Walldorf: Wie Corona den illegalen Welpenhandel fördert
Von Sabine Hebbelmann
Walldorf. Am "Tag des Hundes" veranstaltete der Tierschutzverein Wiesloch/Walldorf und Umgebung nicht nur seine beliebte Hunde-Rallye mit Hundetrainerin Steffi Winter, er machte auch auf das Problem des illegalen Welpenhandels aufmerksam.
Beim Tom-Tatze-Tierheim haben die Mitglieder einen Infostand aufgebaut. Neben Infomaterial und Kampagnenfotos von geschundenen Welpen steht eine Grabkerze, dazwischen sind Plüschhunde drapiert. "Das Problem des illegalen Welpenhandels hat sich durch Corona unheimlich verschärft", sagt der Vorsitzende Volker Stutz. Arbeitsplätze wurden in die eigenen vier Wände verlagert und Schulkinder langweilten sich daheim. Bei vielen war der Wunsch nach einem Haustier schon vorher da, das Homeoffice wurde zu einem willkommenen Anlass, ihn sich zu erfüllen, beobachtet der Tierschützer.
Bei allem Verständnis für die Sehnsucht nach tierischer Gesellschaft sorgt er sich wegen der verbreiteten Gedankenlosigkeit. Sie beginnt bei der unüberlegten Anschaffung per Computermaus und reicht bis zu der Frage: Wohin mit dem Hund, wenn der Arbeitsplatz wieder im Büro ist?
Die starke Nachfrage sorgt jedenfalls dafür, dass das Geschäft mit dem Hundeleid brummt. Sowohl in Deutschland als auch im Ausland werden Hunde unter grausamen Bedingungen in Massenzuchtanlagen und Hinterhöfen "gezüchtet", vermeldet der Deutsche Tierschutzbund, der am 29. Mai auf das Problem aufmerksam machte. Da Wiesloch-Walldorf zu spät mit Infomaterial beliefert wurde, fand die Aktion hier zwei Wochen später statt.
Für das Corona-Jahr 2020 verzeichnet der Verband einen traurigen Rekord: Die Zahl der von illegalem Handel betroffenen Hunde habe sich verdreifacht, die Zahl betroffener Katzen sogar versechsfacht. Der Blick auf das erste Quartal 2021 verheißt nichts Gutes: Mit 112 Fällen und rund 800 betroffenen Tieren wurden von Januar bis März schon rund zwei Drittel der Fälle des gesamten letzten Jahres erreicht.
Drei Fälle landeten beim hiesigen Tierschutzverein. Wie Stutz berichtet, griff die Autobahnpolizei bei St. Leon-Rot einen Sprinter aus Bulgarien mit 16 Hunden auf. Sie waren in Käfigen untergebracht, die im Laderaum teils übereinandergestapelt waren. Der Fahrer war schon 30 Stunden unterwegs gewesen. Vier Hunde waren zuvor in Österreich ausgeladen worden, weitere Stationen waren in Belgien, den Niederlanden und in Norddeutschland geplant. Unterwegs versorgt wurden die Hunde mit Wasser aus abgeschnittenen Plastikflaschen. Über die Auftraggeber war vom Fahrer wenig zu erfahren, nur dass er für den Transport 100 Euro pro Tier bekommen hatte. Stutz erinnert sich besonders an einen Welpen, der so verängstigt war, dass er mit Tabletten beruhigt werden musste. Die Hunde wurden im Tom-Tatze-Tierheim untergebracht, bis die neuen Besitzer sie abholten.
Bei den anderen beiden Fällen handelte es sich um Hausbeschlagnahmungen. Die Kontrolleure waren auf je fünf Welpen aufmerksam geworden, die per Auto aus Osteuropa zu Vermittlern in der Region transportiert worden waren. In einem der beiden Fälle waren die Welpen erst wenige Wochen alt und hatten noch keine Tollwutimpfung. Sie wurden gleich geimpft und kamen im Tierheim für drei Monate kostenpflichtig in Quarantäne. Dass es so oft genau fünf Hunde sind, die "ein neues Zuhause suchen", sei kein Zufall, so Stutz. Erst ab sechs Tieren gelte es als gewerblicher Transport – mit entsprechenden Auflagen. Die Transporte lassen sich schwerlich überwachen, weiß der Tierschützer: "In welchem Alter und in welcher Verfassung die Tiere ankommen, lässt sich daher kaum feststellen."
Wer sich einen Hund zulegen will, sollte sich an Tierheime oder seriöse Züchter wenden, empfiehlt Stutz. Diese geben Tiere nicht einfach ab, sondern interessieren sich dafür, wo sie landen und achten darauf, dass Hund und Halter auch zueinander passen.
"Es gibt auch Schlawiner, die vermitteln einer 86-jährigen Gehbehinderten einen Welpen – ausgerechnet einen Kangal." Herdenschutzhunde wie diese würden als "liebe Familienhunde" bezeichnet, "auch wenn sie genetisch darauf ,programmiert’ sind, selbstständig eine Herde zu bewachen". Stutz weiß, wovon er spricht, er selbst hat einen dieser anatolischen Hirtenhunde, allerdings aus dem Tierheim. Der Tierschützer macht sich Gedanken was nach der Corona-Krise passiert. "Wenn die Rücklaufwelle kommt, die Tierheime können das nicht auffangen", mahnt er.
Auch der Deutsche Tierschutzbund appelliert: "Hunde, die während der Corona- und Homeoffice-Zeit nahezu 24 Stunden mit ihren Menschen verbringen durften, sollten nicht von heute auf morgen alleine bleiben." Der Verband rät zu einer langsamen Umstellung und wirbt im Rahmen des Aktionstags "Kollege Hund" am 24. Juni für mehr Akzeptanz von Hunden am Arbeitsplatz.