Erster Erfolg nach vier Unentschieden: Wichtiger SVW-Sieg mit Kampf und Leidenschaft (Fotogalerie/Video)
Von Daniel Hund
Wiesbaden. Die Schreie waren wohl bis nach Frankfurt zu hören: "Jaaaa", schallte es durch die menschenleere Brita-Arena in Wiesbaden. Immer wieder. Minutenlang. Wer da schrie? Es waren die Waldhof-Buben. Die hatten im fünften Ligaspiel endlich das geschafft, was sie schon seit Wochen verdient gehabt hätten: drei Punkte. Beim Zweitliga-Absteiger reichte es zu einem 1:0 (0:1)-Erfolg.
Das Verrückte daran: Diesmal war es eher unverdient. Rüdiger Rehm, der Ex-Waldhöfer, der beim SV Wehen Wiesbaden als Trainer die Kommandos gibt, sagte es so: "Dieses Ergebnis tut richtig weh, frustriert und passt uns gar nicht. Aber manchmal muss man die Dinger eben auch mal erzwingen." Seine Mundwinkel zeigten in Richtung Boden, die Schultern zuckten. Fassungslos war er.
Ganz anders Patrick Glöckner. Der stiefelte gut gelaunt über den Rasen, setzte sein schönstes Siegerlächeln auf. Unter der Woche war er im RNZ-Interview noch ganz cool, sagte mit einem Augenzwinkern: "Unsere Siege kommen noch, ganz bestimmt!" Am Samstag um kurz vor 16 Uhr war der erste heiß ersehnte Dreier eingefahren: "Dieser Sieg war ganz wichtig", sagte er, "fußballerisch haben wir sicher schon bessere Spiele gemacht. Wir haben das über die Leidenschaft und ganz viel Hingabe gelöst."
Und seine Jungs? Die drehten derweil ihre Runden. Auslaufen statt ausruhen war angesagt. Zu stören schien das niemanden. Siege machen Beine – und gute Laune. Max Christiansen und Co. grinsten sich einen. Lediglich Joseph Boyamba wirkte ein wenig nachdenklich, als er über das Rasen-Rechteck trabte.
Vielleicht dachte er an die Szene des Spiels. Seine Szene: Flanke Martinovic, Annahme Boyamba, kurze Drehung, Flachschuss – drin das Ding. Wieder er, wieder der keine Wirbelwind mit dem knallharten Schuss. Bereits nach 90 Sekunden hatte er eiskalt zugeschlagen.
Sicherheit hätte das bringen, Lust auf mehr machen können. Aber es kam anders: Wiesbaden brannte ein Feuerwerk ab, tauchte immer wieder gefährlich vor dem Waldhof-Kasten auf. Aber sie hatten die Rechnung ohne einen alten Bekannten gemacht: Jan-Christoph Bartels, 21. Mannheims Keeper stand in der Vorsaison noch im Kader der Rehm-Elf.
Und nun diese Rückkehr: Bartels war der Fels in der Brandung, rettete mehrfach in höchster Not, begeisterte mit spektakulären Reflexen und zeigte, warum er von 2013 bis 2019 sämtliche U-Nationalmannschaften des DFB durchlief.
Von Eigenlob hält er nicht so viel. Er redet lieber über den Rest, das große Ganze: "Wie wir uns in die Zweikämpfe reingeworfen haben, das macht einfach Mega-Spaß mit der Truppe."
Ein weiterer Leuchtturm in der Mannheimer Abwehr-Schlacht: Jesper Verlaat, 24. Erstmals lief der lange Blonde nach seiner Verletzung in dieser Saison für die Blau-Schwarzen auf. In der Innenverteidigung gab er den Ton an, war Lautsprecher, Ausputzer, Motivator. Und auch nach dem Spiel spricht er Dinge an, die im Siegestaumel schnell mal in Vergessenheit geraten: "In der zweiten Halbzeit haben wir keinen Fußball mehr gespielt, wie in den vergangenen vier Wochen auch." Mit einem Unterschied: "Heute war die Willenskraft da, um das 1:0 auch mal dreckig über die Zeit zu bringen."
Das Selbstvertrauen ist groß. Das spürt man, das hört man aus seinen Worten heraus. Und wenn man schon mal dabei ist, soll gleich nachgelegt werden: Schon am Dienstag, 19 Uhr, geht’s weiter: Zuhause, gegen Hansa Rostock, den Traditionsklub von der Ostsee. Verlaat, der Ehrgeizige: "Wir wollen den Schwung und die Emotionen mit in die Englische Woche nehmen, machen wir so weiter, können wir einen guten Lauf hinlegen."
Hört sich nach noch mehr Schreien an.
Wiesbaden: Boss - Mockenhaupt, Medic, Carstens, Kempe - Chato, Lais (69. Schwede) - Kuhn (68. Hollerbach), Wurtz, Korte (82. Maurice Malone) - Tietz
Mannheim: Bartels - Marx (69. Ferati), Verlaat, Hofrath, Donkor - Christiansen, Saghiri (46. Ünlücifci) - Costly, Garcia - Martinovic, Boyamba (87. Gohlke)
Tor: 0:1 Boyamba (2.); Schiedsrichter: Mitja Stegemann (Bonn); Zuschauer: keine
Stimmen zum Spiel:
> Waldhof-Trainer Patrick Glöckner: "Wir haben heute ein kampfbetontes Spiel gegen einen guten Gegner gesehen. Sie haben uns sehr gut beschäftigt. Wir wollten endlich mal die Null halten und haben das auch geschafft. Wir haben fußballerisch schon bessere Spiele gemacht, aber das ist am Ende zweitrangig. Es war ganz wichtig, dass wir am Ende gewonnen haben. Der Gegner war sehr stark und hat uns viel beschäftigt. Für uns ging es heute aber darum, hinten die Null zu halten und das haben wir geschafft. In den letzten zehn Minuten hätten wir das 2:0 nachlegen können, aber auch Wehen hatte noch Chancen."
> Wiesbaden-Trainer Rüdiger Rehm: "Ich bin unglaublich frustriert und enttäuscht. Waldhof hat einen super Start und macht gleich das 1:0. Wir aber müssen uns belohnen und klarer werden. Vielleicht musst du das Ding am Ende auch einfach erzwingen. Unser Anspruch muss sein, das Spiel zu gewinnen. In den nächsten Wochen müssen wir uns belohnen für das, was wir da vorne machen."
> Jan-Christoph Bartels, gebürtiger Wiesbadener: "Es ist immer schön, wenn man drei Punkte holt. In der eigenen Geburtsstadt ist es natürlich noch viel besser. Darauf können wir aufbauen. Ich versuche immer meine Leistung zu bringen und den Jungs zu helfen. An sie will ich in den nächsten Wochen anknüpfen."
> Gianluca Korte, ehemaliger Mannheimer: "Es ist sehr frustrierend. Wir haben oft aufs Tor geschossen und alles versucht. Am Ende hat es leider nicht gereicht."
> Jan-Hendrik Marx, Waldhof-Außenverteidiger: "Wichtig sind die drei Punkte, die wir mitnehmen. Spielerisch war es nicht unsere beste Leistung. Die war in den ersten vier Spielen definitiv besser. Aber kämpferisch haben wir richtig gut dagegengehalten. Jetzt gilt es beides zu kombinieren, dann sind wir auf einem Super-Weg. Am Dienstag gehen wir mit breiter Brust ins Spiel."
Update: Samstag, 17. Oktober 2020, 16.30 Uhr