Mosbach: DLRG kann riesige Anfrage an Schwimmkursen nicht abdecken
Von Noemi Girgla
Mosbach. Ursprünglich hatte Jessica Uhlrich ihren Sohn Emil schon im November in einer Schwimmschule angemeldet. "Seine große Schwester kann schon schwimmen und er möchte keine Flügel mehr tragen – also muss er richtig schwimmen lernen", erzählt sie. Dann kam der zweite Lockdown und Emils Schwimmunterricht musste ausfallen.
So erging es zahlreichen Familien mit kleinen Kindern, die langsam ins Schwimmer-Alter kommen. "Seit März 2020 konnten wir keine Schwimmkurse mehr anbieten", bedauert Dr. Lothar Hassling, Vorsitzender der DLRG-Ortsgruppe Mosbach. "Für den Herbst hatten wir eigentlich schon ein Konzept erarbeitet – aber dann kam die zweite Welle." Nun war es so weit. Am vergangenen Montag konnte die DLRG-Ortsgruppe Mosbach endlich den Schwimmunterricht wieder aufnehmen. "Aktuell bieten wir drei Kurse für je zehn Kinder mit zehn Unterrichtseinheiten à 35 Minuten an. Diese 30 Plätze waren innerhalb von 24 Stunden ausgebucht", berichtet Hasslings Stellvertreter Jakob Schlegel. Seither habe es noch einmal etwa 35 Anfragen gegeben.
"Der Bedarf ist höher als wir ihn durch unsere ehrenamtliche Arbeit abdecken könnten", meint Carsten Pfeiffer, der für die Verbandskommunikation zuständig ist. Pro Jahr gebe es um die 70 Anfragen. Auf der Warteliste des vergangenen Jahres hätten sogar mehr als 120 Kinder gestanden. Momentan nimmt die DLRG-Ortsgruppe Mosbach aber nur Kinder ab sechs Jahren an. "Eineinhalb Jahre konnte kein Unterricht stattfinden, nun bringen wir erst einmal den älteren Kindern das Schwimmen bei. Denn je älter sie werden, desto größere Ängste entwickeln sie vor dem Wasser, wenn sie nicht schwimmen können", erläutert Hassling. "Jetzt ist es wichtig, so viele Kinder wie möglich durch die Kurse zu bekommen. Dabei bleibt aber natürlich unser Anspruch bestehen, dass sie danach auch vernünftig schwimmen können", führt der Vorsitzende aus. Dankbar ist er den Stadtwerken Mosbach, die sich bei der Planung der DLRG-Kurse "sehr kooperativ" gezeigt haben.
Mit Sorge beobachtet Carsten Pfeiffer, dass die Schwimmfähigkeit auch bei Erwachsenen und Jugendlichen immer weiter abnimmt. Gehäuft komme es zu Badeunfällen. "Daher ist die Prävention, der Schwimmunterricht, so wichtig. Der DLRG ist es eine Herzensangelegenheit, die Sicherheit im Wasser zu gewährleisten. Wir sind zwar ein Rettungsorgan, aber froh, wenn wir niemanden aus dem Wasser holen müssen", sagt er.
Dieser Meinung ist auch Josef Kretz. Seit etwa zehn Jahren beteiligt er sich ehrenamtlich an der Schwimmausbildung von Kindern. "Der Bedarf ist da. Den Eltern ist es wichtig, dass ihre Kinder frühzeitig schwimmen lernen. Das perfekte Alter dafür ist zwischen fünf und sechs Jahren", ist seine Meinung.
Wenn die Kinder die ersten Grundlagen haben, und einige Meter selbstständig im Wasser zurücklegen können, könnten die Eltern auf diesem Fundament aufbauen. Wichtig sei aber, dass sie nicht leichtsinnig werden, nur weil das Kind schon einen Schwimmkurs absolviert hat. Die Kinder müssten im Wasser ständig im Auge behalten werden, stellt Carsten Pfeiffer klar. Aus Gesprächen mit "den Damen, die das Schwimmtraining schon jahrzehntelang betreuen" weiß er: Die Anfrage nach den Kursen ist in den letzten Jahren massiv gestiegen. "Den Eltern ist es wichtig, dass die Kinder die Methodik von Anfang an richtig lernen", schätzt er diese Entwicklung ein.
Das bestätigen mehrere Mütter, die ihre Kinder zum ersten Schwimmtraining bringen: "Wir haben zwar schon geübt, aber es hat noch nicht ganz geklappt. Jetzt müssen die Profis ran, damit die Technik richtig erlernt wird. Danach üben wir weiter", berichtet Ellena Balles. So gut wie keine Vorkenntnisse hat der sechsjährige Christian. "Er ist etwas wasserscheu, da er bislang nur wenig Wasserkontakt hatte, will aber selbst schwimmen lernen. Wir waren dieses Jahr zwar schon einige Male im Freibad, aber heute ist er zum ersten Mal ohne mich im Becken", erzählt seine Mutter Ilona Neugebauer. Die Profis sollen ihm nun die Angst nehmen. Mit einem Schmunzeln fügt Neugebauer noch hinzu: "Wenn Mama etwas erklärt, ist es etwas anderes, als wenn ein Außenstehender was sagt." Und Jessica Uhlrich fügt hinzu: "Von Fremden lernt man es einfach besser, das können Eltern so nicht vermitteln."
Pfeiffer spricht noch weitere Aspekte an: "Eventuell fehlt einigen Eltern auch einfach die Schwimmpraxis. Immer mehr Bäder werden geschlossen. Dagegen hat die DLRG bereits eine Petition gestartet. Außerdem wird heute eher im Wasser geplanscht, als dass jemand wirklich Bahnen schwimmt. Das Schwimmen wird nur noch selten als Sport wahrgenommen und wenn, dann steckt oft ein Wettkampfgedanke dahinter." Kritisch sieht er auch, dass in den Schulen immer weniger Schwimmunterricht angeboten wird.
Inzwischen sind Emil, Christian und acht weitere Kinder im Wasser – inklusive Schwimmbrettern, Poolnudeln und fünf Ausbildern. Weitere DLRG’ler stehen am Beckenrand und überwachen die ersten Schwimmversuche, drei kümmern sich um die Organisation der Gruppen. Immer wieder gehen kritische Blicke gen Himmel. Denn wenn es donnert, müssen alle raus aus dem Wasser. Schlegel erläutert: "Wenn ein Kurs wetter- oder pandemiebedingt ausfallen muss, können wir derzeit keinen Ersatztermin anbieten. Sollten mehrere Termine ausfallen, bemühen wir uns um eine angemessene Lösung."
Coronabedingt können die Kinder die Gruppen derzeit nicht wechseln, mehr als zehn Unterrichtseinheiten pro Kind nicht angeboten werden. Das Ziel ist dennoch klar: Am Ende des Kurses soll jeder 25 Meter schwimmen, vom Beckenrand springen und einen Ring aus schultertiefem Wasser ertauchen können – dann bekommen die Kinder ihr "Seepferdchen".