Heidelberg: Der große Ansturm aufs Tierheim blieb aus
Von Helen Moayer Toroghy
Heidelberg. Wer zum Tierheim in der Speyerer Schnauz will, wird beim Ankommen sofort mit Gebell begrüßt, erst dann von Tierpflegerin Marita Bohrer. Das Telefon schellt. Kurz darauf klinget es und eine Katzenfutterspende wird gebracht. Zehn Minuten später kommt die nächste Lieferung an, eine Bademuschel für die Hunde. "Das ist hier der Normalzustand", erklärt Marita Bohrer. Der Trubel gehört also dazu.
Eine nennenswerte Zunahme an Interessenten durch Corona bemerke sie nicht. Andere Tierheime meldeten mehr Nachfrage nach Hunden. Und auch rund um Heidelberg berichteten im Frühjahr Hundezüchter Ähnliches. "Der große Ansturm während des Lockdowns ist bei uns ausgeblieben", so Bohrer. Lediglich die Nachfrage nach Kleintieren und Katzen sei zwischendurch etwas erhöht gewesen. Das erklärt die 49-jährige Tierpflegerin auch damit, dass sie ihre Interessenten genau unter die Lupe nehme. Für das Kennenlernen wird sich hier Zeit genommen und mehrere Spaziergänge zur Probe sind Pflicht. Wenn Bohrer merkt, dass ein Tier auf Wunsch eines Kindes angeschafft wird, hakt sie nach. "Wenn der erste Satz ist: Mein Sohn oder meine Tochter will schon lange einen Hund, dann frage ich, ob sie das denn auch wollen?", so die Tierpflegerin. Letztlich seien es nämlich die Erwachsenen, die für das Tier die Verantwortung tragen.
Wie derzeit viele Tierpfleger fürchtet auch sie, dass die Entscheidung für einen Vierbeiner von vielen nicht langfristig genug durchdacht wird. Gerade bei Hunden sei das ein Problem: "Kaninchen, die zu zweit gehalten werden, verzeihen es, den Tag ohne Menschen zu verbringen. Ein Hund muss aber früh daran gewöhnt werden, wenn er allein zu Hause bleiben soll", so Bohrer. Sie befürchtet, dass mit zunehmenden Lockerungen zahlreiche Hunde Verhaltensauffälligkeiten entwickeln könnten. "Wenn ein Hund gelernt hat: Es ist immer jemand da und kümmert sich um mich, versteht er nicht, wenn sich das plötzlich ändert", sagt Bohrer. Nach der Rückkehr zum normalen Büroalltag kann es also Probleme geben. Auch ein Hund muss erst lernen, sich mal zu langweilen.
Auch unabhängig von der Pandemiesituation hätten in den vergangenen Jahren Auffälligkeiten bei Hunden zugenommen. "Früher konnte ich hier einfach alle Türen aufreißen und die Hunde sind draußen herumgetobt, während ich drinnen in Ruhe geputzt habe", erzählt Bohrer. Heute sei das anders, und mit Glück können sie sich mit zwei Hunde umgeben, die sich miteinander verstünden. "Hunde haben wie Menschen manchmal mehr, manchmal weniger Sympathie für einen Artgenossen. Umso wichtiger ist es, das Sozialverhalten der Tiere zu trainieren", so Bohrer. Und das lernt der Hund am besten, wenn er möglichst früh mit unterschiedlichen Artgenossen zusammentrifft. Bei Welpen- und Hundeschulen gehören solche Treffen meistens zur Ausbildung dazu.
Regulationen wie den Hundeführerschein, der derzeit zur Diskussion steht, begrüßt Bohrer zwar, letztlich hänge jedoch alles an der Umsetzung: "Was machen sie zum Beispiel mit einer alten Dame, die schon immer ihren kleinen Mops hält, aber körperlich nicht mehr in der Lage ist, eine Hundeprüfung zu absolvieren?", fragt Bohrer.
Das Horrorszenario vom überfüllten Tierheim nach dem Lockdown ist zum Glück nicht eingetreten: "Ich hoffe, das bleibt auch so und die Menschen haben sich gut überlegt, ein Tier anzuschaffen", sagt Bohrer. Auch jetzt warten im Tierheim zahlreiche Tiere auf ein liebevolles Zuhause. Darunter der sechs Monate alte Mischlingsrüde Djego und die getigerte Katzendame Luna. Ein Treffen zum Kennenlernen ist nach Terminvergabe möglich.