Schwetzingen: Hier entsteht ein "kleines Wunder"
Von Marion Gottlob
Schwetzingen. Franziska schaut sich den Rohbau genau an, dann sagt sie: "Ich freue mich, wenn meine Freunde und ich zusammen wohnen werden. Hier werde ich in Zukunft kochen." Mit sieben weiteren jungen Erwachsenen mit geistiger Behinderung wird die 24-Jährige in ein paar Monaten in das Haus in der Schwetzinger Schützenstraße 6 einziehen. Jetzt wurde Richtfest gefeiert.
Es ist die erste Wohngemeinschaft dieser Art für Menschen mit geistiger Behinderung in der Rhein-Neckar-Region und vielleicht in ganz Deutschland. Die Dietmar Hopp Stiftung fördert das Projekt mit 500.000 Euro. Meike Leupold von der Stiftung meint: "Ein Dankeschön an alle, die sich mit voller Kraft für dieses Modellvorhaben einsetzen. Wir freuen uns, mit unserer Förderung junge Menschen mit geistiger Behinderung auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu unterstützen."
Schwetzingens Oberbürgermeister René Pöltl ist gerührt: "Dieses Projekt ist eine Herzensangelegenheit, es ist ein kleines Wunder gelungen." Vor rund sechs Jahren hatte Gisela Wrensch vom Verein Pro Down HD das Stadtoberhaupt in der Bürgersprechstunde gefragt, ob es für die auszugswilligen jungen Erwachsenen ihres Vereins eine kommunale Wohnung oder ein Haus zur Verfügung stellen könnte – eine Unterbringung kam nicht infrage.
Pöltl war von der Initiative begeistert. In der Folge stellte er mit Einverständnis des Gemeinderats den Heidelberger Vereinen ein Haus samt Grundstück für einen symbolischen Erbpachtzins zur Verfügung. Damit begann ein Bau-Abenteuer: In der maroden Immobilie aus den 1920er-Jahren fehlten teilweise Zwischendecken zu den Stockwerken, es war nicht barrierefrei. Es kam nur ein Abriss in Frage, ein Umbau wäre zu teuer geworden.
Ganz einfach? "Eine Spezialfirma musste die Nachbarhäuser mit Beton unterspritzen und abstützen. Nur so konnten wir den Keller tiefer legen, damit der Hauseingang barrierefrei und ebenerdig sein wird", sagt Architekt Philipp Kranz vom Heidelberger Planungsbüro AAg. Der überflüssige harte Beton, der sich in Richtung des WG-Kellers verteilt hatte, musste hinterher mühsam per Hand abgetragen werden. Außerdem wurde belastetes Erdreich von vor 100 Jahren entsorgt.
Erst dann konnte mit dem eigentlichen Bau des dreistöckigen Gebäudes mit rund 520 Quadratmetern Fläche begonnen werden. Auf zwei Stockwerken werden vier WG-Wohnungen mit jeweils zwei Zimmern, Kochzeile und Bad entstehen. Auch den Schacht für den Fahrstuhl konnte man schon sehen. "Das ist ein Freudentag", jubelt Mutter Martina Ahnepohl.
Die künftigen WG-Bewohner sind gute Freunde. Inklusion und Gemeinschaftssinn werden dieses Haus füllen. So entsteht im Erdgeschoss eine Gemeinschaftsküche mit Aufenthaltsraum. Das Gebäude wird sich für Schwetzinger öffnen und zwei Räume für Treffen von Vereinen oder Initiativen zur Verfügung stellen. Die Wohngemeinschaft ist ein Projekt der Heidelberger Vereine Habito, der das Mehrgenerationenhaus in Heidelberg-Rohrbach betreibt, und von Pro Down HD, der Freizeitmöglichkeiten für junge Menschen mit Behinderungen schafft. "Wir haben bei Problemen stets in Ruhe überlegt und eine Lösung gesucht", sagt Gisela Wrensch.
Zuletzt habe man in der Corona-Krise auf Holz für den Dachstuhl warten müssen. Schließlich stellte die Dachdecker-Firma Damm einen Teil zur Verfügung. Der Einsatz von Spezial-Unternehmen und die Verzögerungen sorgten für einen Anstieg der Kosten. "Wir hatten mit 1,9 Millionen Euro gerechnet, nun sind es insgesamt 2,25 Millionen Euro", verrät Habito-Projektleiter Heiko Zillich. Trotzdem freut er sich: "Mit dem Projekt bauen wir Brücken zwischen den Menschen."
Neben der Dietmar Hopp Stiftung unterstützen die Aktion Mensch (530.000 Euro), die Daimler Pro Cent Stiftung, ABB, die Stadt Schwetzingen, die Kahane Foundation, die Kolpingsfamilie, der Lions Club und Leo-Club Schwetzingen, das Stadtmarketing, die Landfrauen und viele andere Einrichtungen das Projekt. Schüler mit Behinderungen der Ehrhart-Schott-Schule haben Spenden-Häuschen gebaut, die in Geschäften aufgestellt wurden. "Jeder Cent hilft uns weiter", sagt Wrensch.
Zimmermann Benedikt Damm ruft: "Gott segne dieses schöne Haus, gib seinen Menschen Gesundheit, Glück und frohen Mut." Nun beginnt der Innenausbau. Noch ist ungewiss, ob die Möbel für die Küche in Corona-Zeiten rechtzeitig geliefert werden können. Wenn alles gut geht, können die WG-Bewohner im Frühjahr 2022 einziehen. Rita Szász, Mutter eines WG-Bewohners, und Vater Andreas Müller sind sich einig: Das Projekt stehe bald vor der Vollendung, was ein tolles Gefühl sei. Ein Wohnplatz ist noch frei.