Hirschhorn: Präzisionsarbeit mit Stahl-Kolossen von zweimal 30 Tonnen
Von Marcus Deschner
Hirschhorn. Da war Präzisionsarbeit angesagt: Mit ruhiger Hand bewegte der Kranführer eines Kehler Spezialunternehmens am Dienstag zwei je 30 Tonnen schwere Torflügel und setzte diese zentimetergenau in die linke Kammer der Hirschhorner Schleuse ein. Mit dem Einbau des Untertors geht die Sanierung der Schleusenkammer nach jahrelanger Verzögerung in die Zielgerade. Denn mehrfach ging die im Jahr 2015 begonnene Sanierung der 1959 gebauten Kammer in die Verlängerung.
Die Kammer hat eine Länge von 110 Metern und eine Breite von zwölf Metern. Ursprünglich war eine Bauzeit von 22 Monaten angesetzt. Nachdem es immer wieder zu Verzögerungen kam und die Schifffahrt nur eine Kammer nutzen konnte, war zuletzt das zweite Halbjahr 2019 als Fertigstellungstermin angepeilt worden. Doch auch der platzte wieder. Wie vom Wasserstraßen-Neubauamt Heidelberg (WNA) seinerzeit zu erfahren war, sei dieser Umstand nicht zuletzt auf die seit drei, vier Jahren herrschende große Auslastung der Baubranche zurückzuführen. Man habe sich mitunter schwergetan, für neu hinzukommende Arbeiten überhaupt geeignete Firmen zu finden. Nicht eingeplante Baumängel hätten für ein Übriges gesorgt. Und auch die Baukosten schossen extrem in die Höhe. Ging man zu Beginn der Maßnahme noch von 2,6 Millionen Euro aus und erhöhte dann auf vier Millionen Euro, so wird heute von 5,5 Millionen Euro gesprochen. Allein jeder der Torflügel kostet laut Sprecher des Wasserstraßen-Neubauamts Heidelberg 700 000 Euro, hat eine Abmessung von zehn auf sieben Meter und ist einen Meter dick.
Jetzt also soll die Fertigstellung der Kammer und Freigabe für die Schifffahrt in greifbare Nähe rücken. Per Schiff kamen die auf der Rosslauer Werft in Dessau an der Elbe gefertigten Kolosse in Hirschhorn an. Begleitet von etwa einem Dutzend Werftmitarbeitern, das per Pkw an den Neckar reiste. Den Transport führte der Hirschhorner Binnenschiffer Tobias Bell mit seinem Frachtschiff "Somnium Videre", was auf Deutsch "Träumen" heißt, durch. Der frühere Tanker kann bis zu 2 600 Tonnen Fracht laden, ist 105 Meter lang und elf Meter breit. In der Nacht von Montag auf Dienstag machte das Güterschiff im Unterwasser der Schleuse fest. Die beiden Flügel des Stemmtores wurden jedoch nicht direkt vom Schiff in ihre endgültige Position gebracht. Sie wurden per Schwerlastkran ausgeladen und zunächst auf der für den Fahrzeugverkehr gesperrten Ersheimer Straße abgelegt. Dort wurden die Reihenlager angebracht. Denn diese bereits auf der Werft zu montieren, sei den Verantwortlichen "zu heiß gewesen", erklärte auf Nachfrage ein Mitarbeiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes. "Wenn die nämlich beim Transport verbogen worden wären, hätten wir die Tore nicht montieren können". Dann hätte sich die ganze Sanierungsaktion noch weiter hinausgezogen. Während also die Flügel auf der Straße für die Montage vorbereitet wurden, mussten motorisierte Verkehrsteilnehmer den Umweg über Hungerbuckel und Adalbert-Stifter-Straße nehmen, um zur Brücke oder zum Industriegebiet zu kommen.
Wie vom WNA weiter zu erfahren war, sollen die Torflügel nach dem Einheben mit den Elektrohubzylindern verbunden werden. Diese sorgen dafür, dass das Stemmtor bewegt werden kann. In den kommenden Wochen sollen dann die Feineinstellung der Flügel sowie der Probebetrieb stattfinden. Bevor die linke Schleusenkammer dann wieder in den Regelbetrieb gehen kann, muss noch die Seilstoßschutzanlage eingebaut werden. Die soll verhindern, dass ein zu Tal fahrendes Schiff unbeabsichtigt in das neue Untertor fahren kann. Die Ausrüstung der Kammer mit dieser Schutzanlage soll laut WNA-Sprecher "noch in diesem Jahr" erfolgen.