Weckruf für die Pferdemädchen
Ein offener Brief
Liebe Pferdemädchen (die Ihr Euch selber so bezeichnet),
als sich Eure Szene entwickelte, habe ich das mit großer Neugier und Sympathie verfolgt: Euer ungebremster Wille eine andere Basis zum Pferd zu finden, als das sture Dominanzgehabe oder das verstaubte Reitlehrer-Gehabe, war erfrischend.
Selbstbewusst habt Ihr Euren Weg eingeschlagen, ungeachtet jeder Erfahrung und jeden Wissens – denn das wollt Ihr alles selber erlernen. Das Vertrauen Eures Pferdes ist das Wichtigste für Euch. Wer das hat, für den ist alles möglich. Dann könnt Ihr all Eure Träume verwirklichen, jedes Ziel ist erreichbar – wenn Ihr es nur wollt.
Abenteuerlustig, Mut, Leichtigkeit und Wildheit sind nur einige der Begriffe, mit denen Ihr Euch darstellt. In Social Media veröffentlicht Ihr fast täglich perfekte Bilder, angefertigt von einem professionellen Medientross: Oft ohne Sattel und Zaumzeug, immer mit einem strahlenden Lachen und manchmal dazu noch die Arme weit ausgebereitet.
Doch irgendwann ist Euch zwischen dem vielen Feenstaub und dem Einhornglitter etwas verloren gegangen: das Verantwortungsgefühl. Für Eure Pferde und für Eure hunderttausende Follower.
Ihr lasst Eure Fans glauben, dass das, was Ihr macht „normal“ ist und jeder erreichen kann, der es nur fest genug möchte. Und das Vertrauen seines Pferdes hat. Keine Rede davon, dass dem eine sorgfältige, langwierige und verantwortungsvolle Ausbildung vorausgehen sollte. Jedes Mädchen, das mit dieser Illusion von Euch frei über eine Wiese galoppiert, stürzt und sich verletzt ist eines zu viel!
Liebe Abenteuerin (so nennst Du dich selber),
Du ahnst wohl schon, dass Dein Horrorunfall – an dem Du nicht schuld bist – mit deinem vierjährigen Pferd und dessen Tod der Anlass für diesen Brief ist. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du dieses Drama verarbeiten kannst und wieder zu Deinem fröhlichen Lachen zurückfindest. Ich möchte Dir trotzdem eine Frage stellen. Das Pferd war seit Februar bei Dir und Du hast mit seiner Ausbildung begonnen. Im Mai hast Du über ihn geschrieben, dass er noch wenig Erfahrung unter dem Reiter hat. Keine vier Wochen später nimmst Du ihn mit zu einem fünftägigen Alpen-Wanderritt. Selbst erfahrene Wanderreiter haben vor solch einer Tour höchsten Respekt. War das eine verantwortungsvolle Entscheidung von Dir?
Liebe Pferdemädchen,
Foto: Tessa Zimmer/pixelio.de
ich weiß, dass Ihr jetzt wütend auf mich seit, weil ich diese Frage stelle. Schließlich leidet die Besitzerin des toten Pferdes genug unter dem was passiert ist. Ich stelle diese Frage, weil sie jedem sofort in den Sinn kommt, wenn er mehr Erfahrung mit Pferden hat. Und: Seid Ihr Euch wirklich sicher, dass Ihr Eure Selbstverwirklichung nicht auf dem Rücken Eurer Pferde austragt? Sie mit einer Erwartung und Rolle verseht, die die Tiere gar nicht ausfüllen können – weil Ihr sie damit schlicht überfordert?
Das Vertrauen Eurer Pferde verdient Ihr dann, wenn Ihr verantwortungsvoll damit umgeht.
Bitte habt weiter Spaß mit Euren Pferden! Aber übernehmt dann bitte auch die ganze Verantwortung dafür.
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