Eingemeindung: Seit genau 50 Jahren gehört Bockschaft zu Kirchardt
Von Ines Schmiedl
Kirchardt-Bockschaft. Heute vor genau 50 Jahren wurde durch Unterschriften der Bürgermeister und des Landrats die Angliederung von Bockschaft an Kirchardt besiegelt. Aus der mit seinen 110 Einwohnern damals kleinsten Gemeinde des Altlandkreises Sinsheim wurde ein Ortsteil, der inzwischen gut 430 Einwohner zählt und als beliebter Wohnort gilt.
Den Ortsmittelpunkt bildet neben dem Bockshof der Gasthof Ratskeller. Ein Fest gibt es weder für die Bockschafter noch für die Berwanger, die im September ihr 50-jähriges Bestehen in der Gemeinde Kirchardt feiern dürften. "Eine Feierstunde ohne Bürger wollten wir nicht und nur vor wenigen geladenen Gästen, das macht keinen Sinn", begründet Bürgermeister Gerd Kreiter.
Es gab für Bockschaft vor fünf Jahrzehnten keine große Diskussion darüber, wem sie sich angliedern wollen, berichtet Kreiter. Die beiden Kommunen hatten schon vorher gemeinsame Arbeiten erledigt, etwa bei der Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung, bei Kindergarten, Grund- und Hauptschule und dem Grundbuchamt. Einen gemeinsamen Schuttplatz gab es ebenso wie die Eber-Haltung, die damals noch eine wichtige Angelegenheit im Gemeindeleben war. Einen gemeindeeigenen Stall hatte der Gemeinschaftseber allerdings nicht: Er wurde bei einem der Landwirte untergebracht.
Seinerzeit gab es neben dem Gutshof fünf Landwirte, übrig geblieben sind noch die beiden Familien Rudy und Schechter, die im Haupterwerb landwirtschaftliche Betriebe leiten. Über die Zukunft des Gutshofs ist derzeit nicht viel bekannt; der Pachtvertrag mit dem Agrar-Großunternehmen Südzucker ist zum Jahreswechsel ausgelaufen. Auf den Bockshof geht wohl auch der Ursprung des Ortes zurück.
Bockschaft wurde übrigens erstmals am 17. Juni 829 im Lorscher Kodex erwähnt und kann in wenigen Jahren sein 1200-jähriges Bestehen feiern. Bis zum Übergang an Baden Anfang des 19. Jahrhunderts gehörte der Ort verschiedenen Adelsgeschlechtern.
Seit gut 300 Jahren gehört der Bockshof dem "Kraichgauer Adeligen Damenstift". Michael von Gemmingen, der stellvertretende Vorsitzende des Familienrats der Stiftung, hat mitgeteilt, dass die öffentlich-rechtliche Stiftung die Immobilie samt Liegenschaften künftig für den eigenen Ackerbau nutzen möchte. Ob es dort in Zukunft noch die beliebten Feste wie das Dorffest, den Budenzauber oder das Schleppertreffen in der bisherigen Form geben wird, bleibt offen. Bisher stand zumindest beim alle zwei Jahre stattfindenden Dorffest und beim Budenzauber der alte Gutshof im Mittelpunkt, der zugleich ein heimeliges Ambiente geboten hat.
Seit 50 Jahren gehört Bockschaft nun zu Kirchardt. Im Eingliederungsvertrag wurde dem Ort eine Aussegnungshalle, die Verdolung des Hasenackergrabens, der Ausbau von Feldwegen und Straßen, ein Kleinsportplatz und die Erschließung des Baugebiets "Fuchsloch" zugesichert. All das wurde innerhalb von zehn Jahren auch umgesetzt. Im Baugebiet "Fuchsloch" werden gerade neue Einfamilienhäuser im vierten Erweiterungsabschnitt bezogen.
Vier Ortschaftsräte haben die Bockschafter, die aus ihren Reihen gewählt werden. Ein fester Sitz im Kirchardter Gemeinderat ist ihnen sicher – seit zwölf Jahren engagiert sich Eduard Steigerwald im Gremium. Ortsvorsteher Christoph Rickert tagt mehrmals im Jahr mit seinen Ortschaftsratsmitgliedern Karin Rudy, Monika Voeltz und Artur Zweigart. Dabei sind die Versammlungen immer gut von Bürgern besucht – zumindest vor Corona war das so. Der Tagungsort befindet sich im Obergeschoss des Ratskellers, dem Vereinszimmer, das zu anderen Zeiten auch von der Gymnastikgruppe genutzt wird.
Zwei Vereine gibt es im Ortsteil: Der 1. FC Bockschaft wurde 1965 gegründet. Zunächst ging es nur um Fußball, inzwischen stehe das FC für Familienclub, sagen die Ortschaftsräte mit einem Augenzwinkern. Der FC veranstaltet seinen "Bocksenstopp" immer am 1. Mai und alle zwei Jahre einen Glühweintreff im Advent im alten Ortskern. Das Schlepperteam veranstaltet alle zwei Jahre an Pfingsten seinen beliebten Schleppertreff auf den Wiesen neben dem Bockshof. Im Vorjahr war Pause wegen Corona, in diesem Jahr wäre ohnehin das Dorffest an der Reihe gewesen, das ebenso wie der letzte Budenzauber und die "Bocksenstopp"-Bewirtungen Pandemie-bedingt ausgefallen sind.
Der wichtigste Treffpunkt im Ort ist der Ratskeller, den die Gemeinde in den vergangenen zehn Jahren renovieren und sanieren ließ. In dem historischen Gebäude waren vor 50 Jahren gleich mehrere Institutionen ansässig: der Bürgermeister samt Ortsverwaltung, die Bücherei und die Grund- und Hauptschule, bei der in einem Klassenzimmer Schüler der 1. bis zur 8. Klasse unterrichtet wurden. Auch der Lehrer hatte im Haus seine Wohnung, erinnert sich Ortschaftsrat Artur Zweigart, der hier noch die 1. Klasse absolviert hat. Auch ein kleines Geschäft gab es im Flecken: "Kuhne Emma" genannt, weil es Emma Kuhn gehört hat. Hier wurden bis etwa 1980 Versicherungen verkauft, aber auch Eis, Schokoriegel oder andere Kleinigkeiten. Auf der anderen Seite befand sich der damalige "Ratskeller" mit Plumpsklo, der ebenfalls schon lange Geschichte ist.
Wie man Bockschafter wird, darauf hat Gemeinderat Eduard Steigerwald folgende Antwort: "Frühestens nach 20 Jahren, wurde mir von alten Bockschaftern gesagt", berichtet der gebürtige Franke, der den Gutshof viele Jahre als Verwalter geleitet hat. Früher gab es klare Hierarchien im Ort – etwa beim Stammtisch am Freitagabend im Ratskeller, erinnert sich Karin Rudy: "Da durfte man sich nicht so einfach dazusetzen. Inzwischen ist es etwas lockerer."
Einen Nicknamen haben die Bockschafter auch: Entensee-Matrosen. Doch der Ententeich ist schon lange zugeschüttet, inzwischen steht dort eine Halle. Da der Ort keine Kirche hat, traf man sich in alten Zeiten am Karfreitag in Bockschaft zum Schnitzel-Essen, denn hier habe es die einzige Wirtschaft im Umkreis gegeben, die an dem hohen kirchlichen Feiertag geöffnet hatte und überdies noch Fleisch servierte.