat um.
HD, HP, aber auch MA, LU und sogar Gäste aus Hanau: Die Autokennzeichen auf dem Parkplatz sind ein bunter Mix durch die Region. Auch die Beweggründe der Konzertgänger sind von unterschiedlicher Natur. Julia aus Schwetzingen und ihr Mann warteten im Grunde schon seit einem Jahr auf den Gig. "Es ist ein Nachholtermin, wir wollten eigentlich schon 2020 zu Revolverheld. Der Song ‚Ich lass für dich das Licht an‘ ist unser Liebeslied", verrät sie. Für Kathrin aus Mannheim hingegen musste es nicht unbedingt die deutsche Pop-Rock-Band sein: "Ich habe mich in der Region umgesehen, was am Wochenende so ansteht, und erst heute spontan gebucht."
Doch kommt nach so einer langen Phase der Kultur-Entwöhnung wirklich Stimmung auf? Springt trotz kleiner Feier-Einschränkungen wie einer festen Liegebestuhlung und Abstandsregeln der Funke über? Ja! Und zwar von der ersten Sekunde an, muss man beim Auftritt von Revolverheld sagen. Das liegt zum einen daran, dass die 2002 in Hamburg (damals noch unter dem Namen "Manga") gegründete Band schon wieder etwas warmgespielt ist. Nach dem Auftakt in Wiesbaden vor drei Wochen und zwei Konzerten in Berlin und Hannover ist Leutershausen die vierte Station.
Gleich vom Start weg werden die Fans zum Aufstehen animiert, und manche wollen sich gar nicht mehr in ihre Liegestühle fallen lassen. Vielleicht liegt es auch an den Liedern selbst, die ob der Corona-Pandemie ganz neu interpretiert werden können. "Alte Freunde wiedertreffen, nach all den Jahr’n. Wir hab’n alle viel erlebt und sind immer noch da", heißt es da. Oder: "Das erste Konzert, das erste tanzende Herz". Auch bei Songs wie "Halt dich an mir fest", "Distanz" oder "Sommer in Schweden" kommen die Refrains wie aus der Pistole geschossen.
Zwischen den Liedern gibt es ebenfalls ein Wortfeuerwerk. Die Gitarrenrocker sind ordentlich zum Schnackeln aufgelegt. Als hätten sie ein ganzes Jahr quatschen aufzuholen, wird in Kneipen-Manier von den Hinterlassenschaften ihres Vorabend-Konzert-Spezis Johannes Oerding ("Ist da noch sein Gebiss im Glas?") spekuliert bis nachträglich zu Kreisliga-Erfolgen des Fußballvereins Leutershausen gratuliert, auf dessen "heiligen Rasen" sie spielen dürfen.
"Ich habe mich seit der A-Jugendmeisterschaft des FV 1922 nicht mehr so glücklich gefühlt", verbreitet Sänger Johannes Strate mit seinem nordischen Humor auch abseits der Lieder viel liebenswürdigen Nonsens, studiert die Taktiktafel der Leutershausen-Kicker ("Gibt es wirklich einen Dan Danillo? Und wenn ja, ist der noch zu heiraten?"), während Schlagzeuger Jakob Sinn ("Der Manuel Neuer in unserem Team. Sitzt hinten und baut das Spiel auf") mal eben für ein Gläschen Wein verschwindet. Balsam für die Seele und das eingestaubte Zwerchfell. "Das geht raus an alle Spinner, denn wir sind die Gewinner", folgt prompt als nächstes Lied. Und vielleicht täuscht der Eindruck, aber letztlich werden an diesem Abend deutlich weniger Smartphones auf die Bühne gerichtet als in Vor-Corona-Zeiten. Die Besucher sind zwar auf sicherer Distanz zur Band und zu ihren Sitz- oder Stehnachbarn, dafür aber ganz im Moment versunken, ganz nah am Carpe Diem. "Leb doch einfach im Jetzt!", singen die Revolverhelden folgerichtig – und die treuen Fans stimmen mit ein.
"Es tut so gut, echte Menschen zu sehen. Ihr seht glücklich aus", freut sich Frontmann Strate, und durchlebt mit dem Publikum in 90 Minuten nicht nur emotionale Wechselbäder zwischen Melancholie und Euphorie, sondern auch Sonne, Regen, dunkle Wolken und einen zarten Sonnenuntergang. "Wir sitzen hier, verschüttet im Regen, und träumen vom Sommer in Hirschberg", werden die Lied-Zeilen immer mal wieder angepasst.
"Ich lass für dich das Licht an": das Liebeslied von Julia kommt erst als dritte Zugabe. Da sind die meisten Zuschauer bereits in Regencapes zusammengekuschelt, mit Endorphinen und ein paar Wassertropfen in den Gliedern. Auch der Revolverheld-Sänger genießt ein Bad in der Menge. Einmal kurz durchs Publikum rennen, das muss im Sportzentrum- einfach drin sein.
Update: Sonntag, 11. Juli 2021, 20.02 Uhr