Region Heidelberg: Der Hirschkäfer ist unterwegs
Von Benjamin Miltner
Region Heidelberg. Und plötzlich beginnt am Abend das Brummen. Der Hirschkäfer wärmt und pumpt sich auf, verlässt sein Baumversteck, klappt die harten Deck- und dann die zarten Hautflügel aus – und dann hebt er ab. Es ist ein erhabenes Erlebnis, eine besondere Flugshow, die größte heimische Käferart in Aktion zu erleben. "Gerade die Männchen fliegen nicht waagrecht, sondern diagonal, manchmal sogar senkrecht", beschreibt Christiane Kranz. Die Diplom-Biologin und Geschäftsführerin des Nabu-Bezirksverbands Rhein-Neckar-Odenwald weiß: "Die Käfer können so das Gewicht ihres Geweihs ausgleichen und sehen dabei aus wie eine fliegende Schrankwand", schildert die Leimenerin ihre Eindrücke.
Der Hirschkäfer gilt in der Roten Liste in Deutschland als stark gefährdet, in Baden-Württemberg als gefährdet – und er hat gerade Flugzeit. Das beweisen die zahlreichen Fotos der RNZ-Leser, die in den vergangenen Tagen und Wochen in der Redaktion eingegangen sind. Etwa von Eva Kohlmann, die ein Prachtexemplar im Leimener Wald gesichtet hat. Reinhard Siebert ist das Riesen-Insekt beim Gassigehen in Dossenheim begegnet und Helmut Katz hat in Eppelheim ein Weibchen gesichtet. Ist es also ein besonders gutes Jahr für den Hirschkäfer und eine Sichtung?
Das kann Biologin Kranz nicht unterschreiben. Die vergangenen Monate seien für die Jahreszeit relativ nasskalt gewesen. Hirschkäfer seien wie alle Insekten Wärmesucher und bräuchten für einen richtigen Schwärmabend optimal laues Sommerwetter. "Der Hirschkäfer ist ein Sympathieträger, den dank seiner imposanten Art auch viele Menschen erkennen, die nicht viel mit der Natur zu tun haben", erklärt die 50-Jährige. Sie persönlich kennt in Leimen nahe der katholischen Kirche zwei Stellen, wo die Hirschkäfer regelmäßig schlüpfen. "Das war auch dieses Jahr so, aber nicht in außergewöhnlicher Anzahl", deutet sie eher auf eine konstante Entwicklung hin.
Diese Einschätzung bestätigt Biologe und Geologe Dr. Detlef Mader. Der Walldorfer ist ein wahrer Hirschkäfer-Experte, beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit ihrer Population in der hiesigen Region und hat dazu mehrere wissenschaftliche Studien und Artikel veröffentlicht. Der Hirschkäfer wird im Gebiet um Heidelberg und Mannheim von etwa 150 Beobachtern an rund 75 Orten regelmäßig jährlich gesichtet. "Die Stabilität der Populationen über mehr als ein halbes Jahrhundert bestätigen den jährlichen Erfolg der Fortpflanzung", ist das Fazit des 67-Jährigen. "Ich sehe den Hirschkäfer wenig gefährdet."
Sein Vorteil: Die Larven entwickeln sich meist in rund ein bis zwei Meter Tiefe unter der Oberfläche. Damit sind sie gut geschützt vor langen Dauerfrostperioden mit zweistelligen Minusgraden wie im Winter 2012 oder zuletzt im Februar 2021 – anders als Insekten, deren Eier oberirdisch überwintern. Die ausreichende Entfernung der Larven von der oberflächlichen Dauerfrostschicht habe eine normale Entwicklung der Populationsstärke des Hirschkäfers in Frühling und Sommer ermöglicht, erklärt Experte Mader.
So ist das Tierchen in der Abenddämmerung am Waldrand bei Pendel- und Rundflügen zu sehen – und dank des durchdringenden lauten Brummens auch zu hören. Vor allem scheinbar in Nußloch, wo etwa Johannes Brechtel, Frank Hammerstein und Hagen Schmid Fotobeweise ihrer Sichtungen lieferten, Letzterer sogar von einem Pärchen. "Der Baumartenreichtum des Nußlocher Gemeindewalds mit deren Eichen ermöglicht es, die stark gefährdeten Hirschkäfer auch im Ortsetter zu beobachten", meint Günter Rückemann von der gleichnamigen Gärtnerei. Er schwärmt vom Flugstart des Käfers als "wahres Schauspiel" und "schönes Naturerlebnis".
Neben alten Eichen fühlen sich die Eier und Larven entgegen landläufiger Meinungen auch in abgestorbenen Obstbaumstämmen wohl, sagt Christiane Kranz. Der Nabu habe Pläne für den Bau mehrerer Hirschkäfermeiler in der Region; es könne aber auch jeder Gartenbesitzer durch das Stehenlassen von Baumstümpfen einen Beitrag leisten (siehe auch Hintergrund), Experte Mader hat einen ganzen Maßnahmenkatalog entwickelt. Eine Schutzhandlung hat Sabine Maronna im Sandhäuser Hardtwald angewandt, als sie dort "einen prächtigen männlichen Hirschkäfer auf dem Rücken liegend entdeckte. "Ich nahm ihn und entließ ihn wieder in die Natur – ein Foto musste aber noch sein."