Heidelberg: Vakzine sind trotz Impf-Aktionen knapp
Von Sarah Hinney
Heidelberg. 700 Impfdosen werden diesen Mittwoch in der Weststadt an den Mann und die Frau gebracht. Der Neuenheimer Hausarzt Albertus Arends, der auch ärztlicher Leiter des Kreisimpfzentrums im Pfaffengrund ist, bietet die Aktion gemeinsam mit der Caritas in der Bonifatiuskirche am Wilhelmsplatz an – alle Termine sind ausgebucht. Bei einer ähnlichen Aktion der Gemeinschaftspraxis Dres. von Blittersdorff vor ein paar Wochen in Handschuhsheim konnten Impfwillige ohne Termin kommen, der Ansturm war gewaltig. Blittersdorff macht diesen Samstag wieder eine große Impfaktion: Alle 600 Termine sind weg.
Und noch einen dritten Impfmarathon gibt es diese Woche: Die Praxis von Dr. Dieter Jung und Dr. Christoph Jung in der Altstadt öffnet am Donnerstag und Freitag ausschließlich zum Impfen – ohne Terminvergabe. 800 Impfdosen hat er. Ob alles reibungslos klappt, weiß Dieter Jung noch nicht. Aber er will mit der großen Aktion den Impffortschritt in der Stadt voranbringen.
Zwar eint dieses Ziel wohl alle Ärzte, die impfen – gleichwohl sehen manche Kollegen solche Aktionen auch kritisch. Dr. Gerd Grube, Hausarzt in Kirchheim, sagt: "Durch immer neue Impfaktionen wird der Impfstoff nicht mehr, sondern die Arbeit der niedergelassenen Hausärzte behindert." Grube hat das gleiche Problem, das allen Ärzten gerade zu schaffen macht: Es fehlt an Impfstoff. "Von 300 Impfdosen, die ich in der ersten Juniwoche bestellt habe, habe ich 20 erhalten", sagt Grube. Wie knapp der Impfstoff sei, sehe man auch daran, dass selbst das Kreisimpfzentrum tageweise schließen müsse. "Ich bin kein Fan der Impfzentren, aber wenn sie schon da sind, sollten sie auch betrieben werden." Dabei betont der Arzt: "Letztendlich ist zweitrangig, wo geimpft wird. Wichtig ist, dass die Impfungen passieren."
Grube findet: "Wir können den Impfstoff an noch so viel mehr Stellen verteilen, davon wird er nicht mehr. Die 700 Dosen, die jetzt in der Weststadt verimpft werden, hätten deshalb zentral verteilt werden sollen." Die meiste Arbeit für die niedergelassenen Hausärzte mache momentan nicht das Impfen – sondern das Vertrösten der Patienten auf künftige Lieferungen.
Die große Frage lautet: Wieso haben manche Ärzte, etwa Arends und Jung, überhaupt auf einen Schlag so viel Impfstoff zur Verfügung, während andere Praxen den Mangel verwalten? Arends sagt, er habe sich die Impfstoffdosen mühsam zusammengesammelt – von anderen Arztpraxen, in denen sie liegen geblieben waren. "Das war sehr aufwendig", sagt er. Trotz des Mangels blieben immer wieder Dosen liegen. So seien etwa Kinderarztpraxen mit Astra-Zeneca beliefert worden, obwohl dieser Impfstoff gar nicht für Kinder freigegeben ist. Auch in anderen Praxen bleibt Astra-Zeneca manchmal liegen.
Doch auch Arends kennt das Problem, bei ihm klingeln ebenso die Telefone durch, für den normalen Praxisalltag bleibe kaum Zeit. Er musste sogar Termine für die Zweitimpfung mit Biontech absagen. Arends bedauert, dass die Priorisierung komplett aufgehoben wurde. "Wir haben noch sehr viele Menschen in der Priorisierung, die noch nicht geimpft sind."
Impfstoffmangel und glühende Telefondrähte sind auch in der Praxis Dr. Jung seit Wochen Alltag. Für seine große Impfaktion ist er anders vorgegangen: Jung hat einfach bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) nachgefragt, ob seine Praxis auch bei mehreren Apotheken Impfstoff bestellen kann. Das sei zwar unüblich – normalerweise bestellen Praxen nur bei einer Apotheke –, ist in der aktuellen Pandemiesituation aber offenbar möglich. Jung sagt: "Die klare Auskunft war, dass da nichts dagegen spricht, weil vorrangig ist, jetzt möglichst viele Menschen zu impfen."
Der Arzt und seine Frau waren vergangenes Jahr beide selbst schwer an Corona erkrankt. Ihm ist es daher ein besonderes Anliegen, möglichst viele Menschen zügig zu impfen. "So ein Impfmarathon ist ein ziemlicher logistischer Aufwand für die vier Ärzte und sechs Helfer in unserer Praxis." Er bittet alle Patienten um Geduld, sollte es zu längeren Wartezeiten kommen.