Ludwigshafen: Stadt bekommt Helmut-Kohl-Allee (Update)
Von Alexander Albrecht
Ludwigshafen. Ein Linker, Marxist, Vordenker der 68er-Bewegung – vielen CDU-Mitgliedern in Ludwigshafen sträuben sich die Nackenhaare, als der Philosophie-Professor Ernst Bloch ("Das Prinzip Hoffnung") 1970 zum Ehrenbürger der Stadt ernannt werden soll. Dann sorgt einer in der hitzigen Kontroverse für versöhnliche Töne. Bloch sei Zeit seines Lebens er selbst geblieben, sagt der Politiker im Stadtrat, und dass nun die Zeit der persönlichen Wertschätzung gekommen sei. Es ist Helmut Kohl.
Mehr als 50 Jahre später tritt CDU-Fraktionschef Peter Uebel im Stadtrat ans Rednerpult. Und auch er wirbt für einen streitbaren, nicht weniger polarisierenden großen Sohn der Chemiemetropole. Dieses Mal geht es um Kohl selbst. Eine neue Stadtstraße soll nach dem fast genau vier Jahre zuvor in Ludwigshafen gestorbenen Staatsmann erinnern. Kohls mitunter schwieriger Charakter, seine Skandale, "treten heute hinter sein überragendes Lebenswerk zurück", sagt Uebel. Die Reihen der CDU sind 2021 geschlossen. Die Fraktion hat das Vorschlagsrecht dafür, den Namen des "Kanzlers der Einheit" im Stadtbild zu verewigen.
Uebel hofft auf einen breiten Konsens im Rat – doch schon der erste Redner in der Aussprache fährt ihm in die Parade. David Guthier (SPD) erinnert an Kohls Todesjahr 2017. Damals sollte die Rheinallee laut Beschluss des Stadtrats in "Helmut-Kohl-Allee" umgetauft werden, was unter anderem am Widerstand von Anwohnern und Geschäftsleuten scheiterte. Sie fürchteten viel Bürokratie im Zuge der Adressänderung und fühlten sich in dem Prozess nicht mitgenommen.
"Wir sollten den gleichen Fehler nicht wiederholen", meint Guthier. Er schlägt einen dreistufigen Bürgerbeteiligungsprozess vor. Erst sollen Ideen gesammelt, dann in öffentlichen Podien diskutiert werden und schließlich die Ludwigshafener abstimmen.
Das sehen die meisten anderen Redner anders. Ein zentrales Argument: Die neue ebenerdige Stadtstraße, die in einigen Jahren die marode Hochstraße-Nord ersetzen wird, hat noch keinen Namen. Deshalb sei ein weiterer Eklat nicht zu erwarten. Und: In Corona-Zeiten seien digitale Beteiligungen und Abstimmungen von Bürgern technisch schwer durchführbar. Davon lässt sich schließlich auch Guthier überzeugen. Er zieht den Änderungsantrag der Genossen zurück. Am Ende stimmen 40 Stadträte für die "Helmut-Kohl-Allee", zwölf sind dagegen, zwei enthalten sich. Und Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) freut sich. Als frühere Abgeordnete des Europäischen Parlaments habe sie oft genug erlebt, welch hohes Ansehen Kohl genieße. "Vieles im europäischen Einigungsprozess wäre ohne ihn sicher nicht zustande gekommen", sagt Steinruck.
Update: Mittwoch, 16. Juni, 18:50 Uhr
Neuer Anlauf für die Helmut-Kohl-Allee
Von Wolfgang Jung und Alexander Albrecht
Ludwigshafen/Speyer/Mannheim. Fast genau vier Jahre nach dem Tod des Altkanzlers will der Ludwigshafener Stadtrat am 14. Juni entscheiden, ob eine neue Stadtstraße nach Helmut Kohl benannt wird. Die CDU-Fraktion hat für die Sitzung einen Antrag vorbereitet. "Wir sind im Gespräch mit anderen Parteien und streben eine breite Basis für den Vorschlag an. Der Konsens ist uns wichtig", sagte CDU-Fraktionschef Peter Uebel auf Anfrage.
Ein erstes Vorhaben im Oktober 2017, die Rheinallee in Helmut-Kohl-Allee umzubenennen, war gescheitert. Geschäftsleute und Anwohner protestierten wegen der daraus resultierenden Adressänderungen massiv gegen die Pläne, kleinere Fraktionen im Stadtrat fühlten sich übergangen. Auch jetzt schlagen die Christdemokraten wieder eine Helmut-Kohl-Allee vor, allerdings an anderer Stelle. Etwa 2026 wird die marode Hochstraße-Nord abgerissen und bis 2030 durch eine Stadtstraße ersetzt. Sie soll dem "Kanzler der Einheit" posthum die Ehre erweisen.
"Mit viel Wohnfläche und vielen Firmen wird es die neue Premiumstraße der Stadt", sagte Uebel. Die neue Verbindung müsse nicht umbenannt werden und verlaufe Richtung Rhein. "Der Fluss ist ein Symbol des geeinten Europas, für das sich Helmut Kohl stets eingesetzt hat."
Im Kontext von drei nahen Brücken, die nach Konrad Adenauer, Kurt Schumacher und Theodor Heuss benannt sind, würde sich eine Helmut-Kohl-Allee gut einfügen, meinte Uebel. "Das ist ein Verbund großer Staatsmänner." Der Vorschlag sei in enger Absprache mit der Witwe Maike Kohl-Richter erfolgt.
Der langjährige Regierungschef wurde am 3. April 1930 in Ludwigshafen geboren und starb am 16. Juni 2017 in seinem Bungalow im Stadtteil Oggersheim. Er ruht in einem bescheidenen Grab auf dem Friedhof des Speyerer Domkapitels am Rande des öffentlichen Parks. Wie die Begräbnisstätte eines Tages endgültig aussehen soll, ist – zumindest öffentlich – unklar.
Kohl Richter hatte 2019 die Kritik von Medien und Bürgern, die das provisorische Grab als unwürdig für einen verdienten Staatsmann erachteten, als "anmaßend" zurückgewiesen. Ein Grabtourismus hat sich nicht entwickelt, wie die Domstadt kurz nach der Beerdigung am 1. Juli 2017 befürchtet hatte.
Damals pilgerten täglich mehrere hundert Menschen auf den Friedhof, um dem CDU-Politiker die letzte Ehre zu erweisen. Seither haben die Besucherzahlen stark abgenommen. Viele Menschen gingen achtlos an der unauffälligen, von einer Videokamera überwachten Begräbnisstätte vorbei, sagte eine Stadtsprecherin.
Die erste Ehefrau des Altkanzlers, Hannelore (7. März 1933 bis 5. Juli 2001), war im Familiengrab der Kohls auf dem Friesenheimer Friedhof bestattet worden. Speyer hat seit Herbst 2018 nach vielen kontroversen Diskussionen ein "Helmut-Kohl-Ufer" als Teil der Rheinpromenade. Größere Debatten blieben in Mannheim aus, als der Gemeinderat im vergangenen Jahr mit großer Mehrheit beschloss, die Südtangente (B36) in Höhe des neuen Glückstein-Quartiers gegenüber dem Hauptbahnhof in Helmut-Kohl-Straße umzutaufen.
Die Lindenhofüberführung zur Innenstadt wird Helmut-Schmidt-Brücke heißen, wie der Rat damals ebenfalls entschied. Von Kohl ist bekannt, dass er sehr häufig privat und ohne größeres Aufsehen die Jesuitenkirche besuchte. In den Trümmern des Gotteshauses hatte er als Junge nach dem Zweiten Weltkrieg ausgeharrt, als er abends keinen Passagierschein mehr nach Ludwigshafen bekam.
An der Fassade der Kirche rechts von der Eingangstür war im Juni vergangenen Jahres eine 30 Kilogramm schwere Bronzetafel zu Ehren des Altkanzlers enthüllt worden. Sie erinnert daran, dass der Staatsmann oft die Heilige Messe in dem Gotteshaus feierte, "als glaubender Mensch wie jeder andere im Volk Gottes", wie es der katholische Dekan Karl Jung seinerzeit im Gedenkgottesdienst formulierte.