Walldürn: Sänger starten wieder
Walldürn. (jasch) Zur Einstimmung wählte Michael Wüst (kleines Foto) die Sommerkanons. Das Kramen nach den Noten begann unmittelbar. "Noten haben wir beinahe inflationär – mehr wie Sänger", bemerkte der Chorleiter des Männergesangvereins "Frohsinn" bei der ersten Chorprobe seit Oktober nicht ohne Wehmut. Gemeinsam wurde wieder gelacht, Altbekanntes sowie Neues angestimmt, sich wieder an Tonhöhen und Textzeilen erinnert. "Die Stimme muss noch geölt werden", hörte man scherzhaft sagen. Die wohltuende Kraft des Singens stellte sich dennoch bald ein. Circa 15 Mitglieder hatten sich für die Freiluftprobe auf dem Gelände hinter der Auerberg-Werkrealschule eingefunden – eine mutmachende Zahl angesichts der langen Corona-Zwangspause.
Zwischen den Liedern blieb Zeit für den ein oder anderen Gedankenaustausch: "Kennt ihr das Phänomen, dass man sich so sehr in die eigenen vier Wände zurückgezogen hat und dabei ganz viel entdeckt, was man daheim erledigen oder verändern könnte?", fragt Chorleiter Michael Wüst. "Man gewöhnt sich daran, nicht in die Probe zu kommen", antwortet Helmut Stark-Nothhelfer und fügt an: "Es geht auch ohne." Das schlage auf die Chorleiter durch, ergänzt Michael Wüst. Er wisse von zwei Vereinen, die ihre Chorleiter verloren haben – für ihn eine bedauernswerte Entwicklung. Man solle stattdessen lieber das Ziel haben, gemeinsam aus der Pandemie zu gehen, so dass man wenigstens wieder einmal proben könne. Eine Sängerin warf ein, während der Pandemie kaum gesungen zu haben. Man komme eben auch aus der Übung, traue sich zu wenig zu.
Die Zurückhaltung der Chormitglieder war nach der Corona-Zeit offensichtlich. Der Vorsitzende Helmut Stark-Nothhelfer geht fest davon aus, dass eine Handvoll Mitglieder nicht wieder komme. Das seien vorwiegend die älteren Sänger, für die Corona nun der passende Anlass war, um endgültig aufzuhören. Insgesamt besteht der Walldürner Männergesangverein, der mittlerweile als gemischte Gruppe probt und auftritt, aus 35 Sängern. Die Gründe für den Mitgliederrückgang seien vielfältig.
Jüngere Menschen hätten ein großes Freizeitbewusstsein. Die Bereitschaft, sich regelmäßig Proben, Auftritten und gesellschaftlichen Verpflichtungen zu widmen, sei weniger vorhanden, vermutet Wüst. Projekte aufzubauen, werde ebenfalls immer schwieriger. "Dabei weiß man eigentlich längst, dass gerade in Musik und Sport wichtige Fähigkeiten für das Leben und den Beruf erlernt werden, die den Horizont erweitern."
Doch das Handtuch in den Ring werfen will Wüst deshalb nicht. Mit einem durchmischten Angebot an Literatur gelinge es vielleicht, wieder junge Leute für sich zu gewinnen: "Mein Idealbild wäre, dass man es schafft, aus allen Zeiten bis in die Moderne die ganze Bandbreite an Musikstilen abzubilden." Die Chöre hätten es allerdings überwiegend verpasst, sich strukturell zu verändern, meint Wüst, der den Walldürner Männergesangverein seit 20 Jahren leitet.
Aktuell müssten jedoch kurzfristige Probleme gelöst werden wie die Suche nach einem Proberaum. Man wolle weiterhin im Freien üben. Das sei gut fürs Gemüt, so der Vorsitzende. Auf längere Sicht ruhten die Hoffnungen aber wie zuletzt auf dem katholischen Pfarrraum St. Marien.
Die Abstands- und Hygieneregeln würden den Wiedereinstieg zusätzlich erschweren: "Das ist ja keine zufriedenstellende Probensituation. Man versucht, den Chor auf Kurs zu bringen, aber mit dem Abstand ist es schwer, etwas Neues einzuüben. Es wäre eigentlich wichtig, dass Sänger, die Jahrzehnte beieinander standen, sich auch weiterhin auf die Stimme ihres Gesangspartners verlassen können", erklärt Wüst. So singe man eher für sich alleine, das sei gewöhnungsbedürftig. Wüst und Stark-Nothhelfer zeigen sich dennoch hoffnungsvoll: "Die Perspektiven, der Ansporn und die Motivation kommen jetzt erst wieder."